08.11.2019

Interview mit ZdK-Präsident Thomas Sternberg zum synodalen Weg

"Unsere Weltkirche besteht auch aus Teilkirchen"

ZdK-Präsident Thomas Sternberg hofft, beim synodalen Weg regionale Lösungen für die Kirche in Deutschland zu finden.

Foto: kna/Julia Steinbrecht
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, fühlt sich durch die Amazonas-Synode bestätigt. Foto: kna/Julia Steinbrecht


Professor Sternberg, welche Lehren ergeben sich für den synodalen Weg aus der Amazonassynode?
Wir haben an der Amazonassynode gesehen, dass unsere Weltkirche, die ein großes Gut für katholische Gläubige ist, auch aus Teilkirchen besteht. In unterschiedlichen Regionen und Ländern gibt es unterschiedliche Lebenswelten. In ihnen gibt es spezifische Probleme, aber auch spezifische Chancen. Dass für die Amazonasregion regionale Lösungen gefunden worden sind bzw. Vorschläge hierzu gemacht worden sind, bestärkt uns. Auch wir können in unserer europäischen Lebenswelt, für unser Land, für unsere aktuellen Aufgaben, Lösungen suchen und finden. Das geschieht im Synodalen Weg.


Die Synode ist eine Ermutigung für regionale Lösungen in der Kirche. Was sind für uns in Deutschland die besonderen regionalen Herausforderungen? Was sind mögliche Lösungen?
Da sind zunächst die vier Fragestellungen aus dem Synodalen Weg zu nennen. Dieser Weg dient ja einigen Elementen der „gemeinsamen Suche nach Schritten zur Stärkung des christlichen Zeugnisses“, wie es in der Satzung heißt. Sie sind so umschrieben: „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ und „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“. Das benennt sicher nicht alle Aufgaben, vor denen wir stehen, aber sie sind ein Anfang. Auf diesen vier Feldern wollen wir offene Beratungen führen, mit Realismus, aber auch mit abgestimmten Ergebnissen, die entweder hier in Deutschland umsetzbar sind oder als Voten formuliert werden.


Wäre ein nächster Schritt nach dem synodalen Weg eine Synode für die deutschsprachigen Länder oder (West-)Europa? Was könnte das zentrale Thema einer solchen Synode sein?
Schauen wir einmal, was diese zwei Jahre bringen. Erst einmal setzen wir viele Hoffnungen in diesen Synodalen Weg. Man sollte nicht vergessen, dass die Bischofskonferenz diesen Impuls gesetzt und uns eingeladen hat, auf Augenhöhe mitzumachen. Diese Augenhöhe ist aber, was die Stimmberechtigung auch für Laien angeht, auf einer Synode nach derzeitigem Kirchenrecht nicht gegeben. Deshalb wählen wir eine andere Form der offenen Beratungen. Wie sich die nationalen oder kontinentalen Abstimmungen der Kirche entwickeln, wird man sehen.


Zwei wichtige Ergebnisse der Amazonassynode sind die Empfehlungen zur Priesterweihe verheirateter Diakone und einer stärkeren Rolle von Frauen. Sind diese Positionen auf Deutschland übertragbar?
Ich würde das nicht eins zu eins übertragen. Aber unsere Überlegungen gehen seit langem in dieselbe Richtung. Die kirchlichen Hilfswerke, die im ZdK mitwirken, und die vielen Aktiven in Partnerschaften haben uns schon oft über die tragende Rolle von Frauen in den Ländern des Amazonasgebietes berichtet. Wir haben da faszinierende Geschichten gehört. Es ist wichtig, dass vieles, was dort gewachsen ist, nun hoffentlich legalisiert und Allgemeingut wird.

Denn auch bei uns ist das Gesicht der Gemeinden längst weiblich; Frauen sind bei der Gestaltung des Gemeindelebens führend. Aber das kommt noch längst nicht so zum Tragen, wie wir das angemessen ist. Auch das ist ein Grund, warum wir uns seit langem für den Diakonat der Frauen aussprechen. Es handelt sich um drängende Themen, die in den letzten Jahrzehnten sich mit großer Dynamik entwickelt haben und die man nicht mit Diskussionsverboten abwürgen kann.


„Kirche ist Mission“ heißt es im Abschlusspapier der Synode. Die Synode zeigt, dass Glaubensvertiefung und -weitergabe nicht nur mit politischen und ökologischen, sondern auch mit kirchlichen Strukturfragen verbunden sind. Das ist zunächst eine Bestätigung der Themen des synodalen Wegs. Allerdings scheinen Strukturfragen derzeit zu dominieren. Müsste nicht doch eine stärkere Akzentverschiebung zur Gottes- und Glaubenskrise geben?
Unser Glaube ist nicht vom Handeln abzutrennen. Nehmen Sie unser Engagement für den Lebensschutz, unsere Interventionen in der Bioethik, gegen aktive Sterbehilfe, zu Fragen der internationalen Gerechtigkeit und vieles andere mehr. Die politische Kraft all dieser Interventionen hängt auch mit der Glaubwürdigkeit unserer Kirche zusammen, die tief erschüttert ist.

Und zur Gotteskrise – ich spreche lieber vom Wachhaltend der Gottesfrage: Das Ziel des Synodalen Wegs ist, durch Reformen der Kirche Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, um dann wieder überzeugend von dem sprechen zu können, was und wer unser Leben trägt. Unser aller Ziel ist letztlich die „Evangelisierung“, die Gestaltung der Welt aus dem Geist des Evangeliums, und Zeugnis zu geben von unseren Glauben.

Es gibt nur dann eine Chance, von Gott, von der Freude aus dem Glauben, von Heil und Heilung, vom Sieg der Liebe über den Tod zu sprechen, wenn wir jetzt gemeinsam aktiv werden, um auf den Vertrauensverlust, auf die Verärgerungen und Verunsicherungen in unseren Gemeinden und weit darüber hinaus, ein Zeichen des Erneuerungswillens zu setzen. Wir tun das mit der Ermutigung durch unseren Papst Franziskus, der in seinem Brief vom 29. Juni an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ schreibt: „Ich möchte euch meine Unterstützung anbieten, meine Nähe auf dem gemeinsamen Weg kundtun und zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.“

Ulrich Waschki