26.07.2018

Steinschlag an der Klagemauer in Jerusalem

Debatte um Reformjudentum

Fast wäre eine Frau im Gebet erschlagen worden, doch der Steinschlag an der Klagemauer heizt nun die Debatte um das Reformjudentum neu an.

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Der Stein, der von der Klagemauer auf die Gebetsplattform für Männer und Frauen herabgestürzt ist, wird abtransportiert. Foto: kna

An der Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt bot sich in diesen Tagen ein ungewohntes Bild: Meterhoch, über den Köpfen von Archäologen, Betern und Schaulustigen schwebte ein gewaltiger Stein. Mit einem Kran, gesichert von zwei Seilen, bargen Experten den rund 100 Kilogramm schweren Block. Der Stein, der über 2.000 Jahre hinweg unbeweglicher Teil der herodianischen Tempelmauer war, hatte sich am Montag gelöst und war nur knapp neben eine betende Frau gestürzt.

Zwar gaben die Archäologen bezüglich der Sicherheit und Stabilität der Mauer rasch Entwarnung. Ort und Zeit des Steinsturzes boten jedoch Raum für zahlreiche Interpretationen des Zwischenfalls. Just am Morgen nach dem "Tischa Be'Av", dem Gedenktag der Zerstörung des ersten und zweiten Jerusalemer Tempels, löste sich der Stein und fiel auf jene Plattform südlich des eigentlichen Klagemauerplatzes, die als egalitärer, Männern und Frauen gleichermaßen offenstehender Gebetsbereich in der Vergangenheit immer wieder für Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen und reformorientierten Juden sorgte.

Der Vorfall müsse allen eine Warnung sein, erklärte der stellvertretende Jerusalemer Bürgermeister Dov Kalmanovich umgehend. "Reformorientierte, an der Mauer betende Frauen und andere Streitsüchtige müssen die Fehler bei sich selbst suchen und nicht bei der Mauer", sagte er gegenüber israelischen Medien. Die Ansichten des Reformjudentums seien ein Grund für die Spaltung in der Gesellschaft, die sich im Zustand der Klagemauer widerspiegele.

Dem Rabbiner der Klagemauer, Shmuel Rabinovitch, zufolge wirft der Steinsturz Fragen auf, "für die der menschliche Geist zu klein ist, und die eine Buchführung der Seele erfordern."

 

Auch Wakf-Behörde meldet sich zu Wort

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Der 100kg-Stein ist mit einem Kran abtransportiert worden.
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Auch die islamische Wakf-Behörde meldete sich zu Wort. Deren Direktor Azzam al-Khatib warnte mit "tiefer Besorgnis" vor weiteren Vorfälle dieser Art und zog eine unmittelbare Verbindung zu von der Wakf kritisierten israelischen Grabungen unter der Al-Aksa-Moschee. Immer wieder werfen sich Juden und Muslime illegale Grabungen im Tempelareal vor. Beide Seiten sehen darin eine Gefährdung ihrer heiligen Stätten.

Die Sensibilität des Ortes und seine religiöse Bedeutung sei ihnen bewusst, sagt Amit Reem, Archäologe der Israelischen Antikenbehörde (IAA). Die Anschuldigungen der Wakf weisen der israelische Experte und seine Kollegen an der Absturzstelle jedoch zurück. Zwar stehen die entsprechenden Untersuchungen erst noch bevor, aber die erste Vermutung der Forscher geht von Umwelteinflüssen als Ursache aus: Sonneneinstrahlung, Hitzeeinwirkung, in den Stein eindringendes Wasser und Pflanzenwurzeln könnten den Stein gelockert haben und eine schon zuvor bestehende Unregelmäßigkeit in der Gesteinsstruktur zum Riss werden lassen.

Außerdem, vermutet der für die Ausgrabungen an der Klagemauer und der Davidstadt verantwortliche IAA-Archäologe Joe Uziel, könnte die nachträglich in die Mauer eingearbeitete Rille, die vermutlich für Wasserleitungen genutzt wurde, den Druck auf den Stein erhöht haben. Eine Gefahr für die ebenso wichtige wie umstrittene heilige Stätte sehen die Experten unterdessen nicht. "Die Mauer steht seit 2.000 Jahren. Sie wird auch in Zukunft in ihrer Gesamtheit stabil sein", so Uziel.

Stein um Stein wollen die Experten in Zusammenarbeit von Regierung, Verwaltung, Rabbinat und Antikenbehörde in den kommenden Wochen die Mauer prüfen, gefährdete Teile lokalisieren und Maßnahmen zum Erhalt der Mauer und Schutz der Besucher ergreifen. Behutsam wolle man vorgehen, um die religiösen Gefühle zu respektieren, so Amit Reem. Als Archäologen müssten sie jedoch gleichzeitig mit wissenschaftlicher Nüchternheit zu Werke gehen.

Spätestens zum Sukkot, dem nächsten großen Wallfahrtsfest, das am Abend des 23. September beginnt, soll die Mauer wieder vollständig und sorgenfrei für Besucher zugänglich sein.

kna