09.09.2020

Auf dem richtigen Weg

Die Instruktion „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ hat hohe Wellen geschlagen. Vor allem wegen ihrer Aussagen über Pfarrei-Fusionen und über Laien in der Pfarreileitung. Aber es steht noch mehr darin. Eine Einschätzung von Erzbischof Stefan Heße

 

Blick auf die Figuren auf der Ostfassade des Petersdoms.
Ein gewichtiges Wort aus Rom. Blick auf die Figuren auf der Ostfassade des Petersdoms. Foto: Marco Heinen

Zwei Punkte in der Instruktion haben heftige Kritik ausgelöst. Aber das Schreiben hat noch andere Themen. Wo kann uns diese Instruktion weiterhelfen? 

Es ist tatsächlich so, dass diese Instruktion aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil ist sehr aufbruchs­orientiert und ganz im Sinne von Papst Franziskus. Der zweite Teil besteht aus konkreten kirchenrechtlichen Bestimmungen, die ich als wenig lösungsorientiert empfinde. Man kann darin einen Widerspruch sehen, und einige Interpreten vermuten sogar verschiedene Autoren. Für mich ist der erste Teil sehr wichtig. Das Anliegen ist die Ausrichtung der Pfarrei, und da gibt es eine eindeutige Antwort. Die Pfarrei muss sich auf die Weitergabe des Glaubens, auf Mission und Evangelisierung besinnen und auf den Dienst an den Armen. Das hat immer auch mit innerer Umkehr zu tun. Und die fängt bei mir selbst an, ganz im Sinne der Erneuerung unseres Erzbistums: Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an. 

Was soll sich da verändern? 

Erzbischof Dr. Stefan Heße
Erzbischof Dr. Stefan Heße.
Foto: Marco Heinen

Das Dokument fordert zu einem neuen Gemeinschaftsstil auf. Wie wir miteinander umgehen, daran wird deutlich, welcher Geist in uns wohnt und was das Evangelium bedeutet, das wir verkünden. Es sollte so sein, wie es in der Apostelgeschichte berichtet wird. „Seht, wie sie einander lieben!“ Das hat seinerzeit andere überzeugt. Wir leben das vor, woran wir glauben, oder auch nicht. 

Gibt die Instruktion dazu konkretere Hinweise? 

Ja, sie spricht von der „Kunst der Nähe“, die eine Pfarrgemeinde entwickeln soll. Sie soll ein Ort sein, an dem Einsamkeit überwunden ist. An einer Stelle ist auch von der Gastfreundschaft die Rede, erstaunlicherweise in einer Passage, in der es um Wallfahrten geht. Was einen Wallfahrtsort auszeichnet – als „Vorposten“ des Glaubens und Ort, an dem man zur Ruhe kommt und etwas findet – das soll auch in einer Pfarrei zu finden sein. Ich glaube, dass dies gut in den Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens realisiert werden kann. 

Das klingt nach einem Idealbild. Sind wir von solchen Idealen nicht sehr weit weg?

Es wird sehr deutlich gesagt, dass sich die Pfarrpastoral ganz stark verändert hat. Und ich lese in dem Papier eine deutliche Absage an alle, die vergangenen Zeiten hinterherweinen. Die Mobilität hat sich verändert, auch die Möglichkeiten der Kommunikation und der Digitalisierung. Die Pfarrei ist nach den Vorstellungen des Papiers auch nicht mehr nur einfach eine territoriale Größe, das Dokument spricht von einem „existentiellen Territorium“. Wir erleben das unter Corona-Bedingungen besonders. Ich weiß um viele, die sich gerade jetzt in existentiellen Nöten befinden. Eine Pfarrei muss gerade da an ihrer Seite sein. 

Aber da ist noch der zweite Teil, der so ganz anders ist. Laien dürfen keine Pfarrei leiten oder in einem Leitungsteam sein. Viele Kommentatoren sagen: Wenn es konkret wird, regiert immer noch der Klerikalismus. 

Ich glaube, dass es auf dem Weg der Befähigung von Laien weitergeht. Wir haben viele Laien in verschiedenen Diensten. Und ich bin jedem Einzelnen sehr dankbar. Das Dokument stellt klar: Die sakramentale Leitung einer Pfarrei hat selbstverständlich ein Priester. Klar ist aber auch: Die Pfarrei ist immer mehr als der Pfarrer, das sind wir alle. Es gibt viele Dienste in der Seelsorge der Pfarrei. Wir haben Laien in der Katechese, in den Pastoralräten, als Leiter von Wortgottesdiensten. Die Instruktion spricht auch ausdrücklich von Laien als Leiter von Bestattungsfeiern, Trauungen und Taufen. 

Laien als Taufspender und bei Trauungen, das wäre neu. 

Ja, wir haben im Bistum bereits Frauen und Männer, die Bestattungen vornehmen. Über weitere Aufgaben gilt es nachzudenken. Aber das Dokument ist nicht nur für Deutschland geschrieben, sondern für die ganze Welt. Dort gibt es ganz unterschiedliche Situationen – oft mit noch viel weniger Pries­tern und Diakonen. Das ist ein Problem des Papiers: Es kann unmöglich alle Situationen weltweit erfassen oder gar hören. 

Noch einmal zum Thema Leitung: Im Erzbistum Hamburg arbeiten zwei Pfarreien, in Hamburg und Neubrandenburg, an einem Konzept für eine Leitung im Team. Wie geht es dort nach der Instruktion weiter? 

Ich habe die Arbeitsgruppen in diesen Pfarreien gebeten, den Weg weiterzugehen und ein Modell zu entwickeln, das kirchenrechtlich, aber auch in der Umsetzung machbar und mit der Instruktion vereinbar ist. 

Wäre das ein Leitungsmodell, in dem das operative Geschäft einem Team und die Letztverantwortung einem Priester zukommt? 

Es kann auch sein, dass in diesen Pfarreien bestimmte Dinge dem Hirtenamt des Bischofs direkt angebunden werden oder dass der Pfarrer bestimmte Dienste delegiert. Diese Modelle werden jetzt weiter durchdacht. In den meisten Pfarreien wird es weiterhin das klassische Modell geben. Aber wir werden auch Alternativen brauchen. Da hätte ich mir mehr Impulse aus Rom gewünscht. 

Ein weiterer konkreter Punkt in der Instruktion betrifft die Veränderung der Pfarrstruktur eines Bistums. Fusionen von Pfarreien müssen für jede einzelne Pfarrei begründet werden. Eine solche Neustrukturierung gibt es auch im Erzbistum. Muss hier etwas korrigiert werden? 

Nein, ich glaube, dass unser Weg hier im Erzbistum kirchenrechtlich korrekt ist und sich auch pas­toral langsam entwickelt hat. Wir haben jetzt etwa zwei Drittel der Pastoralen Räume gebildet. Pas­torale Räume wollen ja eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sein. Vor der Gründung ist jeder Pastorale Raum einen langen Weg gegangen, unter Einbindung der Kirchenvorstände, der Pfarrgemeinderäte und des Priesterrates. Jeder Raum hat ein Pastoralkonzept entwickelt, und diese Konzepte sind sehr lebendig und verschieden, je nach den Aufgaben vor Ort. Ich sehe darin viel verwirklicht, was im ersten Teil der Instruktion als zukunftsweisend vorgestellt wird. 

Woran denken Sie da?

Es gibt im Pastoralen Raum Netzwerke, Knotenpunkte, Schwerpunkte wie Caritasarbeit, Trauerpastoral, Jugendarbeit, Schule – alles Punkte, die eine Kraft haben und andere anziehen können. Eine kleine Territorialpfarrei könnte das gar nicht alles abbilden. Wichtig ist, dass diese miteinander in Beziehung stehen und Menschen miteinander in Beziehung bringen. Das ist ja das Wesen der Kirche – ein Leib, viele Glieder. Und Christus hält alles zusammen und ist in jedem einzelnen Teil präsent. Dabei sollen sich möglichst alle einbringen. Und ich bin für jeden dankbar, der es tut. 

Interview: Andreas Hüser