07.10.2020

„Befähigung auch zum Dialog“

Die Erzbistümer Hamburg und Berlin bieten Pädagogen gemeinsam einen Weiterbildungsstudiengang zur katholischen Religionslehrkraft an. Im Interview äußern sich dazu die Leiter der zuständigen Abteilungen. 

Prof. Dr. Birgit Hoyer und Dr. Christopher Haep im Gespräch
Prof. Dr. Birgit Hoyer und Dr. Christopher Haep informierten über den Weiterbildungsstudiengang zur Religionslehrkraft. Er besteht aus sechs Block­wochen und zwölf einzelnen Studientagen, die im Präsenz­unterricht in Hamburg und Berlin stattfinden. Darüber hinaus gibt es E-Learning-Bausteine, an denen über das Internet von zu Hause aus teilgenommen werden kann.  Zugelassen werden Lehrkräfte mit Zweitem Staatsexamen oder Master für das Lehramt an Primar- und Sekundarstufe I oder an Gymnasien. Foto: Matthias Schatz

„Schulpraktische Religionspädagogik“ heißt der viersemestrige kostenfreie Studiengang für Lehrkräfte, die noch nicht die Fakultas für Religion haben. Geleitet wird er von Prof. Andreas Leinhäupl von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Er beginnt am 29. Januar, eine Anmeldung ist bis zum 30. November möglich. Lehrkräfte an katholischen Schulen beider Diözesen werden für die Präsenzlehre freigestellt. Prof. Dr. Birgit Hoyer, Bereichsleiterin Bildung im Erzbistum Berlin, und Dr. Christopher Haep, Leiter der Abteilung Schule und Hochschule im Erzbistum Hamburg, standen Rede und Antwort zu dem Studiengang.

Warum wird dieser Studiengang jetzt eingeführt? 

Hoyer: Wir haben einen großen Bedarf an qualifizierten Religionslehrkräften. Einerseits gibt es in allen Ländern ein Interesse katholischer Eltern, dass ihre Kinder im Fach Religion unterrichtet werden. Andererseits gehen viele Religionslehrkräfte in den kommenden Jahren in den Ruhestand. 

Und wie ist die Situation im Erzbistum Hamburg?

Haep: In Hamburg gibt es derzeit noch genügend Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Aber auch hier werden in den nächsten fünf bis acht Jahren viele Religionslehrkräfte in den Ruhestand wechseln – das gilt für staatliche Schulen genauso wie für katholische. Wir müssen unsere Bemühungen um den Nachwuchs mit großem Engagement angehen. Zudem haben wir in den vergangenen Jahren gemerkt, dass wir auch Weiterbildungsformate schaffen müssen, die für eventuelle Kandidaten und Kandidatinnen besser erreichbar sind. Das geschieht mit diesem hybriden Studiengang, an dem man auch von zu Hause aus teilnehmen kann.

Wie wird auf die Erfahrung der  Lehrkräfte aus ihren bisherigen  Fächern aufgebaut? 

Hoyer: Mit drei Dingen. Zum Ersten durch eine theologische Fundierung mit fachwissenschaftlichen Inhalten, etwa in bib­lischer Theologie, historischer Theologie, Systematik und Religionspädagogik. Zum Zweiten durch eine Didaktik für den katholischen Religionsunterricht. Und zum Dritten wird die Rolle und große Herausforderung der Religionslehrkräfte reflektiert: Was bedeutet es, heute in einem säkularen Umfeld Religion zu unterrichten. 

Haep: Wichtig ist dabei auch: Es werden alle unterschiedlichen religionsunterrichtlichen Formate in den fünf Bundesländern bedient, über die sich die beiden Erzbistümer erstrecken.

Wie ist das Interesse von Lehrkräften an der Weiterbildung?

Hoyer: Die Motivation ist sehr breit. Gerade weil man an einer katholischen Schule tätig ist, wächst offensichtlich auch der Wunsch, sich intensiver mit dem christlichen Glauben zu befassen und ihn theologisch zu fundieren. Das ist sowohl ein fachliches wie auch persönliches Interesse, das auch die Reflexion des eigenen Glaubens beinhaltet. 

Haep: Wir registrieren bei uns zunehmend Anfragen von Lehrkräften vor allem aus dem Grundschulbereich, wie man sich denn weiter qualifizieren könnte. Das ermutigt uns, mit so einem Angebot nach draußen zu gehen und auch die Palette der Möglichkeiten zu differenzieren.

Welche Bedeutung hat religiöse Bildung für Heranwachsende?

Haep: Studien, die uns vorliegen, kommen trotz der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass das Fach Religion Schülerinnen und Schülern wichtig ist. Denn es bietet ihnen die Möglichkeit, existenzielle Lebensfragen – anders als in anderen Fächern – zu reflektieren. Religiöse Bildung ist ein entscheidender Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Das trifft gleichermaßen auf Schülerinnen und Schüler zu, die aus einer christlichen Sozialisation kommen wie auf jene, die nicht christlich sozialisiert wurden. Dabei ist den Kindern und Jugendlichen wichtig, dass sie eine Lehrkraft vor sich haben, die sich selbst religiös zu positionieren weiß, die in der Glaubenserfahrung steht und darüber auch auskunftsfähig ist.

Hoyer: Ich würde sogar sagen: Nicht nur trotz, sondern gerade in den säkularen Zusammenhängen ist Religionsunterricht gefragt. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, die nicht nur auf politisch-gesellschaftliche Möglichkeiten begrenzt ist. Dass es da eine Hoffnung gibt, dass es anders sein könnte. Dass aus einer anderen Haltung heraus Vorstellungen gesellschaftlichen Engagements entwickelt werden, einer Haltung, die auf den Glauben an einen bedingungslos liebenden Gott basiert, der jeden so annimmt, wie er oder sie ist und wo keine Leistung notwendig ist, um wertgeschätzt zu werden. Das ist ein großer Mangel im Schulsystem.

Haep: Ich finde es darüber hinaus sehr wichtig, dass wir auch den Dialog in den Fokus des Religionsunterrichts stellen. Die Befähigung zum Dialog zwischen den Religionen, mit anderen Lebens- und Weltanschauungen ist eine Kernkompetenz, die wir Schülerinnen und Schülern über den Religionsunterricht mitgeben wollen. Das ist aus unserer Sicht eine wichtige Fähigkeit zur Gestaltung von Gesellschaft und  zum friedvollen Miteinander.

Ansprechpartnerin für den Studiengang ist im Erzbistum Hamburg Friederike Mizdalski (E-Mail: mizdalski@erzbistum-hamburg.de). 

Interview: Dr. Matthias Schatz