28.10.2020

„Die Liebe ist etwas Heiliges“

Die Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Lübeck feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen, auf Veränderungen zu blicken und auf die Konstanten in den Beziehungen der Menschen zueinander.

Gabriele Anders von der EFL Lübeck freut sich über den Jahresplaner 2021
 Gabriele Anders freut sich über den „Jahresplaner 2021. Foto: Marco Heinen

Eigentlich hatte es zum 50-jährigen Bestehen einen großen Fachtag und einige Vorträge in Lübeck geben sollen unter dem Titel: „Beziehung im digitalen Zeitalter“. Das hätte in Coronazeiten ja auch sehr gut gepasst. Verantwortung in Netzwerken, Sexualität in den Medien, das Thema Scham in heutiger Zeit: Für all das hatte die Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) interessante Referenten angefragt. Aber die Auswirkungen der Pandemie haben alles torpediert. Deshalb sei alles abgesagt worden, berichtet Gabriele Anders (63), seit 2007 Leiterin der EFL-Beratungsstelle in Lübeck und darüber hinaus Leiterin des Fachbereichs beim Erzbistum Hamburg: „Wir wollten ganz viel machen, weil wir finden, dass 50 Jahre ein ganz besonderer Anlass sind.“

„Wir“, das sind in der Lübecker Beratungsstelle zehn Frauen und Männer, die alle über eine vierjährige Ausbildung als Ehe-, Familien- und Lebensberater verfügen, und von denen sich vier eineinhalb Vollzeitstellen teilen. Die anderen sechs Berater sind Honorarkräfte mit 70 bis 150 Beratungsstunden pro Jahr.

Kirche engagiert sich für Liebe, Glück und Familie

Statt der ausgefallenen Fachtagung gibt es nun als Ersatz einen schön gestalteten Jahresplaner 2021, randvoll mit Fotos, Gedichten und Impulstexten, die zum Nachdenken einladen. 1 500 Exemplare dieses Büchleins werden in den kommenden Wochen ihre neuen Besitzer bei den Netzwerkpartnern finden. Darunter sind Mitarbeiter von Diakonie, Pro Familia und Arbeiterwohlfahrt ebenso wie Psychotherapeuten und Ärzte, Seelsorger, Erzieher und Lehrer oder Mitglieder von Pfarr- und Gemeindeteams. Vorne auf dem Büchlein ist ein immerwährender Kalender drauf: „Das ist ein sehr wichtiges Symbol. Wir wollen nicht nur sagen, dass 50 Jahre vorbei sind, sondern auch ausdrücken, dass es gut wäre, wenn dieser so wichtige Dienst weitere 50 Jahre bestehen kann“, so Anders.

Wenn sie von der Arbeit der EFL-Beratungsstelle erzählt, dann merkt man etwas von dem Stolz auf das Geleistete: „Kirche schenkt hier Zeit und Geld für die Liebe, das Glück, die Partnerschaft und die Familie – die wichtigsten Themen der Menschen.“ Mit dem Angebot würden viele Menschen erreicht, die sonst nicht mehr viel mit Kirche zu tun haben. Anders: „Die Dankbarkeit der Ratsuchenden, die ist immens.“

In den 50 Jahren hat sich einiges verändert. Da war anfangs die Generation der 68er, die nicht nur freie Liebe predigte, sondern auch traditionelle Familienbilder auf den Kopf stellte. Es war eine Zeit, in der teils traumatische Erfahrungen des Krieges noch nachwirkten, auch in der jungen Generation. Ein offener Umgang mit der eigenen Schwäche? Für viele Ehepartner war das damals undenkbar. 

Die steigende Zahl von Paaren, die sich scheiden ließen, forderte die katholische Kirche zu einer Reaktion heraus. „Man hat damals gesagt, die Ehe als Sakrament muss geschützt- und die Menschen dabei unterstützt werden“, erläutert Anders. Unter diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wurde die Lübecker Beratungsstelle vom damaligen Bistum Osnabrück ins Leben gerufen, als eine der ersten im Norden überhaupt. Die Leitung lag damals bei Dr. Lea Pribilla, einer Internistin und Psychoanalytikerin. Ihr folgte ab 1984 der dieser Tage verstorbene Diplomtheologe Gustav Haslinger im Amt nach.

Wie sehr sich Gesellschaft vor allem in den ersten Jahrzehnten gewandelt hat, lässt sich auch an den Statistiken der frühen Jahre ablesen. So gab es anfangs als Rubrik noch „nur Hausfrau“ als Kategorie für Ratsuchende. „Uns hat das sehr gewundert, was es Anfang der 1970er Jahre im Bereich Ehe und Familie an Gesetzen so noch nicht gab“, erläutert Gabriele Anders. Interkonfessionelle Ehen? Erlaubte der Papst erst ab 1970. Und, nicht zu vergessen, bis 1977 gab es in Deutschland eine gesetzliche Verpflichtung der Ehefrau zur Haushaltsführung und Kindererziehung. Auch die Schuldfrage bei einer Ehescheidung war erst im Jahr zuvor abgeschafft worden. Am Scheitern einer Ehe „schuldig“ gesprochene Partner wurden bis dahin für entstandene Kosten herangezogen. 

Überraschend ist aus heutiger Sicht sicher auch, dass gewalttätige Partner erst seit 2001 aus der gemeinsamen Wohnung eines Paares verwiesen werden können. Gerade mal vier Jahre zuvor war der Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt worden. 

Zu den auffälligsten Veränderungen in den 50 Jahren gehört laut Anders die heute wesentlich größere Vielfalt an Lebensformen. „Menschen suchen nach Alternativen und versuchen diese glücklich und selbstbewusst zu leben. Mehrfach wiederverheiratete Menschen, viele Singlehaushalte, homosexuelle Lebensgemeinschaften, viele Patchworkkonstellationen – die Liste ist lang“, sagt sie. Ziel der Menschen bleibe es aber immer, den einen Menschen zu finden, mit dem sie alt werden können. 

Zugleich hat die erfahrene Diplompsychologin beobachtet, dass junge Paare heutzutage sehr viel achtsamer miteinander umgehen als Paare in früheren Zeiten. Manche suchen das Beratungsgespräch, bevor es überhaupt zur ersten wirklichen Krise gekommen ist – weil sie mit ihrer Beziehung nicht scheitern wollen.

Letztlich gehe es in 80 bis 90 Prozent aller Beratungen um Beziehungsfragen – zwischen Partnern ebenso wie um zwischenmenschliche Beziehungen zu Kollegen am Arbeitsplatz. Und es gehe auch, wenn Einsamkeit die Ratsuchenden treibt, um Beziehungen, die längst vorüber sind.

Für Gabriele Anders gehört es zum Selbstverständnis, dass in den Beratungsgesprächen keine Ratschläge im engeren Sinne erteilt werden. „Wir geben keine Tipps, sondern wir erarbeiten gemeinsam, was für jeden Einzelnen und seine jeweilige Beziehung und Familie Sinn macht.“ Dazu gehöre auch das Erkennen, dass Ratsuchende nicht alle Konflikte selbst zu verantworten haben. Arbeit, Karriere, Familiengründung, „Nestbau“, all das summiere sich zu einer großen Herausforderung, sagt Anders.

Partnerschaft ist immer eine Herausforderung

Oft genug werde die „zarte Pflanze“ einer jungen Beziehung dazwischen zerrieben, wo eigentlich besondere Pflege notwendig sei. Anders: „Ich habe große Hochachtung vor diesen jungen Paaren.“ Übrigens melden sich auch immer häufiger Senioren zum Gespräch an. Anders: „Es kommen alte Paare mit Partnern im Alter zwischen 70 und 80 Jahren und sagen: Es klappt mit der Sexu­alität nicht mehr so.“ Partnerschaft ist offenbar in jedem Alter eine große Herausforderung.

Neu ist auch, das Kinder der Kriegskinder-Generation die familiäre Vergangenheit aufarbeiten wollen. Und nicht zuletzt hat die Wiedervereinigung ein neues Thema mit sich gebracht, denn die DDR-Diktatur hat ebenfalls Traumatisierte hervorgebracht, die schwer an ihren Erfahrungen tragen. Gebrochene Biografien sind ein großes Thema in den meisten Gesprächen. 

Und noch etwas ist Gabriele Anders in all den Jahren aufgefallen: „Die Beziehung, die ist allen wirklich heilig. Für uns als Kirche sollte das sehr wichtig sein“, sagt sie. Und: „Nicht nur die sakramentalen Ehen sind etwas Besonderes und von Gott Geschenktes. Die Liebe aller Menschen untereinander ist wirklich etwas ganz Heiliges und Besonderes. Ich glaube, das spüren die Menschen bei uns.“

Text u. Foto: Marco Heinen