22.05.2019

Auf Augenhöhe mit dem Papst

Im November 2016 hatten sich 70 Obdachlose aus Hamburg auf den Weg zum Heiligen Vater nach Rom gemacht. Ihre Eindrücke schilderten einige Teilnehmer der Pilgerreise in der „Alimaus“. „Fratello“-Treffen gibt es nun regelmäßig.

Julia Kossmann und Jan Sjoerds aus Hamburg waren bei der „Fratello“-Pilgerreise im November 2016 nach Rom dabei
Julia Kossmann und Jan Sjoerds aus Hamburg waren bei der „Fratello“-Pilgerreise im November 2016 nach Rom dabei.  Foto: Norbert Wiaterek

Die „Fratello“-Pilgerreise hat Spuren hinterlassen und wirkt bis heute nach. Im November 2016 waren 4 000 Obdachlose und arme Menschen aus 21 europäischen Ländern, darunter 70 aus Hamburg, mit Betreuern dank Spenden nach Rom gereist. Über dieses „Abenteuer“ berichteten Beteiligte des Projektes „Fratello“ jetzt in der „Alimaus“, der Tagesstätte für Obdachlose und bedürftige Menschen in Altona, ein Abend aus der Reihe „Theologie in der Stadt“ der Katholischen Fakultät der Universität Hamburg und der Katholischen Akademie. Thema: „Gott suchen und finden an den ,Rändern‘ der Stadt“.

Keiner geht mehr gebückt

Unter den Wallfahrern aus Hamburg, die Papst Franziskus sahen, war auch Jan Sjoerds. „Ist nicht das, was wir hier erleben, das, was ihr den Heiligen Geist nennt? Keiner geht mehr gebückt“, hatte der 73-Jährige während der Pilgerfahrt gesagt. In der „Alimaus“ betonte Sjoerds, der in den Niederlanden evangelisch aufgewachsen war und regelmäßig betet: „Die Reise war eine geistige Nahrung. Ich habe gespürt, dass der Heilige Geist da ist, dass er wirkt in der Begegnung mit anderen Menschen.“

Jan Sjoerds musste viele Jahre in Hamburg auf der Straße leben. Diese Zeiten sind für den „Hinz & Kunzt“-Mitarbeiter vorbei. Er habe nicht zuletzt dank der Reise in die Ewige Stadt gelernt, die Mitmenschen nicht zu hassen. „Ich versuche, sie zu lieben. Meine Persönlichkeit hat sich nach Rom weiterentwickelt. Es ist etwas unglaublich Starkes, zwischen Menschen zu sein, die glauben. Du bist nie alleine.“

Auch Julia Kossmann, die ehrenamtlich in der Suppenküche von St. Bonifatius in Eimsbüttel tätig war und sich selbst als arm bezeichnet, hat sich gefreut, „Teil einer so großen Gemeinschaft“ gewesen und dem Papst „trotz Popstar-Geschichte“ so nah gekommen zu sein. „Das war wie ein kleiner Lottogewinn.“ Die 60-Jährige war von Franziskus beeindruckt. „Er hat sich Zeit genommen, hat Menschen, die sich vor ihm hingekniet haben, aufgeholfen und ist ihnen auf Augenhöhe begegnet. Kirche geschieht an der Basis, wo Menschen sich begegnen, nett zueinander sind, auch mal Grenzen überschreiten. Ich plane zum Beispiel, mich neben die bettelnde Roma-Frau vor der Haspa zu setzen und ihr Leben, auch ihre Sorgen, für einen Moment zu teilen.“

Dominikanerpater Dr. Karl Meyer, Vorsitzender des Hilfsvereins St. Ansgar, der die „Alimaus“ betreibt, betonte: „Alle haben eine Würde. Auch die Menschen an den Rändern der Stadt. Und die Armen haben uns etwas zu sagen. Man muss sich nur Zeit nehmen und ihnen zuhören.“

Die Begegnung mit Armen öffnet Augen

Jan Roser, der Jesuitenpater, ist geistlicher Rektor der Katholischen Akademie Hamburg sowie Initiator und Leiter des „Fratello“-Projekts in der Hansestadt, hatte den etwa 40 Zuhörern mit Hilfe von Fotos und Videos die „Fratello“-Wallfahrt in Erinnerung gerufen. Roser rief dazu auf, die Ränder, „Orte geistlichen Wachstums“, aufzusuchen und das Apos­tolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2013 ernst zu nehmen. Der Heilige Vater mahnt, „die gesellschaftliche Eingliederung der Armen als eine der vordringlichsten Antworten auf die grundlegenden Fragen unserer Zeit“ zu verstehen.

„Armut von Menschen verträgt keine spirituelle Überhöhung oder ideologische Verklärung“, meinte Pater Roser. „Sie ist ein Skandal, mit unsäglichem Leiden verbunden und sicherlich nicht gottgewollt. Aber die Begegnung mit Armen öffnet unsere Augen. Sie befreit uns von der Illusion, das Leben im Griff zu haben, auf der sicheren Seite zu stehen, eins zu sein mit unseren illusionären Selbstbildern der absoluten Freiheit und Autonomie. Der Gestank, die Verlorenheit und die Klage im Antlitz des Armen, der uns stört und einen Strich durch jede Rechnung macht, befreien uns von der Illusion, nicht selbst bedürftig zu sein. Sie lässt uns in unserem tiefsten Inneren auf einer Stufe mit dem Armen zu stehen kommen, mit ihm im tiefsten existentiellen Sinne solidarisch werden. Der Arme spiegelt unser wahres Selbst. Arme haben nichts mehr zu verlieren. Viele sind sehr authentisch, tragen kaum noch Masken und haben ein feines Gespür für die Echtheit und Geradheit dessen, der ihnen begegnet. In ihrem Verletzt-Sein lehren sie uns, unsere Masken abzunehmen, auf das Theater zu verzichten, das wir voreinander spielen und im besten Sinne demütig zu werden“, so Jan Roser.

Aus den intensiven Begegnungen und geistlichen Erfahrungen der „Fratello“-Wallfahrt war der Wunsch entstanden, in Hamburg einen Begegnungsraum zwischen Menschen aus unterschiedlichen, bisweilen gegensätzlichen Lebensverhältnissen zu öffnen. „Fratello Hamburg“ trifft sich seither monatlich in den Räumen der Akademie und im Kleinen Michel, um weiter wachsen zu lassen, was durch die Romfahrt angestoßen wurde. Interessierte sind bei diesen „Fratello betet für Hamburg“-Treffen willkommen, das nächste Mal am 10. Juni. Nach einer Andacht um 17 Uhr findet ein Sommerfest statt.

Text u. Foto: Norbert Wiaterek