09.09.2018

Zum Tag des offenen Denkmals

Zerbrechliches Erbe

Ein Mönchengladbacher Ehepaar rettet Kirchenfenster vor der Zerstörung und setzt sich für den Denkmalschutz ein.

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Die Kirchenfenster werden vorsichtig ausgebaut. Foto: kna


Manche Menschen fragen sich ein halbes Leben lang, was ihre Bestimmung ist. Annette Jansen-Winkeln hat ihr Lebensthema seit Jahrzehnten gefunden - Glasmalerei. Deshalb schmerzt es die Mönchengladbacher Kunsthistorikerin, dass immer mehr Kirchen abgerissen werden - und mit ihnen wertvolle Kirchenfenster zerstört werden. "Ein unglaublicher Vorgang, was da passiert."

Mit ihrem Mann, dem Mönchengladbacher Architekten Ernst Jansen-Winkeln, rettet die 63-Jährige deshalb seit Jahren auf eigene Kosten Glaskunst - und trägt auf ihre Weise zum Denkmalschutz bei. "Wir können schlecht mit ansehen, wie Fenster weggeschmissen und Kirchen zerstört werden." Rund 650 Kunstwerke konnte das Ehepaar so bislang vor der Abrissbirne bewahren.

Auf die Kirche ist Jansen-Winkeln derzeit nicht gut zu sprechen. Sie vermisst das Gespür von Bistumsverwaltungen, wenn es um die Aufgabe von Gotteshäusern geht. Jede Scheibe sei schließlich ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Unikat - eigens für die räumlichen Gegebenheiten und Lichtverhältnisse des jeweiligen Gotteshauses geschaffen. Gemeinden müssten meist hilflos mit ansehen, wie ihr Gotteshaus mitsamt der wertvollen Scheiben dem Abriss geweiht ist. "Die Fenster gehören nicht dem Bistum, das den Abriss anordnet, sondern der Gemeinde", stellt die Mönchengladbacherin klar.

Sie wird bei drohenden Kirchenschließungen immer wieder um Rat gefragt. "Ich verstehe nicht, warum das Bistum den Gemeinden nicht die Chance gibt, die Fenster zu retten. Sie können bestimmen, was damit geschieht - nicht der Bischof oder kirchliche Verwaltungsstellen!" Sie plädiert für eine "zeitliche Schutzzone", damit Kirchenvorstände Zeit haben, über eine andere Verwendung - etwa in Gemeindehäusern - nachzudenken.

 

Fensterscheiben lagern im Parkdeck einer Tiefgarage

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Annette und Ernst Jansen-Winkeln
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Die bislang 650 ausgebauten Fenster aus katholischen und evangelischen Kirchen sind in einem leer geräumten Parkdeck einer Tiefgarage in Mönchengladbach gelagert - vorübergehend, wie die Kunsthistorikerin betont. "Sie sollen nicht im Keller oder im Privatbereich verschwinden, sondern wieder in den öffentlichen Raum zurückkommen."

Jansen-Winkeln hat 1982 über die Glasfenster ihres Schwiegervaters, dem Glasmaler Ernst Jansen-Winkeln, promoviert - damals ein absolutes Orchideenthema in der Kunstgeschichte. Als Fenster von ihm mitsamt einem Kloster abgerissen werden sollten, wurde sie erstmals aktiv. 2006 begann sie schließlich damit, im Ruhrgebiet alle sakralen Glasmalereien zu erfassen - in Kirchen, Klöstern, Krankenhäusern, Schulen. Zehn Jahre später hatte sie mit ihrem Mann sämtliche rund 100.000 Glasfenster in ganz Nordrhein-Westfalen akribisch dokumentiert: in 40 Einzelbänden und in einer Datenbank, die eigens für die Zwecke der Forschungsstelle entwickelt wurde.

Für die Mönchengladbacher sind diese Bilder "ein ganz bedeutendes Erbe". Um es zu erhalten, hat das Ehepaar 1993 die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts gegründet. Ende 2016 riefen die beiden Experten die Europäische Akademie Glasmalerei ins Leben; die Stiftung dient der Erforschung und dem Erhalt der Glaskunst. Sie soll - in Kooperation mit verschiedenen Institutionen - das Anliegen auf den Weg bringen, damit es sich dauerhaft trägt.

Die Kunsthistorikerin wünscht sich, dass die Fenster "gemeinschaftlich gesichert und gerettet werden können", etwa in Form einer Kirchenbaustiftung. "Ideal wäre eine Schonzeit von mindestens drei Generationen, bis die Werke Geschichte geworden sind und wir aus dem historischen Rückblick heraus zu objektiveren Beurteilungskriterien kommen, die den Erhalt an Ort und Stelle ermöglichen."

Die Fenster in dem ungewöhnlichen Tiefgaragen-Depot sind für Annette Jansen-Winkeln gläserne Zeugen einer dramatischen Entwicklung. Ihr Ausmaß werde erst so richtig greifbar, wenn man die vielen eingelagerten und zustaubenden Scheiben sieht.

Die Sammlung könnte demnächst noch größer werden, befürchtet die Expertin. "Die Welle der Kirchenschließungen im Erzbistum Köln fängt gerade erst an." Nur ungern möchte die Familie auch noch das zweite Parkdeck des von ihrem Mann gebauten Studentenwohnheims zweckentfremden.

kna