14.05.2022

Ordensmann mit Leidenschaft für den ESC

Mitfiebern beim Eurovision Song Contest

12 Punkte für...: An diesem Wochenende startet Malik Harris für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Der Ordensmann Benedikt Müller fiebert mit. 

Foto: Helena Minner/OASE Abtei Königsmünster/KNA
Seit er 15 ist, hat er keinen ESC verpasst: Der Ordensmann Benedikt Müller bringt seine Leidenschaft für den Gesangswettbewerb auch in sein Klosterleben ein. Foto: Helena Minner/OASE Abtei Königsmünster/KNA

15 Jahre alt war der heutige Ordensmann Benedikt Müller, als er sich unsterblich verliebte. Es war 1987, der "Grand Prix Eurovision de la Chanson", wie der ESC damals noch hieß, flimmerte über den Bildschirm. Beim Auftritt von Sängerin Kate aus Norwegen mit ihrem Lied "Mitt Liv" ("Mein Leben") war es um ihn geschehen. Wenn Bruder Benedikt heute daran denkt, muss er schmunzeln: "Von mir aus hätte niemand anderes mehr singen müssen an dem Abend. Ich wollte sofort nach Norwegen fahren, die Sprache lernen und Kate heiraten."

Über Kate Gulbrandsen kam der Benediktiner, der damals noch auf seinen Taufnamen Andreas hörte, schnell hinweg. Die Liebe für den ESC aber ist ungebrochen. Jahr für Jahr verfolgt der heute 49-Jährige mit Brille, Bart und den schon eher grauen, raspelkurzen Haaren das Spektakel. Sein Wissen über den Gesangswettbewerb scheint geradezu unermesslich: Namen von Moderatoren, Interpreten, Songs, Austragungsorten und dazugehörigen Jahreszahlen sprudeln nur so aus ihm heraus.

2019 war er sogar Mitglied der deutschen Jury. Jetzt am Wochenende schaut Bruder Benedikt das ESC-Finale zusammen mit anderen Ordensleuten und Freunden im Bildungshaus seiner Abtei Königsmünster in Meschede. Auf Großleinwand, bei Wein, Bier und Knabbereien verfolgen sie dann Song für Song, kommentieren in den Sozialen Netzwerken und geben Tipps ab, wer gewinnt.

Dem deutschen Beitrag "Rockstars" von Malik Harris - "Ich mag das Lied" - wünscht Bruder Benedikt von Herzen viel Glück in Turin. In den Top 5 sieht er aber andere: Italien, Norwegen, Finnland, England - und die Ukraine. "Klar könnten manche sagen, das wäre ein symbolischer Sieg, wenn die Ukraine jetzt gewinnt", analysiert er: "Aber auch ganz sachlich gehört der Song zu den besten!" In den Wettbüros wird das Lied "Stefania" der Band Kalush Orchestra jedenfalls konstant weit oben gerankt.

Bruder Benedikt findet es gut, dass der ESC trotz des Krieges in Europa stattfindet. Alles andere hätte er als falsches Signal empfunden. Kern sei es schließlich, die europäische Idee friedlich gemeinsam zu feiern: "Das brauchen die Menschen jetzt", ist der Ordensmann überzeugt.

Auch 1982 sei die Welt in unruhigen Zeiten gewesen. Das atomare Wettrüsten zwischen West und Ost war in vollem Gange, als die erst 17-jährige Nicole aus Deutschland mit "Ein bisschen Frieden" den Nerv traf und gewann. "Wenn man sich das Video anschaut, wie sie zum Schluss in mehreren Sprachen singt, rührt das immer noch zu Tränen", findet Benedikt.


Teilnehmer sollten in ihrer Landessprache singen

Trotz aller Begeisterung hat er auch Kritik am ESC. Die deutsche Art der Vorauswahl gehöre dringend reformiert, findet der Benediktiner. Und er würde sich wünschen, dass wieder alle Teilnehmer in ihrer Landessprache singen. "Europa ist bunt wie der Regenbogen und wir haben so viele Traditionen und Sprachen. Das wäre doch wunderbar, wenn das wieder mehr gefeiert würde, diese bunte Vielfältigkeit".

Seine Liebe für den ESC hat Bruder Benedikt, in Königsmünster für die Jugendarbeit zuständig, sogar schon in den Klosteralltag integriert. Wenn es darum geht, junge Leute vom Glauben zu begeistern, zieht er durchaus Parallelen zum ESC: "Die Lieder müssen ja in drei Minuten eine Botschaft übermitteln und die Herzen berühren. Und das ist bei einem Gottesdienst oder auch bei Besinnungstagen mit Jugendlichen ja ganz ähnlich: Ich muss es in einer relativ kurzen Zeit schaffen, eine Botschaft rüberzubringen, die Jugendlichen zu überzeugen, dass das hier ein besonderer Ort ist, an den sie gern zurückkehren".


ESC-Wochenenden im Kloster

Ganze ESC-Wochenenden bietet er im Kloster an oder spielt in der Jugendarbeit auch schon mal einen ESC-Song ein. So erlebten viele junge Leute Kirche ganz anders, als sie es sonst gewohnt seien. "Die sagen dann: Was? ESC? Ist ja cool", lacht Bruder Benedikt.

Und obwohl der ESC alles andere als eine geistliche Angelegenheit ist, fällt es ihm nicht schwer, Beispiele für Lieder mit religiösen Anklängen zu finden: In der Wiederkehr der Sonne nach langen Winternächten im aktuellen Lied aus Island etwa erkennt er österliche Motive. 1976 widmete Griechenland einen ganzen Song der Mutter Gottes, erinnert er sich.

Die wichtigste Verbindung zur Spiritualität sieht Bruder Benedikt aber in der Musik selbst: "Musik berührt die Seele und bringt sie zum Schwingen. Und das macht der Glaube ja auch". Dann bleibt also nur noch abzuwarten, welcher der Final-Songs am Samstag die Seelen der Menschen berührt - und den Wettbewerb gewinnt.

kna