11.11.2020

„Wir müssen Farbe bekennen“

Paris, Nizza, Wien: Eine neue Reihe von Anschlägen erschüttert Europa. In Nizza waren Besucher einer Kirche die Opfer. Kehrt der islamistische Terror zurück? Fragen an Pater Richard Nennstiel, Islamreferent aus Hamburg. 

Pater Richard Nennstiel aus dem Dominikanerkloster in Hamburg-Barmbek
Pater Richard Nennstiel, Dominikaner aus Hamburg. Foto: privat

Jahrelang war alles ruhig. Jetzt gab es in drei Europäischen Städten islamistische Anschläge. Die Attentate galten einem Lehrer, Christen in einer Kirche, Menschen in der Nähe einer Synagoge. Stehen wir vor einer neuen Welle von Anschlägen?

Wenn man den Sicherheitsbehörden glaubt, dann gibt es eine dauerhafte Bedrohung durch islamistischen Terror. Ich glaube, diese Anschläge werden leider nicht die letzten sein.

Die Attentate sind also nicht eine Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen in der Zeitschrift „Charlie Hebdo“?

Die Aufregung über die Karikaturen mögen ein Anlass gewesen sein. Aber die Anschläge scheinen seit längerem geplant worden zu sein. Dahinter steht die systematische Absicht, in Europa Angst und Unsicherheit zu verbreiten und Hass zu schüren. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass es in den letzten Wochen verheerende Anschläge in Afghanistan gegeben hat, die vielen junge Menschen das Leben gekostet haben. 

Es stellt sich wieder die alte Frage: Welchen Anteil hat die Religion an diesen Gewalttaten? Inwieweit ist der Terror ein Phänomen des Islams.

Ich glaube, man sollte es sich nicht so einfach machen wie der Papst und pauschal davon sprechen, dass es in allen Religionen Gewalt gibt. Die Frage ist vielmehr: Wird diese Frage offen in den Religionen behandelt?

Man muss unterscheiden zwischen dem Islam als spiritueller Quelle und dem Islamismus, in dem der Islam zu einer gewaltbereiten Ideologie wird. Islamis­tische Gruppen versuchen ja, ihre Auslegung als den „wahren“ Islam darzustellen. Es gibt dagegen Gruppen junger Muslime wie etwa die Alhambra Gesellschaft, die sich offen diesen Fragen stellen. Wir können Muslimen nicht sagen, was der „wahre“ Islam ist. Es ist ein innerislamischer Klärungsprozess im Gange, der ohne Frage schmerzhaft ist.

Sie sagen „Klärungsprozess“. Gibt es einen Dialog innerhalb des Islams? Haben die friedfertigen Kräfte Einfluss auf die radikalen?

Vielleicht kann man so sagen: die traditionelle muslimische Gemeinschaft ist von zwei Seiten unter Druck. Einmal von den islamistischen Ideologen. Aber es gibt auch eine Form der „Re-Islamisierung“, die aus der Bevölkerung kommt und sich an einer vermeintlich glorreichen Zeit orientiert. Das ist allerdings nicht nur ein Problem des Islams. Dieses Phänomen findet sich auch in der katholischen Kirche. Es gibt konservative Kräfte, die eine Volksfrömmigkeit nutzen, um Reformen zu verhindern. 

Wie sollten wir reagieren? 

In vatikanischen Dokumenten war jetzt erstmals von Islamisten die Rede. Der Papst hat bisher den Begriff „islamistischer Terror“ vermieden. Aber das Problem ist ja: Wenn ich einen Konflikt vermeide, habe ich ihn nicht gelöst! Die Frage ist aber: Was hat der islamistische Terror mit dem Islam zu tun? Das ist eine schmerzhafte Frage, vor der Muslime stehen.

Auch in der katholischen Kirche stehen wir vor schmerzhaften Fragen: Was hat der sexuelle Missbrauch und die sexuelle Gewalt mit den Strukturen der Kirche zu tun? Wir stehen hier in einem Klärungsprozess, der schmerzhaft, aber notwendig ist, wenn Glaube in Zukunft reflektiert weitergegeben werden soll.

In allen Religionen gibt es Menschen, die sich der Gegenwart stellen und diejenigen, die eine Vergangenheit heraufbeschwören, wie sie sich diese vorstellen. Nur ist das Problem im Islam eben momentan doch stark verbunden mit der Frage der Gewalt. 

Gestern war ja nicht alles besser als heute. Warum stößt man sich an der Gegenwart?

Das Feindbild aller Fundamentalisten ist die „säkulare“ Gesellschaft, die Sexualität und die Emanzipation der Frau. Nehmen wir als Beispiel die Frage der Sexualität. In den Evangelien, in der Verkündigung Jesu ist Sexualität doch höchstens ein Randthema. Aber religiöse Gruppen neigen dazu, dieses Thema zu einem geradezu zentralen Thema zu machen oder zu tabuisieren. Ein ähnliches Phänomen finden wir in vielen islamischen Gruppen. Meines Erachtens ist die zentrale Botschaft des Islams das Verhältnis des Menschen zu Gott und den Mitmenschen. Ein anderes Phänomen ist der Vorwurf der Blasphemie, der Gotteslästerung.

 … wie bei den Mohammed-Karikaturen?

Oder auch bei satirischen Jesus-Darstellungen, die es in Deutschland und Frankreich gegeben hat. Aber Gott kann ich nicht beleidigen. Er ist zu groß! Und wenn, wird er sich um die Frage kümmern. Beleidigt fühlen sich die irdischen Diener, und die sind leider sehr empfindlich und nachtragend.

Kann man sagen: Die Gesellschaft, so wie sie heute ist, führt Religionen in die Krise?

Aber ist das eine Krise der Religion? In der Krise ist nicht der Glaube an Jesus Christus. In der Krise ist der Glaube, dass die „Insti­tution“ Kirche diesen Glauben noch glaubhaft verkörpert. Selbst aus Polen wird berichtet, wie kritisch die Gläubigen die Kirche sehen. Das gleiche Phänomen gibt es auch bei Muslimen, wo die Frage gestellt wird, ob die muslimischen Verbände wie die türkische DiTiB oder Milli Görüs überhaupt noch die Muslime vertreten oder ob es nicht vielmehr nur noch um Macht geht.

Ein Problem für Sie als Islambeauftragter ist, dass Sie mit Leuten zu tun haben, die kein klares Verhältnis zur Gewalt haben.Wie gehen Sie damit um?

Wir sind im Erzbistum Hamburg in einem Reflexionsprozess und werden deutlich machen, dass wir mit Gruppen, die antisemitische und islamistische Ideen unterstützen, nicht mehr zusammenarbeiten. Gespräche ja, aber keine Kooperationen oder Dialogveranstaltungen. Wir müssen Farbe bekennen. Wir können nicht einen neuen Umgang mit dem Thema Homosexualität einfordern und gleichzeitig Kontakte zu Leuten unterhalten, die die Todesstrafe für Homosexuelle fordern. Wir können nicht den jüdischen Gemeinden sagen, dass wir sie unterstützen und dann mit Kräften zusammenarbeiten, die die Vernichtung Israels propagieren. Eine deutliche Abgrenzung gegen jede Form des Fundamentalismus muss das Ziel sein.

Interview: Andreas Hüser

Pater Richard Nennstiel OP gehört der Gemeinschaft der Hamburger Dominikaner an und ist Islambeauftragter des Erzbistums Hamburg.