14.07.2022

„Berührt mein Herz zutiefst“

Zu Beginn der Coronapandemie wurde in St. Gallen ein Projekt angestoßen, bei dem mehr als 950 Menschen die 1189 Kapitel der Bibel abgeschrieben haben. Eine Druckversion dieser Bibel ist bis Ende Juli im Kloster Nütschau zu sehen.

Max Renneke, Bruder Prior Johannes Tebbe und Benjamin Lipinski (v. li.) freuen sich, die Corona-Bibel noch bis Ende Juli zeigen zu können. Die aufgeschlagene Seite zeigt die Offenbarung des Johannes. | Foto: Marco Heinen

Als „ein Heilmittel gegen die Vereinzelung“ war die St. Galler Corona- Bibel auf den Weg gebracht worden, wenige Stunden bevor in der Schweiz am 16. März 2020 für einige Wochen ein Lockdownverhängt wurde. Der evangelisch- reformierte Pfarrer Uwe Habenicht als Initiator, Mitarbeiter der katholischen City-Seelsorge der Stadt und weitere Freiwillige setzten mit ihrer Arbeit aber auch ein starkes ökumenisches Zeichen. Ihr Plan: 1189 Menschen sollten die 1189 Kapitel der Bibel abschreiben, ergänzt um Zeichnungen und Kommentare. Es dauerte bis Anfang Juli 2020, bis die 3811 Seiten für die Druckausgabe eingescannt werden konnten. Am Ende sind es über 950 Menschen, die dazu beigetragen haben, dass nun seit Weihnachten 2021 drei sehr prächtige dreibändige gedruckte Bibeln Station an Orten kirchlichen Lebens in Deutschland, Österreich und der Schweiz machen.

Und einer dieser Orte ist das Kloster Nütschau, wo die Corona- Bibel noch bis zum 26. Juli zu Gast ist, bevor sie in einem Krankenhaus in Sigmaringen zu sehen sein wird. Während das Neue Testament im Vorraum der Klosterkirche ausliegt, befinden sich die zwei Bände des Alten Testaments im Beichtraum der Kirche, wo Praktikant Max Renneke (20) Leseplätze eingerichtet hat. „Es ist beeindruckend zu sehen, wie jede Stelle, die von einer einzelnen Person gestaltet wurde, so einzigartig ist und so unterschiedlich“, sagt er. Ihn fasziniert die Verbundenheit im Glauben vieler unterschiedlicher Menschen, die durch das Werk zum Ausdruck komme. Das siebenbändige Werk mit den Originalhandschriften und Zeichnungen wurde übrigens im März 2021 an die Stiftsbibliothek St. Gallen übergeben.

Der Umstand, dass die Bibel auch nach Nütschau gelangt ist, hat mit Stammgästen des Klosters zu tun, einer Familie aus der Schweiz. Tochter Johanna, die katholisch ist, hatte Pfarrer Habenicht beim Konfirmationsunterricht unterstützt und erzählte Jugendbildungsreferent Benjamin Lipinski (26) von dem Bibelprojekt. Der wiederum schlug den Brüdern vor, die Corona-Bibel auch nach Nütschau zu holen. Noch bis Ende 2023 soll die Corona- Bibel unterwegs sein, je einen Monat Platz an einem Ort finden, wo Menschen sich von der Abschrift inspirieren lassen können.

Bruder Prior Johannes Tebbe berichtet, dass seine Mitbrüder „sofort alle begeistert“ gewesen seien. Mit so vielen Menschen die ganze Bibel abzuschreiben, das sei „etwas sehr Wertvolles“, so Bruder Johannes, der dabei an die vielen Stunden der Handarbeit und Liebe zu den Details dieser Arbeit denkt. Die in vielen Klöstern über Jahrhunderte geübte Praxis, geistliche Texte abzuschreiben, wird aus seiner Sicht aufgrund der technischen Möglichkeiten heutzutage nicht mehr fortgeführt. Doch er selbst weiß, dass es beim Abschreiben um etwas anderes geht: „Ich habe ein kleines Büchlein, wo ich mir kurze Texte reinschreibe mit der Hand – Sätze, die mir wichtig geworden sind.“

An der Corona-Bibel haben sich junge Menschen beteiligt – manche waren erst acht oder zwölf Jahre alt, aber auch ältere Menschen griffen zur Feder oder zum Pinsel. Die seinerzeit fast 100-jährige Klara Rosenmund-Vollenweider etwa malte ein Aquarell zu Psalm 111. Eine 50-jährige Frau aus Mainz wiederum notierte als Kommentar zu ihrer Abschrift von Psalm 119, dass die von Heinrich Schütz vertonte Kirchenchor-Version, an deren Aufführung sie vor Jahren beteiligt war, zugleich die letzte Gelegenheit war, bei der ihre krebskranke Mutter sie hatte singen hören. Auf vielen Seiten sind es einfach nur sehr akkurate Abschriften, fehlerfrei und wunderschön, die zum Blättern und Lesen einladen.

Während des Gesprächs ist eine Ordensschwester vorbeigekommen und im Beichtraum verschwunden, um im Alten Testament zu lesen. Es ist Sr. Veronika Scharnberg, Benediktinerin aus dem Kloster Burg Dinklage bei Osnabrück, die in Nütschau zu Gast ist. Die gelernte Grafikerin ist begeistert: „Wie das aufbereitet ist, das ist einfach wunderbar“, sagt sie. „Ein Stück Evangelisation“ sei das. Und weiter: „Ich bin total berührt von dieser wunderbaren Bibel. Das berührt mein Herz zutiefst.“

Informationen zur Entstehung sowie Einblicke in die Corona-Bibel finden sich im Internet unter: www.coronabibel.ch

Autor: Marco Heinen