04.11.2021

Zeitzeuge Wolf Biermann in der St. Paulus-Schule in Hamburg-Billstedt

Auftritt eines „Gottlosen“

Kurz vor seinem 85. Geburtstag erzählte Wolf Biermann Neuntklässlern der Sankt-Paulus-Schule aus seinem Leben. Der Schriftsteller und Politbarde gab damit auch Frontalunterricht in deutscher Geschichte – ohne Diskussion.

Wolf Biermann in der St. Paulus-Schule in Hamburg-Billstedt

Wolf Biermann bei seinem Auftritt in der Aula der Sankt-Paulus-Schule. Foto: Matthias Schatz

Zwei Wochen hatten sich die Schüler aller 9. Klassen auf den Besuch vorbereitet, sich in seine Vita eingelesen. Auch um Fragen stellen zu können, etwa im Hinblick auf ihre Reise nach St. Petersburg, die zum Abschluss ihrer Schulzeit wohl im Mai 2023 stattfinden wird. Dazu begegnen sie in einem Orientierungsprojekt mehreren Zeitzeugen. Zuletzt war das unter anderen die jüngst verstorbene Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano. Doch dann redete am Mittwoch vergangener Woche in der Aula der Sankt-Paulus-Schule in Billstedt rund 90 Minuten nur einer: Der Schriftsteller und Politbarde Wolf Biermann, der am 15. November 85 Jahre alt wird. 

Es war ein Auftritt besonderer Art, deutsche Geschichte live. Das gibt es nicht alle Tage. Vor den meist 15-Jährigen erzählte jemand aus der Generation ihrer Großväter über sein Leben – über Zeiten, die für sie eine Ewigkeit zurückliegen und die doch brandaktuelle Themen berühren: Gefährdung der Demokratie und Antisemitismus zum Beispiel. 

„Es war das Beste, 1953 in die DDR zu gehen.“

Anknüpfend an seine Fahrt von seiner Wohnung in Altona erzählte Biermann vom alliierten Bombardement Hamburgs 1943 und von seinem jüdischen Vater, einem Kommunisten, der im gleichen Jahr im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Und er erzählte, dass er für eine Mathematikarbeit die Note fünf bekommen hatte, als er etwa so alt wie sie gewesen sei. „Dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben“, habe seine Mutter daraufhin geschimpft. „Ich war hochintelligent, aber blöd. Hatte einen sehr guten Computer, aber nichts auf der Festplatte.“ Biermann, der später unter anderem Mathematik studierte, wurde kurz darauf mit 16 Jahren in ein Internat bei Schwerin geschickt. 

„Das war das Beste für mich, 1953 in die DDR zu gehen“, sagte er viele Minuten später dazu. Sonst wäre er in Westdeutschland wahrscheinlich ein kommunistischer Funktionär geworden, der ab und an zu Treffen in die DDR eingeladen worden wäre, wo man ihm „Zucker in den Hintern und Sand ins Gehirn geblasen“ hätte. „Ich brauchte die Lektion, in einer Diktatur zu leben, das hat mich davor gerettet, ein Patei­idiot zu werden.“ Da hatte er schon sein wohl berühmtestes Stück vorgetragen, „Ermutigung“ von 1966, das eben von dieser Diktaturerfahrung kündet. Die SED-Führung hatte zuvor über den so kritischen wie provokanten Geist ein Auftritts- und Publikationsverbot verhängt. 

Erst zehn Jahre später trat Biermann wieder auf. Es war ein his­torisches Konzert in Köln, das zumindest einigen Eltern der Neunt­klässler noch in Erinnerung sein mag. Kurz darauf wurde er aus der DDR ausgebürgert. Es sei aber gut für ihn gewesen, „raus aus dem Pisspott DDR“ zu kommen. Seine Gitarren und Möbel „und auch meine Frauen“ habe man ihm hinterhergeschickt. Dabei ließ er auch einfließen, dass er mit Eva-Maria Hagen, nach seinen Worten die „Marylin Monroe der DDR“, liiert war.

Auch beim Kaffee kommt kein Schüler zu Wort

„Ich bin durch Erziehung ein Gottloser“, sagte er den Schülern gegen Schluss. Das heiße aber nicht, dass er nicht gläubig sei. „Mein Glaube ist noch viel verrückter als eurer“, rief er den Schülern zu. Die sind nun nicht alle Katholiken – denn die katholischen Schulen sind nicht einer Konfession verpflichtet, sondern dem christlichen Menschenbild. Es hätte eine spannende Diskussion werden können, darüber und über das sozialistische Menschenbild zu diskutieren. Zumal Biermann anfügte: „Ich glaube an die Menschen“ und meinte: „Ein Schwein ist immer ein Schwein, egal ob evangelisch, katholisch, muslimisch oder Atheist.“

Für einen Austausch mit den Schülern reichte die Zeit nicht mehr. Später beim Kaffee im kleineren Kreis berichtete Biermann, wie die Machthaber, kurz nachdem er 1953 in die DDR gekommen war, Mitschüler dazu aufforderten, die Junge Gemeinde zu verlassen. Sie war keine Organisation, sondern eine Form der evangelischen Gemeindearbeit. Alle seien der Aufforderung nachgekommen – außer einem Mädchen, das gesagt habe: „Nein, ich bin Christin.“ Was aus ihr geworden ist, sagte Biermann nicht, es stehe aber in seiner Autobiografie. Freilich: Auch beim Kaffee kam kein Schüler zu Wort, drängte ihnen Biermann seine Erlebnisse regelrecht auf. Auch daraus könnte so mancher Lehren ziehen.

Text u. Foto: Matthias Schatz