17.07.2019

Gebetsschule

Ein Pfeil gen Himmel

Ein erleichtertes „Gott sei Dank“ entfährt selbst Menschen, die nicht an Gott glauben. Und wird oft als Floskel benutzt; „zum Glück“ täte es genauso. Es ist aber auch ein Beispiel für eine Gebetsform, die es in sich hat: das Stoßgebet.

Foto: imago/Bernd König
Der Himmel soll helfen: Der brasilianische Fußballer Marcelinho schickt ein Stoßgebet nach oben.


Eines der berühmtesten Stoßgebete der Kirchengeschichte spricht, der Überlieferung nach, der Jurastudent Martin Luther am 2. Juli des Jahres 1505 beim Dorf Stotternheim in der Nähe von Erfurt. Von einem schweren Gewitter überrascht und voller Angst, vom Blitz erschlagen zu werden, ruft er aus: „Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“

Typisch katholisch natürlich, dass Luther Rettung erfleht von einer Heiligen, die er sehr verehrt. In der katholischen Tradition sind die Heiligen ja nicht nur Namens-, sondern eben auch Schutzpatrone, zuständig für alle möglichen krisenhaften Umstände des Lebens oder auch für Angehörige der verschiedenen Berufe oder für Bewohner einer Stadt oder eines Landes. Sie sollen die Anliegen der Gläubigen vor den Thron Gottes tragen. Gott ist der eigentliche Adressat eines Stoßgebets.

Ein Stoßgebet muss keineswegs spontan sein

Dass Luther seiner inständigen Bitte das Versprechen hinzufügt, Mönch zu werden, falls er der Gefahr entgeht, ist normalerweise nicht Bestandteil eines Stoßgebets. Wenngleich: Wer von Todesangst gepackt oder von Glücksgefühlen überschwemmt wird und dann spontan betet, denkt nicht über die passenden Worte nach. Da sprudelt heraus, was einfach nicht drinnenbleiben kann. Was sich da Bahn bricht, kann den Beter selbst sehr erstaunen oder gar erschrecken – aber es ist, unbemerkt vielleicht, sicher schon vorher in seinem Innersten vorhanden gewesen.

Es wäre allerdings ein Missverständnis, das Stoßgebet ausschließlich als unwillkürliche, impulsive Handlung in Situationen der Not oder der Freude zu begreifen. Es gibt durchaus auch die bewusst geplanten Stoßgebete. Deren entscheidendes Kennzeichen ist nämlich nicht das Spontane, sondern die Kürze. 

Im 3. oder 4. Jahrhundert bereits, heißt es in einem Brief des heiligen Augustinus, pflegten die Wüstenväter „sehr kurze Gebete, so wie Pfeile“ zu sprechen. Knapp und konzentriert. Und nicht aus außergewöhnlichem Anlass, sondern jederzeit im Alltag.

Das Stoßgebet hält die Verbindung zum Himmel. Im ganz normalen Leben. Wer sich beispielsweise in sein Auto setzt, kann vor dem Start bitten: „Herr, beschütze mich auf dieser Fahrt.“ Oder: „Lass mich so aufmerksam fahren, dass ich mich und andere nicht gefährde.“ Daraus lässt sich eine gute Gewohnheit machen. Immer beim Anschnallen: gleichzeitig beten. Keinen ganzen Rosenkranz, nur ein paar Worte. Einen Pfeil gen Himmel schicken. Sich daran erinnern, in Gottes Hand zu sein.

Man liest in der Zeitung, hört im Radio, erfährt im Fernsehen von einer Naturkatastrophe mit zahlreichen Toten. In der Sonntagsmesse werden die Verstorbenen der letzten Woche genannt. Ein Anruf: Der Neffe ist ins Krankenhaus eingeliefert worden. 

In solchen Momenten bietet sich ein klassisches „Jesus, hilf“ oder jedes andere passende Stoßgebet als erste Reaktion an. Bei der es möglicherweise bleibt, weil das Erdbeben am anderen Ende der Welt ein paar Minuten später schon vergessen ist. Trifft Menschen ein Unglück, die einem näher stehen, wird man sie später ins Abendgebet einschließen, eine Kerze anzünden, einen Besuch machen. Aber vielleicht auch zwischendurch einen Moment an sie denken – eine gute Gelegenheit, dem Gedanken ein kleines Gebet hinterherzusenden.

Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll, ist das frustrierend. Beim Arzt verrinnt elend viel Zeit im Wartezimmer. Der Kollege hält einen mit seinem Geschwafel von der Arbeit ab. Das Baby schreit, die Waschmaschine streikt, der Antrag ist abgelehnt, der Lieblingsverein hat verloren. Dem Ärger mit einem deftigen Fluch Luft machen? Oder „Gelobt sei Jesus Christus“ murmeln – weil einen dieses kurze und womöglich sogar leicht ironisch gemeinte Gebet daran erinnert, dass man nicht wichtig nehmen sollte, was nicht wirklich wichtig ist. Und dass der griesgrämige oder wutschnaubende Christ kein ansehnlicher ist.

Das schlichte „Gelobt sei Jesus Christus“ empfiehlt sich außerdem für einen Zweck, den Stoßgebete neben Dank und Bitte auch erfüllen können: Gott zu loben. Damit tun sich viele schwer. Sie mögen weder die heute vor allem in evangelischen Freikirchen ziemlich angesagte Lobpreis-Bewegung mit ihrer demonstrativen Begeisterung und ihren hymnischen Liedern noch die uralte Sprache des Alten Testaments wie etwa im Buch Daniel: „Gepriesen ist dein heiliger herrlicher Name, hochgelobt und verherrlicht in Ewigkeit.“ Zu viel verherrlichen, zu viel preisen, finden manche. Eine einfache Alternative wäre auch: „Ehre sei Gott in der Höhe.“

Das ganz persönliche Gebet lässt sich finden

Tatsächlich stellt es kein wirkliches Problem dar, das eine oder andere Stoßgebet für sich zu finden. „Dein Wille geschehe“, „Herr, bleibe bei uns“, „Mein Herr und mein Gott“ – viele gebräuchliche, unkomplizierte, bekannte Wendungen stehen zur Auswahl, dazu zahlreiche Jesus- und Mariengebete und -lieder oder deren Anfangsworte. Und es hat natürlich einen besonderen Reiz, seine persönlichen Stoßgebete selbst zu formulieren. 

Manchmal wird man sogar in der zeitgenössischen Literatur fündig, etwa im jüngst erschienenen Roman „Liebe in Lourdes“ von Sophie von Maltzahn. Das Gebet lautet: „Herr, komm und öffne mein Herz.“ Eine Bitte an Gott, aber indirekt auch eine Mahnung an sich selbst, Gott das eigene Herz hinzuhalten. Fürwahr ein würdiges Stoßgebet für alle Fälle. Und für jederzeit zwischendurch, ohne Anlass.

Hubertus Büker