11.05.2022

Aus dem Turm in den Hafen

Feuerwehrleute holten im Rahmen einer Übung die Glocke aus dem Glockenturm der profanierten Kirche Stella Maris in Heikendorf

Feuerwehr arbeitet mit einem Kran am Glockenturm der entwidmeten Kirche Stella Maris in Heikendorf
Zunächst mussten die Feuerwehrleute die Holzverkleidung am Glockenturm entfernen, um an die Glocke zu kommen. Foto: Freiwillige Feuerwehr Altheikendorf

Alarm in Heikendorf, nördlich von Kiel an der Förde: 30 Feuerwehrleute und sechs Feuerwehrfahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehren von Alt- und Neuheikendorf rückten kürzlich zur Kirche Stella Maris im Laboer Weg aus. Frauen und Männer mit Atemschutzgerät stürmten in die Kirche. Blaulicht flackerte und es wurden rasch Schläuche ausgerollt, um eine Brandbekämpfung von außen vorzubereiten. Besondere Aufmerksamkeit galt jedoch dem Glockenturm. Ein Drehleiterfahrzeug wurde in Stellung gebracht, die Drehleiter ausgefahren. Das Ziel: die Glocke herauszuholen und zu sichern. 

Zum Glück war alles nur eine Übung und alles halb so dramatisch wie hier beschrieben. An der Stelle der früheren katholischen Kirche im Herzen von Heikendorf, die im Februar 2021 profaniert wurde (wir berichteten) und die demnächst abgerissen wird, soll Wohnbebauung entstehen. Und deshalb musste auch die Glocke aus dem Turm entfernt werden. Mittlerweile ist die Kirchengemeinde zu Gast bei der evangelischen Gemeinde des Ortes, doch der Prozess zur Aufgabe der eigenen Kirche war nicht leicht und war eine Belas­tungsprobe für viele Menschen in der Pfarrei Franz von Assisi.

Umso mehr freute sich jetzt Propst Dr. Thomas Benner, dass nun ein guter Platz für die Glocke in Aussicht ist. Sie soll voraussichtlich einen neuen Platz im Museumshafen von Heikendorf bekommen, was er als sehr positiv empfinde, so Benner. Denn dort befindet sich auch schon der Anker, der im Vorgarten der Kirche lag und der über viele Jahre ein schönes Symbol für jene Menschen geworden war, die nach dem Krieg als Flüchtlinge in der Gemeinde von Heikendorf einen neuen Heimathafen gefunden hatten. „Wir bleiben in Heikendorf und sind nicht weg“, erläutert Propst Benner im Telefonat.

Er hatte sich nun vor einiger Zeit mit Heikendorfs Bürgermeis­ter Tade Peetz besprochen und dabei war die Idee entstanden, im Zuge einer Feuerwehrübung die Glocke aus dem Glockenturm zu holen sowie das Kreuz vom Glockenturm. Für die Glocke hätten sich bis dahin schon einige Interessenten bei ihm gemeldet, doch die Pfarrgemeinde habe sich entschlossen, das schwere Stück an die politische Gemeinde abzugeben, berichtet der Geistliche.

Die Glocke wog nicht 80, sondern über 200 Kilo

Die bewegte Geschichte setzt sich also fort: Zunächst wohl als Schiffsglocke auf dem Leichten Kreuzer Emden eingesetzt, der im April 1945 in der Heikendorfer Bucht auf Grund gesetzt wurde, gelangte die Glocke vermutlich auf dem Umweg über den Hamburger Glockenfriedhof wieder nach Heikendorf.

Sie nun aus dem Glockenturm auf die Erde zurückzuholen, erwies sich als komplizierter als anfangs angenommen. „Erst dachten wir, die Glocke wiegt um die 80 Kilo, aber das war nicht der Fall. Sie wog über 200 Kilo und das hätte die Drehleiter nicht verkraftet“, berichtet Löschmeister Jan Benk, der bei der Freiwilligen Feuerwehr Heikendorf unter anderem für die Pressearbeit zuständig ist. Denn so ein Drehleiterfahrzeug sei ja dafür ausgelegt, Menschen aus oberen Stockwerken zu retten und nicht Glocken oder andere schwere Gegenstände zu bergen, sagt er. Doch zum Glück bestehen aus Kreisen der Feuerwehr gute Kontakte zur Kieler Firma Krug, die unter anderem Kran-Dienstleistungen anbietet, so dass kurzfristig mit einem solchen Spezialfahrzeug Hilfe geleis­tet werden konnte. „Die Übung ist im Großen und Ganzen nach Plan verlaufen, sowohl was den Innenangriff mit Atemschutz als auch den Außenangriff mit Wasser angeht“, so Benk. „Wir waren nur überrascht, wie lange es mit der Glocke gedauert hat.“ Benks Kinder wurden übrigens in Stella Maris getauft. Insofern war die Bergung der Glocke für ihn persönlich auch Ehrensache.

Text: Marco Heinen