26.08.2020

„Die Frauen sind so erschöpft!“

Eigentlich war eine richtige Feier zum 20. Geburtstag geplant, mit Kurgästen aus ganz Deutschland. Aber auch die Kurklinik Stella Maris ist von „Corona“ gebeutelt. Dabei waren Kuren für erschöpfte Mütter nie so nötig wie jetzt.

Außenansicht der Kurklinik Stella Maris in Kühlungsborn
Die Caritas-Kurklinik Stella Maris in Kühlungsborn. Foto: Stella Maris

Viel schlimmer als die abgesagte Party war, dass die Kuren für April und Mai gestrichen werden mussten. „Am 16. März kam die Anordnung, dass wir keine Patientinnen mehr aufnehmen dürfen“, erinnert sich Elisabeth Grochtmann, Leiterin der Kurklinik und Caritas-Abteilungsleiterin für Familiengesundheit. Zwar durften die anwesenden Frauen ihre Kur noch beenden. „Die meisten haben sich total gefreut, dass sie bleiben durften.“ Doch es herrschte bereits eine gespenstische Atmosphäre im Ort. Die Urlauber waren weg, die Geschäfte fast alle zu. In der Kur­klinik ging das Leben noch zwei Wochen weiter, dann herrschte auch dort Stillstand und „Kurzarbeit null“ für alle Mitarbeiter. 

Ende Mai war dann vom Wiederbeginn die Rede. Doch von jetzt auf eben den Betrieb wieder anlaufen zu lassen, das war so einfach nicht. „Wir hätten einen Anreisetag am 2. Juni gehabt, aber das war nicht hinzubekommen“, erläutert die Leiterin der Kurklinik. Nach und nach holte sie die Mitarbeiter wieder zurück. „Unser Team ist total toll, die haben sich alle eingebracht und mitgemacht.“ 35 Mitarbeiter und zwei FSJ’ler sind pro Kur für die bis zu 30 Familien zuständig.

Elisabeth Grochtmann
Elisabeth Grochtmann. Foto: privat

Mit Abstandhalten und Maskenpflicht war es nicht getan. Einige Räume wurden gesperrt oder durften nur unter Bedingungen betreten werden. „Auch die Therapien sind viel aufwendiger, weil wir ja Abstände einhalten müssen“, sagt Grochtmann. „Wenn wir sonst 15 Frauen im Gymnas­tikraum zur Wirbelsäulengymnastik haben, können wir jetzt nur halb so viele reinlassen. Das heißt, wir müssen doppelt planen. So ist es mit Gesprächskreisen; so ist es mit allem.“ Und gerade bei den Therapieangeboten gehen solche Extras in die Kosten.

Mehrarbeit wohin man sieht. Der Aufzug ist gesperrt. Lieferanten müssen namentlich erfasst werden. Vor einem Anreisetag müssen alle Gäste angerufen werden: Haben sie sich in einem Risikogebiet aufgehalten? Hatten sie Kontakt zu einem Covid-19-Patienten? Und damit nicht genug: „Wir durften die erste Kur nur zu 60 Prozent, die zweite zu 80 Prozent und erst die dritte Kur wieder zu 100 Prozent belegen“, so die Einrichtungsleiterin. Und doch sind es nicht die Corona-Bestimmungen, die Elisabeth Grochtmann Sorge bereiten. „Da hat uns der Rettungsschirm des Bundes sehr geholfen, weil wir 60 Prozent der Kosten erstattet bekommen haben. Das war eine große Erleichterung.“

Stress im Schichtdienst, Zwang zum Erfolg 

Corona, das wird vorbeigehen. „Bedrohlich ist eher, dass die Krankenkassen zu wenig zahlen. Der normale Tagessatz ist viel zu gering“, sagt sie. Er beläuft sich pro Mutter auf 89,64 Euro und pro Kind auf 74,70 Euro. „Da bekommen sie in Kühlungsborn nicht einmal ein Zimmer mit Frühstück in der Saison“, so Grocht­mann. Und sie hat zu den Vollpensionskosten auch die Kos­ten für das Personal, für ärztliche Leistungen, Physiotherapie, psychologische Behandlungen und die Kinderbetreuung zu tragen.

Für Elisabeth Grochtmann ist die Unterfinanzierung ein Problem, das von Anfang an bestand. Als die Kurklinik an den Start ging, war der Wille beim Erzbistum groß, etwas für Mütter mit Kindern zu tun. Hintergrund war der Ausstieg der katholischen Kirche bei den Beratungsbescheinigungen für Schwangere. „Stella Maris wurde sowohl von Erzbischof Thissen als auch von Erzbischof Heße unterstützt, weil es so eine wichtige Arbeit für Mütter und Kinder ist. Und wir sind froh und dankbar, dass es so gekommen ist“, sagt sie.

Denn aus ihrer Sicht war der Bedarf an Mutter-Kind-Kuren nie so groß wie heute. „Wir merken es daran, wie erschöpft und fertig die Frauen sind. Homeschooling, Homeoffice – ich habe noch nie so erschöpfte Frauen gesehen wie im Moment“, berichtet Elisabeth Grochtmann. Und sie erzählt von diesen Anrufen bei den Kurgästen am Tag vor der Anreise, bei denen nach Krankheitssymptomen gefragt wird. Es ist ein Anruf, der die Frauen regelrecht erschreckt, weil sie eine Absage befürchten. „Die Zusage für eine Kur ist wie ein Licht am Ende des Tunnels.“

Das gilt auch ohne Corona. Die allermeisten Frauen, die eine Kur an der See verschrieben bekommen, sind mindestens in Teilzeit tätig. „Wir haben Ärztinnen, wir haben Bankkauffrauen, wir haben Verkäuferinnen und Hauswirtschafterinnen“, erzählt Grocht­mann. Und: „Krankenschwestern und Bankkauffrauen fühlen sich besonders ausgelaugt.“ Für Erstere ist es der stressige Schichtdienst, für Letztere der Zwang, Abschlüsse vorzuweisen, um im Beruf bestehen zu können. „Die Frauen sind so erschöpft, das wird von Jahr zu Jahr schwieriger.“ 

Die Kuren rund um Ostern des nächsten Jahres sind übrigens schon so gut wie ausgebucht. Die Frauen, denen diesmal abgesagt wurde, konnten sich für 2021 anmelden. Grochtmann: „Wir fanden das einfach fair.“

Text: Marco Heinen