30.09.2020

„Ich habe nicht weggeschaut“

Erzbischof Stefan Heße wehrt sich gegen Inhalte einer Kölner Missbrauchsstudie. Das unveröffentlichte Gutachten soll Vorwürfe gegen ihn als ehemaligen Kölner Personalchef und Generalvikar enthalten – zu Unrecht, sagt Stefan Heße. 

Erzbischof Heße beim Interview
Erzbischof Stefan Heße. Foto: Julia Steinbrecht/kna

Gespannt hatten Beobachter den Termin erwartet: Am 12. März wollte das Erzbistum Köln eine unabhängige Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker vorstellen. „Wir wollen Versagen und Schuld benennen“, hatte Kardinal Rainer Maria Woelki versprochen – und dass Namen genannt würden. Doch die Präsentation, der von einer Münchener Kanzlei durchgeführten Untersuchung, wurde kurzfristig abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Nennung ehemaliger oder aktiver Verantwortlicher brauche noch eine rechtliche Klärung, so die Begründung des Erzbistums Köln.

Nun drangen erste Teile des Gutachtens an die Öffentlichkeit. Nach Informationen der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ vom Donnerstag, 25. September wird mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße erstmals ein Kirchenmann der ersten Reihe ins Zwielicht gerückt. 

Heße war, bevor er 2015 Erzbischof von Hamburg wurde, ab 2006 Personalchef und später Generalvikar im Erzbistum Köln und soll dort Missbrauchsfälle vertuscht haben. Außerdem soll er unter Berufung auf seine Persönlichkeitsrechte maßgeblich zur Absage des Präsentations­termins beigetragen haben.

„Christ & Welt“ zitiert aus einer juristischen Stellungnahme des Erzbistums Hamburg vom 27. Mai. Demnach bescheinigt die Münchner Studie dem Kölner Erzbistum „regelmäßig wiederkehrende, durchgängig festzustellende Mängel in der Sachbehandlung von Missbrauchsfällen“, die auf einer „indifferenten, von fehlendem Problembewusstsein geprägten Haltung des Dr. Heße gegenüber Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker“ basieren sollen.

Heße, der sich stets dafür ausgesprochen hatte, Verantwortlichkeiten klar zu benennen, widerspricht dieser Pauschalbeschuldigung. Nach Durchsicht der Kölner Akten, die ihm erst im April und nach mehrmaligem Drängen zur Verfügung gestellt worden seien, habe er gute Argumente gegen diesen Befund: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, um jedem Fall gerecht zu werden.“ So sei etwa in einem von sechs Fällen, in denen Vorwürfe gegen ihn erhoben würden, der mutmaßlich Betroffene bereits erwachsen gewesen.

„Ich persönlich nehme für mich in Anspruch, dass ich meine Verantwortung wahrgenommen und nicht vertuscht habe“, so der Erzbischof weiter: „Ich habe immer hin- und nicht weggeschaut.“ Zugleich räumte er ein, dass zu seiner Zeit im Erzbistum Köln nicht alles glatt gelaufen sei. So wurden offenbar wie in den meisten Bis­tümern Unterlagen mit Hinweisen zu Missbrauchsfällen in einem Geheimarchiv gelagert. Diese Akten wurden im Rhythmus von zehn Jahren durchgesehen und vernichtet. Diese Praxis hat Heße nach eigenen Angaben gestoppt.

Mit Blick auf die von Kardinal Woelki in Auftrag gegebene Studie sagte Heße, er sei von Anfang an zur Mitarbeit bereit gewesen. Zugleich übte er jedoch Kritik an der Durchführung. Der Prozess sei nicht besonders transparent gewesen: „Ich habe insgesamt den Eindruck, die Verfasser der Studie hätten gründlicher arbeiten können.“ In einem Schreiben an das Erzbistum Köln habe er kurz vor der geplanten Präsentation auf datenschutz- und persönlichkeitsrechtliche Aspekte hingewiesen. Heße verlangt, dass die Studie nur zusammen mit seiner Sicht veröffentlicht werden darf.

Wie Teile davon vor der offiziellen Veröffentlichung an die Presse gelangten, ist ebenso unklar wie die Frage, wer recht hat – Heße oder die Gutachter. Möglicherweise muss das am Ende ein Gericht entscheiden. Heße schloss auf Nachfrage jedenfalls nicht aus, juristisch gegen das Erzbistum Köln oder die beauftragte Münchner Kanzlei vorzugehen, wenn seine Forderung nicht erfüllt werden sollte. Angst um sein Amt hat der Erzbischof nach eigenen Worten nicht: „Ich stelle mich der Aufarbeitung.“

Das Erzbistum Köln hält an der Studie fest, wie Generalvikar Markus Hofmann in einem Brief an die Mitarbeiter schrieb. Ihm zufolge habe zur rechtlichen Absicherung das „methodische Vorgehen des Gutachtens“ erweitert werden müssen. Dies sei mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden. Hofmann: „Aus diesem Grund verzögert sich die Publikation noch immer.“    

Text: Michael Althaus/kna