18.11.2020

„Haltet aus im Sturmgebraus!“

Bei den Kranzniederlegungen am Volkstrauertag beschleicht so manchen ein flaues Gefühl angesichts der teils fragwürdigen Gestaltung der Ehrenmale

Offizielles Totengedenken am Volkstrauertag in Schönwalde

Offizielles Totengedenken am Volkstrauertag in Schönwalde: „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern“, sagte Major Felix Lotzin (vorn) am kommunalen Mahnmal. Darauf ist ein Stahlhelm mit einem Schwert abgebildet. „Dank und Ehre unseren Gefallenen“, lautet die Inschrift. Foto: Marco Heinen

Am vergangenen Sonntag, dem Volkstrauertag, wurde vielerorts mit Kranzniederlegungen an die Gefallenen der beiden Weltkriege gedacht. So auch in Schönwalde am Bungsberg, wo es seit 2019 neben einem kommunalen Ehrenmal auch noch einen kirchlichen Gedenkort gibt, einen Friedensort. Die Kirchengemeinde hatte dazu eine frühere Leichenhalle neben der Kirche saniert und umgestalten lassen. Zuvor waren im Zuge der Kirchenrenovierung die Namenstafel und das „Ehrenbuch“ aus der „Ehrenhalle“ der Kirche entfernt worden. Es gehe auch um die Suche nach neuen Gedenkkulturen, sagt Pas­tor Arnd Heling. Der neue Mahnort sei neben den Soldaten auch anderen Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet.

Dass sich eine Kirchengemeinde entschließt, ihr Kriegerdenkmal zu erneuern, ist in der evangelischen Nordkirche eher selten. Dabei wirken die traditionellen Denkmäler mit ihren martialischen Skulpturen und ihrer Verklärung „gefallener Helden“ für viele Gemeindemitglieder heute befremdlich. Vor allem Ältere jedoch wollen an der traditionellen Erinnerungskultur festhalten.

An der Fischerkirche in Lübeck-Schlutup wurde der Gedenk­ort 2009 völlig umgestaltet. Die Namenstafeln der toten Soldaten der „Ehrenmalanlage“ wurden vom Bildhauer Claus Görtz kreuz und quer zu den Füßen einer verzweifelten Mutter aufgetürmt. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht soll an das Leid des Zweiten Weltkriegs erinnern. In der Lübecker Altstadtkirche St. Jakobi ist das Kriegerdenkmal „Trauernder Landsturmmann“ von 1919 seit drei Jahren durch eine acht Meter hohe Stoffbahn verdeckt, ohne dass die Skulptur des alten Soldaten dahinter komplett verschwindet.

Doch in den meisten Kirchengemeinden überwiegen traditionelle Kriegerdenkmäler. Vor der Vicelinkirche in Bornhöved (Kreis Segeberg) steht ein steinernes Monument mit dem „Eisernen Kreuz“ auf der Spitze. Ein Relief zeigt einen kampfbereiten Soldaten mit Stahlhelm und Lorbeerkranz. „Der Gott der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“ von Ernst Moritz Arndt steht darunter. Konfirmanden hatten 2018 das Denkmal mit „Friedensfahnen“ behängt. Doch eine dauerhafte Neugestaltung sei nicht geplant, heißt es bei der Gemeinde. Wie an anderen Orten auch gehört das Denkmal auf Kirchengrund der Kommune.

„Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben läßt für seine Freunde“ heißt es etwa an der Kirche in Dänischenhagen bei Kiel. Das Zitat aus dem Johannes-Evangelium klingt, als ob sich Soldaten aus Liebe zu ihren Freunden töten ließen. 

„Haltet aus im Sturmgebraus!“ lautet die Inschrift auf dem Steinkreuz vor der St. Georgenkirche in Ratzeburg. Und daneben: „Viel Feind, viel Ehr“. 2014 veranstalteten zwei Künstlerinnen mit Jugendlichen ein Plakatprojekt, das sich kritisch mit dem Denkmal auseinandergesetzt hat. Eine Neugestaltung sei derzeit aber kein Thema, so die Gemeindepastorin.

Denkmal-Skulpturen von toten Soldaten sind meist idealisierend gestaltet. An der Segeberger Marienkirche liegt auf einem Sockel ein muskulöser, fast nackter Soldat mit Stahlhelm und abgebrochenem Schwert. Anders als die in den realen Kriegsschlachten erschossenen oder zerfetzten jungen Männer zeigt der „Sterbende Krieger“ in Bad Segeberg keinerlei Verletzung. Auch der „Sterbende Soldat“ vor der Rendsburger Christkirche liegt dort nahezu unversehrt mit Feldflasche und Stabgranate in der Hand.

Unterstützung für neuen Gedenkort 

Es sei zu überlegen, welche Botschaft über den Krieg mit solchen heroisierenden und mar­tialischen Denkmälern vermittelt werde, sagt der Historiker Stephan Linck. Er ist Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie und berät Gemeinden im Umgang mit ihren Kriegerdenkmälern. Entscheidend sei, dass sich die Gemeinde in einer Diskussion am Ende auf einen Konsens verständige. Das seien aber „langwierige Prozesse“, so Linck. Auf seiner Homepage www.denk-mal-­gegen-krieg.de hat er zahlreiche Kriegerdenkmäler dokumentiert.

Auch in Schönwalde hat die Diskussion mehrere Jahre gedauert. Es habe erhebliche Widerstände gegeben, erinnert sich Pastor Heling. Am Ende habe aber eine breite Mehrheit das Projekt unterstützt. Am Einweihungsfest beteiligten sich Feuerwehrleute, Bundeswehrsoldaten und Jugendliche. 400 Bewohner bildeten eine Menschenkette von der Kirche zum neuen Mahnmal.     

Text: epd/ Marco Heinen