27.06.2018

Online-Seelsorge im Erzbistum Hamburg

„Ob Sie mir helfen können?“

Menschen in einer Lebens- oder Partnerschaftskrise bekommen vom Erzbistum Hamburg Hilfe. Diese Beratung ist jederzeit und anonym auch per Internet zugänglich. Seit zehn Jahren gibt es dieses Online-Angebot.

Ulla Ohm übergibt die Online-Seelsorge an ihre Nachfolgerin Margot Tönnis

Ulla Ohm (rechts) hat die Internetseelsorge im Erzbistum aufgebaut. Margot Tönnis ist ihre Nachfolgerin.  Foto: Hüser

„Ich weiß nicht, ob Sie mir helfen können. Aber ich habe sonst niemanden, an den ich mich mit meinem Problem wenden kann.“ So können die ersten Worte lauten, mit denen jemand den Kontakt zur Internetseelsorge sucht. Die Antwort – sie kommt spätes-
tens nach 48 Stunden – kann so heißen: „Danke für ihr Vertrauen, sich an uns zu wenden…“

Eine Krisenhilfe per Internet. Vor zehn Jahren, als Ulla Ohm dieses Angebot gestartet hat, war so etwas ganz neu und für die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin „wie ein Sprung ins kalte Wasser“. Das hat sich geändert. Sechs Beraterinnen und Berater aus den Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen (EFL) des Erzbistums beraten „online“. Zusammen kommen sie auf 1 000 Beratungen pro Jahr. „Onlineberatung ist ein ganz fester Anteil von Beratungen geworden“, sagt Margot Tönnis, EFL-Beraterin aus Rostock. Wenn Ulla Ohm in diesen Tagen in den Ruhestand geht, wird die Rostockerin die Internetberatung leiten.

Warum Beratung per Internet? „Viele Leute brauchen die Distanz“, sagt Ulla Ohm, „sie würden nicht sofort eine Beratungsstelle aufsuchen.“ Vor dem Computer kann man auch noch zu nächtlicher Stunde schreiben. Man muss keinen Termin vereinbaren, nicht zu einer der neun EFL-Beratungsstellen im Bistum fahren. Und der Hilferuf bleibt anonym. Wer sich einloggt, gibt einen Erkennungsnamen an. Ein Sicherheitssystem sorgt dafür, dass alle Daten geschützt bleiben. Vor zehn Jahren haben sie nur E-Mails hin- und hergeschickt. Heute gibt es auch Chats. Das heißt, für eine Stunde bleiben die Gesprächspartner „auf Sendung“, auf jede Frage gibt es
direkt Antwort. 

Welche Anliegen kommen am häufigsten vor? „Wie in der normalen Beratung geht es bei zwei Dritteln der Anfragen um Beziehungsprobleme jeder Art: Krisen in Partnerschaft, mit Eltern oder Freunden“, sagt Ulla Ohm. 

Warum ist mein Problem so groß geworden? 

Aber auch Trauer, Verlust in jeder Beziehung, Ängste und Depressionen können Themen sein. Internetberatung heißt dabei nicht: schnelle „Problemlösung“.  Margot Tönnis: „Oft kommt die Frage: Was raten Sie mir jetzt? Aber das können wir nicht. Wir können aber helfen, genauer zu verstehen, warum ihr Problem so groß geworden ist. Das Ziel ist, in eine Auseinandersetzung mit sich selbst zu treten und dadurch vielleicht eine eigene Lösung zu finden.“ 

Die Erfahrung von zehn Jahren zeigt: Das geht auch im Internet. „Grundvoraussetzung ist. Die Leute müssen sich schriftlich äußern können. Das kann nicht jeder. Aber das Schreiben hilft auch, seine Gedanken deutlicher und klarer zu äußern.“ Und das gilt für beide Seiten. 

Vor zehn Jahren war Hamburg noch Vorreiter. Heute gibt es Online-Beratungen in vielen Bistümern, die Online-Seelsorge des Erzbistums steht heute in der Mitte eines riesigen Angebots: Für Trauer, Essstörungen, Suizidgedanken und und und…

„Unsere Stärke ist, dass wir auf jeden Hilfesuchenden sehr individuell eingehen“, sagt Ulla Ohm. „Und Studien haben gezeigt: Wir hab das Vertrauen vieler Menschen, eben weil das ein Angebot der katholischen Kirche ist.“ Und anders als viele kirchliche Angebote, erreicht speziell die Internetseelsorge auch viele junge Menschen – und etwas mehr Männer als in der normalen Beratung, die zu 70 Prozent von Frauen angesteuert wird. 

www.ehe-familien-lebensberatung.info

Text u. Foto: Andreas Hüser