09.10.2019

Anwalt der Armen

Diakone sollen Anwälte der Armen in der Gemeinde sein. Vier Männer bereiten sich gerade auf dieses Amt vor. Einer von ihnen, Erk Werner, ist auch von Beruf Anwalt. Das kann nützlich sein, selbst bei einer Holzarbeit mit Obdachlosen.  

Erk Werner in Aktion beim Möbelbau auf dem Kirchhof von St. Bonifatius
Erk Werner (3. v. li.) in Aktion beim Möbelbau auf dem Kirchhof von St. Bonifatius in Hamburg. Foto: privat

Erk Werner ist von Beruf Rechtsanwalt. Seine Kanzlei hat ein Spezialgebiet: Viele seiner Mandanten sind Menschen aus Südamerika oder Spanien. Der Jurist hat in Argentinien gelebt. Seine Frau María Ester Alonso Morales, ebenfalls Rechtsanwältin, kommt aus Argentinien und hat dort auch Opfer von Menschenrechtsverletzungen vertreten. 

Man kann Erk Werner aber auch an ganz anderen Orten begegnen. Etwa an Bord von Frachtschiffen im Hafen. In seiner Freizeit ist er bei der Seemannsmission Stella Maris als Schiffsbesucher tätig. Er engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit und in der Partnerschaft mit dem argentinischen Bistum Puerto Iguazú. 

Aber zuletzt war Erk Werner oft am Samstag in seiner Gemeinde St. Bonifatius in Hamburg-Eimsbüttel zu finden, wo Obdachlose an einem Holzobjekt gearbeitet haben. Werner ist nicht selber mit Säge und Akkuschrauber dabei. Er organisiert das Projekt. „Ich könnte natürlich selber mitmachen“, sagt er. „Aber darum geht es hier nicht. Ich helfe nicht beim bauen, ich helfe dabei, dass in dieser Gemeinde ein von Ehrenamtlichen getragenes diakonales Projekt entsteht.“

Erk Werner gehört zu einer Gruppe von vier Männern im Erzbistum Hamburg, die sich auf den Dienst des ständigen Diakons vorbereiten. Sie haben Theologie im Fernkurs (Grundkurs) studiert und treffen sich einmal im Monat an Ausbildungswochenenden. Jeder leitet in seiner Gemeinde ein anderes Projekt. „Der Diakon steht in besonderer Weise dafür ein, dass sich die christliche Gemeinde den Armen zuwendet“, so steht es in der Profil­beschreibung für dieses Amt.
Anwalt für die soziale Seite ihrer Gemeinde zu sein, das ist ihre Hauptaufgabe. 

Unter den vier Kandidaten für die nächste Diakonenweihe (wahrscheinlich 2021) hat der Rechtsanwalt Erk Werner vielleicht die ungewöhnlichste Geschichte. Er ist erst 2010 getauft worden, zusammen mit seinen Kindern Santiago und Julieta. Das Christentum habe ihn immer interessiert, sagt Werner. Theologen wie Karl Rahner oder die spanischen Mystiker haben ihn beeindruckt. Und doch war es eine Entscheidung gegen den Strom. Denn aus Argentinien kennt das Ehepaar Werner/Alonso Morales sehr gut die dunkle Vergangenheit der katholischen Kirche während der letzten Militär­diktatur. Aber der Neugetaufte fand schnell Anschluss, er wollte als „Neuer“ nicht lange schnuppern, sondern seine Fähigkeiten einsetzen. Und irgendwann kam der Pfarrer von St. Bonifatius mit der Frage: Diakon werden? 

„Kleriker wollte ich nie werden. Aber als ich hörte, was das soziale Profil des Amtes ist, musste ich mir sagen: Das ist genau das, was du willst.“ Also sagte Werner zu. Die nächste Frage war die Wahl eines eigenen Gemeindeprojekts. Das war nicht ganz so einfach. „Ich hätte natürlich leicht ein Flüchtlingsprojekt machen können“, erzählt der Kandidat. „Aber mit Migration habe ich jeden Tag als Anwalt zu tun. Ich wollte etwas anderes machen.“ Suchen musste Erk Werner dazu nicht lange. Seine Gemeinde St. Bonifatius betreibt eine Suppenküche für Obdachlose. 60 bis 120 Menschen kommen samstags, um in der Gemeinde Mittag zu essen. 

Gemeinsam etwas tun und Erfolg erleben

Dazu gehört Roland Side. Der gebürtige Österreicher hat seit 19 Jahren keinen festen Wohnsitz. Er lebt von kleinen Tagesjobs –„50 Euro reichen mir für zwei Wochen“ – und übernachtet bei einer befreundeten Frau. „Durch die Not bin ich zum Glauben gekommen“, sagt Side. Dabei sieht er sein Leben positiv. „Die Situation, in der ich lebe, hat mir Erfahrungen und Einsichten gegeben, die ich sonst nicht hätte.“ Zur Suppenküche in St. Bonifatius kommt er, weil man dort interessante Leute trifft. Side kennt die Szene. Er weiß auch: Vielen Obdachlosen geht es viel schlechter als ihm. „Manche haben die Flucht nach innen angetreten. Denen kann man kaum helfen.“ 

Aber gerade das will Erk Werner. Seine Idee: Leute, die sich kaum etwas zutrauen, sollen gemeinsam etwas Praktisches und Nützliches tun. Und ein Erfolgserlebnis haben.  Das Projekt, das er angestoßen hat, ist eine handwerkliche Arbeit. Obdach­lose und ehrenamtliche Helfer aus der Gemeinde haben angefangen, Sitzgelegenheiten und andere Freiluftmöbel aus Holz zu bauen. Die Möbel sollen auf dem Kirchhof stehen, der gleichzeitig Schulhof der Bonifatiuskirche ist. 

Das erste Stück ist inzwischen fertig. Es haben sich an jedem Samstag Leute gefunden, die mitgemacht haben – unter anderem Roland Side. Und es haben sich Ehrenamtliche gefunden, die sie anleiten. Dabei ist ein Tischler. Das klingt nach einem schnellen Erfolg. Aber so war es nicht. „Am Ende brauchte ich dann doch alle meine Fähigkeiten als Rechtsanwalt. Eine Holzkiste auf dem Schulhof  aufstellen zu dürfen, das ist nicht so einfach.“ Standort, Höhe, Befestigung, für alles gibt es Vorschriften. „Ich musste ein halbes Jahr von einem zum anderen laufen, bis ich alle Anforderungen erfüllt hatte. Aufgeben kam aber nicht in Frage. Ich kann auch ziemlich hartnäckig sein.“ Die Caritas Stiftung Hamburg – Menschen in Not hat das Baumaterial finanziert. 

Beruf, Familie, mehrere Ehren­ämter, und dann noch ein anspruchsvolles kirchliches Amt. Wie schafft man das? Erk Werner ist guten Mutes. „Ich bin durch meinen Beruf gewohnt, 50 Fälle gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Und dass ich als Anwalt gut verdiene, hilft. Man kann das nutzen, um immer mehr Geld zu machen. Ich nutze es, um weniger zu arbeiten und Zeit für andere Dinge zu haben.“

Text: Andreas Hüser