05.09.2018

Kneipengespräch für junge Großstädter

Ein frommer Stammtisch

Das Kloster der Herz-Jesu-Priester mitten in Berlin versucht, mit neuartigen Veranstaltungen die jungen Großstädter zu erreichen. Zum Beispiel mit dem Kneipengespräch „Über Gott bei Gagarin“.

Foto: Markus Nowak
Diskussionen am Stammtisch: Mehrmals im Jahr lädt Pater Ryszard Krupa (links) in die Berliner Bar Gagarin ein. Foto: Markus Nowak


„Spirituelles Futter, das erhoffe ich mir“, sagt Jean-Marc. Der junge Franzose lebt bereits eine Weile in Berlin und ist heute Abend zu Gast bei einem ungewöhnlichen Projekt der Herz-Jesu-Priester. Mitten in Berlins quirligem Szenekiez Prenzlauer Berg lädt der katholische Orden einmal im Monat zu einer Art Stammtisch ein. Unter dem Motto „Über Gott bei Gagarin“ – Gagarin, so heißt die Bar, in der man sich trifft – plaudern hier Christen und gelegentlich auch kirchenferne Menschen, seitdem Pater Ryszard Krupa die Veranstaltung im Januar 2016 ins Leben rief, über ihren Glauben, das Leben und die Welt. „Kommen kann jeder, der reden will“, sagt Krupa. Weder Taufschein noch Kirchenzugehörigkeit sind wichtig.

Die meisten der elf Teilnehmer an diesem Mittwochabend sind Mitte 30. So jung ist Kirche sonst selten. Zudem ist auch das Geschlechterverhältnis  recht ausgeglichen – anders als in den meisten Gottesdiensten der Stadt, wo vorwiegend ältere Damen kommen. Von der Bedienung im Gagarin wird man geduzt. Bei der Bestellung eines Flaschenbieres wird der Gast – berlintypisch – mit leicht genervtem Unterton abgefragt: „Willst du ein Glas dazu?“ Im Hintergrund, am Nachbartisch, streiten sich drei junge Männer über die Schnittstellen bei verschiedenen Computersystemen.


„Gottesdienste sind nicht alles, was wir können“

Für Pater Ryszard Krupa, das sieht man dem fröhlichen Polen jederzeit an, sind die Abende – man könnte sie auch als zwanglose Bibelgespräche bezeichnen – in der Bar Gagarin eine Herzensangelegenheit. Auch wenn immer mal wieder Stühle gerückt werden oder Nachzügler erst später zur Runde dazustoßen, zeigt Krupa nie Zeichen von Anstrengung. „Gottesdienste sind eben nicht alles, was wir können“, sagt der Priester dann und lacht.

Tatsächlich versucht der Orden, der sich erst 2012 mit seinem sogenannten Kiezkloster in Berlin angesiedelt hat, mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen „Menschen anzusprechen, die sich von den klassischen kirchlichen Angeboten nicht oder nicht mehr angesprochen fühlen“. Dazu haben sich Herz-Jesu-Priester einiges einfallen lassen. Etwa spezielle Gottesdienste für Singles. Oder kurze Bibel-Wanderungen im Berliner Umland. Zu den Kneipenabenden kommen vor allem Menschen, die irgendwie „auf der Suche sind“, oder so wie Melanie einfach mal „in entspannter Atmosphäre über Gott plaudern“ möchten.

Dass die Veranstaltung in einer Bar stattfindet, die nach dem ersten Menschen im All, Juri Gagarin, benannt wurde, ist kein Zufall. „Wir dachten, dass es ganz gut passt, einen Ort zu wählen, der als Symbol für den Sozialismus und auch den Atheismus steht“, erzählt Pater Krupa. Nachdem der sowjetische Kosmonaut 1961 knapp zwei Stunden durch den Weltraum geflogen war, wurde er gefragt, ob er da oben Gott begegnet sei. Darauf soll Gagarin geantwortet haben, er habe gesucht, aber Gott nicht gefunden. Doch für Krupa ist das eher „Propaganda“. Bei Recherchen fand er heraus, dass der Kosmonaut einer orthodoxen Familie entstammte und bis an sein Lebensende gläubig war.

Größere Runden mit zehn Teilnehmern und mehr findet Krupa eher schwierig. „Wunderschöne persönliche Gespräche“ würden sich etwas leichter entwickeln, wenn weniger kommen. So fünf, sechs Leute. Abgeguckt haben sich die Herz-Jesu-Priester das Projekt im polnischen Krakau. Dort bieten die Dominikaner unter dem Motto „Theologie unter Strom“ Diskussionsabende in der Kneipe an. Auch in Erfurt habe sich inzwischen ein Männerstammtisch über Glauben formiert. „Unser Ziel war es, die Kircheneintrittsschwelle so weit wie möglich abzusenken“, erklärt Markus Nowak, der für die Öffentlichkeitsarbeit des Ordens zuständig ist.


„Ihr macht aus der Kirche eine Art Zirkus“

Doch genau diese Absenkung der Schwelle ist nicht jedermanns Sache. „Es gibt Leute, die uns vorwerfen, ihr macht aus der Kirche eine Art Zirkus“, weiß Krupa. Auch sind die Gespräche bei klassischen Bibelabenden oder im Rahmen von Exerzitien sicherlich konzentrierter, intensiver als hier im Stimmengebrabbel in einer Kneipe beim Bier. Damit jedoch auch beim Stammtisch die Diskussionen nicht ausufern, verteilt Krupa zu Beginn des Abends einen kurzen Bibeltext. „Darüber wird anschließend gesprochen, geschaut, was könnte das Evangelium mit mir zu tun haben.“ Diese Orientierung ist Krupa wichtig. „Es geht ja nicht darum, über Politik oder die sozialen Probleme der Welt zu sprechen.“

Doch genau dieser Gottesbezug hat auch schon einzelne Gäste überfordert, sagt Melanie. „Neulich war jemand da, der ist, als es um Wunder ging und wir uns über die Auferstehung von Lazarus unterhalten haben, einfach mitten im Satz aufgestanden und gegangen.“

Von Andreas Kaiser