02.09.2020

Am Ende eines langen Weges

Im nordfriesischen Leck nahmen Gemeindemitglieder Abschied von ihrer Kirche St. Josef, die profaniert wurde. Pfarrer Germain Gouèn hofft, dass die Gläubigen künftig im nahen Niebüll in den Gottesdienst gehen. 

Pfarrer Germain Gouèn und Pastor Dieter Lankes beim Profanierungsgottesdienst in St. Josef in Leck
„Bitten wir um die Kraft, das Schwere anzunehmen“, sagte Pfarrer Germain Gouèn beim Profanierungsgottesdienst. Links sitzt Pastor Dieter Lankes. Foto: Marco Heinen

Für die nur noch wenigen Mitglieder der katholischen Gemeinde St. Josef im nordfriesischen Leck war es ein schwerer Weg, den sie am vergangenen Samstag zu gehen hatten: Pfarrer Germain Gouèn und die Pastoren Dieter Lankes und Michael Waldschmitt feierten mit ihnen die letzte heilige Messe in der Kirche, die zum Ende der Eucharistiefeier profaniert wurde. Ursprünglich für die ehemals zahlreichen katholischen Soldatenfamilien in der Gegend gebaut und Ende 1971 vom Militärbischof Franz Hengsbach geweiht, war die Zahl der Gottesdienstbesucher in den vergangenen Jahren stark rückläufig. Zwar kamen immer noch einige Katholiken von außerhalb, um die Vorabendmesse mitzufeiern, doch die Zukunftsaussichten waren düster. Und so hatten der Kirchenvorstand und der Pfarrgemeinderat bereits im März 2015 beraten und der Kirchenvorstand hatte dann im Mai 2015 sowie erneut im November 2019 die Profanierung der Filialkirche St. Josef beantragt. Der Pfarrgemeinderat hatte sich schon vor fünf Jahren zustimmend geäußert und auch der Priesterrat erhob zuletzt keine Einwände.

Die Schließung sollte schon früher erfolgen

Dass es überhaupt so einen langen Aufschub gegeben hatte, hängt mit der Flüchtlingssituation des Jahres 2015 zusammen. Damals hatte der Bürgermeister von Leck beim Erzbischof um einen Aufschub der Schließung gebeten, weil die Gemeinde auf der Suche nach Wohnraum für Flüchtlinge war. Schließlich stand seinerzeit die Küsterwohnung an der Kirche leer, wo dann tatsächlich für einige Zeit eine Flüchtlingsfamilie Quartier nehmen konnte. Überdies verließ Pfarrer Gerard Rzaniecki 2016 die Pfarrei in Richtung Bad Oldesloe und sein Nachfolger, Pfarrer Oliver Meik, blieb nur kurz, so dass das Thema Profanierung erst einmal von der Tagesordnung verschwand. Doch nun steht für den 28. Februar 2021 die Gründung der Pfarrei St. Knud an, in der die Pfarreien von Husum, Niebüll und Sylt aufgehen werden, weshalb Pfarrer Gouèn bemüht ist, Unerledigtes nicht länger auf die lange Bank zu schieben. Gouèn, seit Februar 2019 Pfarrer in Nordfriesland, will der neuen Pfarrei einen unbelasteten Start ermöglichen – „damit wir nicht trauern müssen, wenn wir eine neue Pfarrei gründen“, wie er am Rande des Gottesdienstes erläuterte.

Doch natürlich war der letzte Gottesdienst in St. Josef ein schmerzhafter Gottesdienst für die rund 40 Teilnehmer. Pfarrer Gouèn sprach von „etwas Unvergesslichem“ für die Stadt, für das Erzbistum, für die Pfarrei St. Gertrud in Niebüll und den Pastoralen Raum Nordfriesland. „Wir nehmen Abschied von einem Ort, der uns immer Trost, Freude und Hoffnung gespendet hat und noch spendet“, sagte er.

Gemeindemitglieder sind teils traurig, teils wütend 

Eine Kirche zu profanieren, das sei keine Freude. „Wenn man Pastor ist, möchte man Freude bereiten, nicht Trauer“, sagte Gouèn. Er dankte allen, die sich in den vielen Jahren durch ihr ehrenamtliches Engagement um die Gemeinde und die Kirche verdient gemacht haben. „Wir werden diesen Ort nicht vergessen, weil wir diese Kirche lieben“, so Gouèn in Anspielung auf den Buchtitel „Trauern heißt lieben“ von Pater Anselm Grün.

Nach dem Gottesdienst zeigten sich einige der Gläubigen sehr bewegt. „Es fällt mir sehr schwer“, sagte Christa Seitzinger sichtlich angegriffen. Ihre Kinder hatten in der Kirche ihre Erstkommunion und die Firmung gefeiert und dort geheiratet. Auch die Enkelkinder wurden dort getauft. Sie werde künftig zwar seltener in die Kirche gehen, schätzt die Seniorin, aber wenn, dann werde sie wohl nach Niebüll fahren. Die Stadt liegt etwa zwölf Kilometer von Leck entfernt. 

„Es ist traurig, aber wir sind ja nicht allein“, meinte wiederum Marianne Christiansen. Bis Niebüll sei es nicht so weit und es gebe in Leck ja noch die evangelische Kirche, die früher einmal katholisch war. Da ihr Mann evangelisch ist, gehört das bei Christiansens ohnehin dazu: „Ich sag’ mir immer, der liebe Gott ist überall und dann gehen wir auch mal dahin.“

Doch es waren auch harschere Töne zu hören. Für die Schulen in Hamburg gebe das Erzbistum Millionenbeträge aus, doch für kleine Gemeinden wie in Leck gebe es kein Geld, schimpften einige Gemeindemitglieder.

Wie es genau mit dem Kirchgebäude weitergehen wird, ist noch offen. Ein Verkauf ist wohl der wahrscheinlichste Weg. Mit Blick auf die Gottesdienste wünscht sich Pfarrer Gouèn, dass die Menschen nach Niebüll kommen. Es werde ein Fahrdienst eingerichtet und man werde beim Bonifatiuswerk um Unterstützung für den Neukauf eines Boni-Busses bitten. Doch auch Gottesdienste vor Ort in der evangelischen Kirche schließt der Pfarrer nicht aus. „Wir sind bereit, ökumenische Wege zu gehen“, sagte er. Die evangelische Pastorin war auf jeden Fall zur heiligen Messe gekommen, um den Katholiken in der schweren Stunde beizustehen.

Für Pfarrer Gouèn war es bereits die zweite Profanierung innerhalb weniger Monate. Im vergangenen Jahr hatte er schon die Profanierung der Kapelle in Bredstedt vollzogen, und voraussichtlich noch vor Jahresfrist wird auch die Kirche St. Paulus in Tönning außer Dienst genommen. Auch da hat er als Pfarrer noch einmal einen schweren Gang vor sich.

Text u. Foto: Marco Heinen