26.01.2022

„Austritt ist der falsche Weg“

Selten waren katholische Gemeinden so von schlechten Nachrichten gebeutelt wie heute. Überall Kopfschütteln und Austritte. Wie reagiert man? Ein Beispiel aus Schwerin, wo das Gemeindeteam von St. Martin fünf Thesen formuliert hat.

Das Gemeindeteam von St. Martin: Bernd Loscher, Andreas Frindt, Christian Briesen, Claudia Becker und Reinhard Loscher vor dem Standbild des seligen Niels Stensen
„Gib Gott, dass ich nur das behaupte, was ich ganz genau weiß.“ Ein Satz von Niels Stensen. An seinem Standbild das Gemeindeteam von St. Martin: Bernd Loscher, Andreas Frindt, Christian Briesen, Claudia Becker und Reinhard Loscher. Foto: Rotermann

Die Diözese München/Freising liegt weit weg. Ihr Missbrauchsgutachten hat eine Welle geschlagen, die bis in kleine katholische Diaspora-Gemeinden dringt. Als das Gemeindeteam der Schweriner St. Martin-Gemeinde sich am vergangenen Samstag traf, waren die Mitglieder noch „fassungslos und sprachlos“. Die Mitglieder des Teams änderten ihre Tagesordnung und fassten den Entschluss: „Wir müssen etwas tun, um unsere katholische Kirche wieder glaubhaft zu machen.“ Nach einer intensiven Diskussion formulierte das Team fünf Thesen – als Anstoß für eine Diskussion in der Gemeinde, vielleicht auch in anderen Gemeinden. Hier der Text: 

Fünf Thesen für einen Weg aus der Krise:

1.    Der Austritt aus der Kirche oder Spaltung ist für uns der falsche Weg. Besser ist es, die katholische Kirche von innen heraus neu aufzustellen.

2.    Unzählige Christen treten dennoch gegenwärtig aus der Kirche aus, weil sie mit ihren „Kirchenoberhirten“ und deren Lügen nicht klarkommen. Mit der Kirchensteuer wollen die Gläubigen nicht länger für eine Entschädigung von Menschen aufkommen, denen von kirchlichen Amtsträgern Leid zugefügt worden ist. Und sie wollen auch nicht für juristische Gutachten zahlen, die Mitverantwortliche reinwaschen sollen. Bis zu einer nachhaltigen Änderung der Kirchensteuererhebung sollten die Mitglieder deshalb eine Wahlmöglichkeit bekommen, für welche Zwecke ihre Kirchensteuer konkret verwendet wird, beispielsweise nur für die Belange der eigenen Gemeinde oder für karitative Aufgaben. Solche Maßnahmen könnten die Austrittswelle bremsen.

3.    Die Zahlungen an die Opfer sexuellen und anderen Missbrauchs müssen aus der Veräußerung von Immobilienvermögen der katholischen Kirche erfolgen und so auch aus Gehaltsbestandteilen aller direkt oder indirekt Verantwortlichen in der katholischen Kirche, besonders so weit möglich aus dem Vermögen der Täter. 

Die Verantwortlichen der Kirche haben zugeschaut, Akten gelöscht, unzugänglich oder nicht mehr zugänglich gemacht im Sinne der Institution Kirche. Was nicht sein darf, kann nicht sein. So ist es so auch bis heute geblieben. Schuld haben andere. Wie aber geht Kardinal Woelki mit seiner hohen kirchlichen Entschädigung in der Auszeit um? 

4.    Das Vertrauen in hochrangige Amtsträger der katholischen Kirche und in die Institution selbst ist bei vielen Gläubigen unwiderruflich zerstört. Die Kirche Christi braucht deshalb in Deutschland einschneidende Veränderungen, das heißt eine Reform von der Wurzel her. Ähnlich den Strukturen der Urchristengemeinde sollte dieser Prozess von den katholischen Gemeinden selbst ausgehen. Zu ihnen haben die Gläubigen noch Vertrauen. Dieser Prozess würde helfen, die katholische Kirche in ganz Deutschland neu von unten her zu denken.

5.    In diesem Prozess müssen sofort tradierte Glaubensinhalte neu angepasst werden. Ein längeres Warten auf Ergebnisse im Synodalen Weg wird jetzt immer unzumutbarer für die Gläubigen. Oder erwarten wir eine Kirche mit teuren, musealen Immobilien und wenigen Gläubigen? Kirche wird schwerlich Menschen zum Eintritt bewegen können, wenn Unverständliches wie etwa die „unbefleckte Empfängnis Mariens“ verkündet wird. Solche Inhalte sind nicht mehr vermittelbar, und sie desavouieren Frauen. Genauso gehört die gesamte kirchliche Sexuallehre auf den Prüfstand gestellt: Sie hat maßgeblich zu dem Massenmissbrauch beigetragen und darüber hinaus für großes psychische Leid bei vielen Gläubigen gesorgt. Auch die Themen „Zölibat“ und „Frauen in der Kirche“ müssen geprüft werden.

Das Thesenpapier schließt mit den Worten: „Das Gemeindeteam St. Martin wird die jetzt angestoßene Diskussion weiterführen. Die Mitglieder werden versuchen, gemeinsam mit der Gemeinde die Kirche für ihren kleinen Zuständigkeitsbereich und darüber hinaus neu zu durchdenken. Austritt ist keine Lösung! Eine Spaltung der Kirche aber auch nicht!
In Sorge!
Das Gemeindeteam St. Martin Schwerin.“