10.06.2020

„Ich habe riesigen Respekt“

Im Wesentlichen seien die katholischen Schulen gut durch die Corona-Krise gekommen, sagt der zuständige Abteilungsleiter im Erzbistum, Christopher Haep im Interview. Die Digitalisierung sieht er als besondere Herausforderung.

Schüler mit Mund-, Nasenschutz  in Corona-Zeiten
Hygieneregeln werden wohl den Schulbetrieb auch nach den Sommerferien einschränken. Foto: Schommer

Wie läuft das Hochfahren des Schulbetriebs? Wird nach den Sommerferien alles wieder beim Alten sein?

Angesichts der extremen Herausforderungen und der völlig außergewöhnlichen Situation funktionierte das schrittweise Hochfahren des Schulbetriebs in den vergangenen Wochen recht gut. Immer mehr Klassen und Jahrgänge sind – zumindest für einige Unterrichtsstunden – wieder in den Schulen, angefangen bei Jahrgängen, für die der Präsenzunterricht besonders wichtig ist, weil sie zum Beispiel Abschlussjahrgänge sind. Und die Notbetreuung wird ausgeweitet. Wir gehen derzeit davon aus, dass wirklicher Normalbetrieb nach den Sommerferien noch nicht wieder hergestellt sein wird. Wir werden weiterhin mit Einschränkungen zu tun haben, zumindest was die Hygiene- und Abstandsregeln anbelangt. Möglicherweise werden wir aber auch noch nicht vollständig zum Präsenzunterricht zurückkehren.

Was waren die größten Herausforderungen in dieser Zeit?

Zu den größten Herausforderungen zählt inzwischen, dass die vergangenen Wochen für viele Familien und für viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einer wirklichen Belastung geworden sind. Darüber hinaus machen wir uns insbesondere um die Schülerinnen und Schüler Sorgen, die die Unterstützung der Schulen eigentlich auch schon in normalen Zeiten dringend nötig hätten und denen die direkte Betreuung durch Lehrer und Erzieher jetzt doppelt fehlt. Außerdem hat die Corona-Krise einige Schwächen auch in unserem katholischen Schulwesen aufgedeckt, beispielsweise den mangelnden Ausbau der digitalen Infrastruktur und der digitalen Bildung. Hier verstärken wir unsere Anstrengungen extrem. Insgesamt aber, und das möchte ich wirklich betonen, bin ich stolz auf den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Schulen und sehr dankbar dafür, wie die Familien diese Situation gemeistert haben und mitgezogen sind. Ich habe da einen riesigen Respekt! Wir sind bislang trotz dieser extremen Umstände – gerade wegen dieses großen Engagements – auf allen Seiten im Wesentlichen gut durch die Krise gekommen.

Was war – im positiven Sinne – überraschend? Was trägt über diese Situation hinaus? 

Wir haben ganz viele tolle Menschen, die zeigten, dass auch auf anderen Wegen lernen möglich ist. Hier hat die Krise einen Schub gegeben. Man setzt sich mit neuen Konzepten des Unterrichtens auseinander. Ich hoffe, dass dieser besondere Geist des „Zusammen schaffen wir was“ auch in den nächsten Jahren unsere Arbeit bestimmt. Ich denke, eine Stärke des katholischen Schulwesens hat sich in dieser Krisenzeit besonders bewährt: Wir schreiben uns auf unsere Fahnen, dass wir uns auf der Basis unserer christlichen Grundüberzeugung besonders des Einzelnen annehmen. Ich habe sehr viele Beispiele dafür, wie Schülerinnen und Schüler in schwierigen Situationen durch das persönliche Engagement von Erziehern und Lehrern unterstützt wurden, von unzähligen Anrufen und Videochats bis hin zu Hausbesuchen und anderer Unterstützung, über jedes erwartbare Maß hinaus. Dadurch haben die Schülerinnen und Schüler, die besondere Unterstützung brauchten, diese auch bekommen, beispielsweise in der Notbetreuung.

Was können Sie weiter tun, damit kein Schüler zurück bleibt? 

Wir dürfen uns nichts vormachen: Das kommende Schuljahr wird in mancher Hinsicht unter dem Zeichen des Nachholens und Vertiefens des Unterrichtsstoffes dieses Jahres stehen. Und der individuellen Förderung wird im nächsten Schuljahr ein besonderes Gewicht zukommen. Denn meine Beobachtung ist schon, dass die Schere zwischen leistungsstarken Schülern, die mit den aktuellen Herausforderungen gut umgehen können und vielleicht sogar noch besondere Lerneffekte für sich herausholen, und Schülern, die besondere Unterstützung benötigen, noch weiter auseinanderklafft als vorher.

Welche besonderen Herausforderungen stehen jetzt an? 

Die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie. Aus dem Zusatzbudget des Bundes und der Länder werden zusätzliche Endgeräte für Schülerinnen und Schüler angeschafft. Außerdem muss die digitale Infrastruktur an den Schulen in den nächsten Monaten Schritt für Schritt aufgerüstet werden. Im Generalvikariat haben wir in der IT-Abteilung eine Mitarbeiterin angestellt, die sich um das Schulwesen kümmert, und in der Abteilung Schule und Hochschule gibt es seit Jahresbeginn einen Referenten für Digitale Bildung, der die Schulen in der Konzeptentwicklung und durch Fortbildungen unterstützt. Das sind nur einige der Schritte, die gegangen werden.

Und was steht jenseits der Digitalisierung an?

In den nächsten Monaten werden wir grundsätzlich zu diskutieren haben, was die Coronakrise für uns langfristig bedeutet und welche Konsequenzen auch hinsichtlich der Unterrichtsentwicklung wir daraus zu ziehen haben. Wir werden das mit den Schulleitungen, Lehrern, Erziehern, Schülern und Eltern auswerten. Darüber hinaus gilt es abzuwarten, welche Vorgaben der Staat für den Unterricht macht. Ich hoffe jetzt aber zuerst einmal sehr, dass die Familien und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Sommerferien nutzen können, um von den Anstrengungen Abstand zu gewinnen und neue Kräfte zu sammeln.

Interview: Matthias Schatz