10.10.2018

„Kaffee ist mein Supertrank“

Im Don Bosco-Haus in Mölln leben Menschen mit schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Einige von ihnen haben an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. Einige der Texte sind schlicht bezaubernd.

behinderte Autoren eines Schreibwettbewerbs mit ihren Betreuern
Die fünf Autoren und Mitarbeiter des Don Bosco-Hauses.  Foto: Marco Heinen

Manchmal reichen ganz wenige Worte, um eine lange traurige Geschichte zu erzählen. Für Details ist dann kein Platz, doch wozu auch. Die Bilder entstehen ja im Kopf, das Gefühl im Herzen. So wie hier:

 

Sehnsucht

Gisela Sonne Rollstuhl

Mama Kopf

Sehnsucht Papa Friedhof besuchen

Vermissen

 

Ein modernes Gedicht, so viel scheint sicher. Sonne, Rollstuhl; zwei Wörter reichen, um die Szenerie zu skizzieren. Eine Gisela ist auch dabei. Ob wirklich sie es ist, die im Rollstuhl sitzt? Der Gedanke an die Mutter, die Sehnsucht nach dem Vater, der auf dem Friedhof liegt, das schmerzliche Vermissen, all das hat eine große Wucht. Auf nur vier Zeilen entwickelt das kleine Gedicht eine außergewöhnliche Kraft. 

Doch diese Reduktion auf wenige Worte ist nicht am Schreibtisch eines intellektuellen Dichters entstanden, sondern am Sprachcomputer, mit dem Dörte Hüttmann sonst im Alltag ihre Gedanken und Bedürfnisse artikuliert. Denn Dörte Hüttmann kann weder sprechen, noch kann sie ihren Rollstuhl verlassen. Aber sie hat tiefe Emotionen, die sie in ein paar wenigen Worten mitgeteilt hat. 

Nicht einfach so, sondern weil sie etwas zum Thema Luft und Liebe schreiben wollte. So lautete nämlich die Themenvorgabe für den Schreibwettbewerb des Vereins „Die Wortfinder“, an dem sich in diesem Jahr 750 Menschen mit geistiger Behinderung aus Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz beteilig­ten. Mehr als 1100 Texte wurden eingesandt. Eine fünfköpfige Jury wählte die Eindrücklichsten für einen literarischen Wochenkalender aus, der jüngst in der Bielefelder Stadtbibliothek der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auch zahlreiche Autoren reisten mit ihren Betreuern an.

Aus dem Don Bosco-Haus in Mölln, wo die meisten Bewohner mehrfach schwerstbehindert sind, machten sich 16 Autoren unterstützt von ihren Fachpädagogen an die Arbeit und schrieben Texte auf. Fünf schafften es mit ihren Gedichten oder literarischen Skizzen in den Kalender. Neben Dörte Hüttmann sind es Kai Müller, Markus Plock, Gerhard Hein und Sven Sönnichsen. Letzterer kann lesen und schreiben und sogar richtig reimen. Sein Gedicht dürfte vor allem vielen Morgenmuffeln aus der Seele sprechen:

 

Kaffee

Kaffee ist mein Supertrank

Ohne Kaffee wird ich krank

Kaffee da, Kaffee hier

Kaffee zum Frühstück oder halb 4

Egal ob zuhause, im Wald oder am See –

Ich liebe Kaffee 

 

Was hier als leichtfüßiges Poem erscheint, ist das Ergebnis einer intensiven Arbeit. „Das ist ein sehr langer Prozess“, sagt Fachpädagoge Uwe Morga, der im Don Bosco-Haus für die Erwachsenenbildung verantwortlich ist. Und dieser Prozess erfordert natürlich auch von den Fachkräften viel Einsatz und Geduld.

Zunächst einmal gehe es darum, sich Stück für Stück an das Thema heranzutasten. Denn das berühmte leere Blatt Papier, vor dem selbst gestandene Autoren immer wieder verzweifeln, ist für Menschen mit Behinderung erst recht eine Herausforderung. „Das ist künstlerisches, kreatives Arbeiten und das ist nicht ganz so einfach“, sagt Morga. In der Therapie könnten nur die Grundlagen für kreatives Arbeiten vermittelt werden, der Rest unterliege allein dem Willen der Bewohner. 

Tagelang, oft wochenlang habe es gedauert, bis einige der Kreativen ihr Thema, ihre Idee gefunden hatten. Und oft dauerte es noch einmal eine Weile, bis überhaupt die einzelnen Wörter ausfindig gemacht waren, mit denen sich die Autoren ausdrücken wollten. War diese Vorarbeit allerdings geleistet, ging es vergleichsweise schnell. Auch das kennen gestandene Autoren übrigens ganz gut. 

Dass sich überhaupt so viele Bewohner des Don Bosco-Hauses am Wettbewerb beteiligt haben, liege auch daran, dass ihr Mann, Einrichtungsleiter Diakon Harry Harms, solche Förderprojekte kontinuierlich unterstütze und Fortbildungen ermögliche, erläutert Petra Harms, Vorsitzende des Don Bosco-Trägervereins. Seit 2010, als der Worfinder-Kalender erstmals aufgelegt wurde, beteiligen sich Bewohner der Möllner Einrichtung am Wettbewerb. „Seitdem ist die Beteiligung immer mehr gewachsen“, sagt Uwe Morga.

„Wir wollen immer mitmischen und uns in die Gesellschaft hineinbewegen“, begründet Petra Harms, warum die Früchte der kreativen Arbeit der Bewohner auch nach außen getragen werden, sei es durch den Kalender, die Teilnahme an anderen Kulturprojekten oder etwa mit Auftritten in der Öffentlichkeit, wie zum Beispiel bei der Bistumswallfahrt in Lübeck. „Es sind ja Schätze, die man in den Ansichten der Menschen, die hier leben, entdecken kann“, so Petra Harms mit Blick auf die Gewinner-Texte. Schätze, „die auch uns als Mitarbeiter total berühren“. 

Der Wortfinder-Kalender wird wie in den Jahren zuvor, auch diesmal bei Freunden und Förderern des Don Bosco-Hauses unterm Tannenbaum liegen. Und vielleicht kauft sich manch einer dazu noch den hauseigenen Kalender, der diesmal entstehen soll. Darin werden die Texte zu finden sein, die von der Wortfinder-Jury nicht ausgewählt wurden. Und Bilder, die in der hauseigenen Kunstwerkstatt entstanden sind. Man wird sehen. Bis zum Adventsmarkt im Don Bosco-Haus am 1. Dezember ist ja noch ein bisschen Zeit.

So, genug jetzt. Bewohner Kai Müller meldet sich zu Wort. „Ich möchte bitte Bohnenkaffee“, formuliert er formvollendet. Ganz offenbar gibt es im Don Bosco-Haus mehr als nur einen ­Kaffee-Fan.

Text: Marco Heinen

Ein Exemplar des Kalenders kostet 16 Euro (zzgl. Versand). Bestellungen an: diewortfinder@t-online.de- oder unter Tel. 0521 / 56 09 50 30. Postadresse: Die Wortfinder e.V., c/o Sabine Feldwieser, Bossestr. 9, 33615 Bielefeld.  www.diewortfinder.com