22.09.2021

Neue Pfarrei St. Ansgar im Hamburger Stadtzentrum

Chance für Talente und Ideen

Am 25. September wird die neue Pfarrei St. Ansgar gegründet, die vier Gemeinden im Stadtzentrum umfasst. Als Herausforderungen werden gesehen: Internationalität, offene Kirchen, Vernetzung, situative Seelsorge und Armut.

Grafik der neuen Pfarrei St. Ansgar in Hamburg
Die neue Pfarrei St. Ansgar im Hamburger Stadtzentrum. Grafik: Maike David

„Mit einem gemeinsamen Auftritt in der Innenstadt werden wir besser wahrgenommen. Außerdem führt der Zusammenschluss zu mehr Lebendigkeit, mehr Talente und Ideen kommen zur Geltung.“ Keine Frage, Dompfarrer Monsignore Peter Mies sieht in der Gründung der Pfarrei St. Ansgar, die er auch leiten wird, deutlich mehr Chancen als Risiken. Vollzogen wird sie am 25. September um 11 Uhr mit einem Pontifikal­amt auf dem Platz vor dem St. Marien-Dom. Rund 500 Teilnehmer werden erwartet, darunter Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, der auch ein Grußwort sprechen wird. Erzbischof Stefan Heße wird der Hauptzelebrant sein.

Die neue Pfarrei St. Ansgar entsteht aus der Domgemeinde, zu der auch die Kirche St. Erich in Rothenburgsort gehört, der Gemeinde St. Ansgar und St. Bernhard in der Neustadt, St. Sophien in Barmbek und St. Joseph in Altona, zu der auch die Kirche St. Theresien im gleichen Stadtteil zählt. Die Pfarrei hat rund 21 200 Mitglieder. Zu ihr gehören vier Schulen, darunter die Gymnasien Sankt-Ansgar und Sophie Barat, neun fremdsprachige Gemeinden und rund 50 weitere Orte kirchlichen Lebens, so etwa die Caritas, die Katholische Akademie, das Marienkrankenhaus und das Malteserstift St. Theresien.

„Administration wird optimiert“

„Zentrales und Dezentrales würden dann einander bereichern und gut ergänzen, wenn die Gemeinden vor Ort Heimat böten und gleichzeitig das Bewusstsein schaffen, dass wir alle miteinander unterwegs sind“, sagt Pater Philipp Görtz, Pfarrer der Gemeinde St. Ansgar, deren Kirche der sogenannte Kleine Michel ist. Dort befindet sich auch die Kommunität der Jesuiten, zu der Görtz gehört. Die Jesuiten würden die Gemeinde auch weiterhin „deutlich prägen“ sagt Mies. So würden sie beispielsweise nicht „rotieren“, also auch Gottesdienste in den anderen drei Gemeinden feiern. Gleiches gelte auch für die Dominikaner, deren Kloster neben der Kirche St. Sophien ist. 

Der dortige Pater Daniel Stadtherr begrüßt, dass durch die Zusammenlegung „administrative Prozesse optimiert werden“. Ähnlich denkt Görtz, wenn er meint: „Alles, was mit Verwaltung und Organisation zu tun hat, wird gebündelt.“ Zudem stünden seelsorgliche Angebote dann in einer großen Palette zur Verfügung. 

Pfarrer Karl Schultz, dessen Kirche St. Joseph mitten im Rotlichtviertel an der Großen Freiheit steht, sagte der Neuen KirchenZeitung, persönlich glaube er, „dass wir als Kirche in der Hamburger City eine große Chance und Aufgabe haben.“ Allerdings gibt er zu bedenken, dass viele Gemeindemitglieder am „alten Stallgeruch“ hingen und sich nur „notgedrungen“ auf Neues einließen. „Ob wir die Risiken oder die Chancen höherbewerten, hängt sehr davon ab, ob wir den gesamten Prozess der Veränderung als einen Prozess der Glaubenserneuerung sehen.“ 

Das Pastoralkonzept der neuen Pfarrei nennt fünf Herausforderungen und Chancen: Internationalität, offene Kirchen und Orte, situative Seelsorge, Vernetzung sowie Armut. „Vor allem die katholische Kirche besteht in Hamburg aus vielen Gläubigen, die in anderen Ländern ihren Ursprung haben“, hebt Mies zum Aspekt der Internationalität hervor. „Das ist für uns Auftrag.“ 

Offenheit bedeute nicht nur, dass die Kirchen geöffnet seien, „sondern dass wir etwas bieten bis in die Nacht hinein“, erläutert er zur zweiten Herausforderung. Vor allem im St. Marien-Dom, in St. Ans­gar und in St. Joseph seien in diesem Sinne schon in den vergangenen Jahren, als das Pastoralkonzept entwickelt wurde, immer mehr kulturelle Veranstaltungen geboten worden. 

Motto: Die Welt ist Gottes so voll

Insbesondere gilt dies für St. Joseph, wo man sich laut Pfarrer Schultz prioritär mit diesem Aspekt beschäftigen möchte. „Unsere Akzente einer Pastoral der offenen Türen, ein bewusstes Aufnehmen einer gewissen Kiezkultur, das heißt eben auch einer Kultur der Nacht und ein beherztes Zugehen auf Menschen, Klubs, Vereine, Institutionen haben uns in St. Joseph aus einer Nische herausgeführt. Wir leben und arbeiten ‚mittendrin‘ und erfahren entgegen dem gesellschaftlichen Trend als Katholiken zunehmend Akzeptanz und Wertschätzung“, berichtet Schultz. Diese Herausforderung sei nicht nur physisch gemeint und schließe alle anderen Herausforderungen mit ein.

Das zeigt eine starke Verbindung zur „Vernetzung“, wie sie Monsignore Mies versteht, nämlich „überall dazwischen zu sein, etwa auch bei einem Sommerfest.“ Situative Seelsorge bedeutet laut Mies, stärker auf die speziellen Lebenssitutationen der Menschen einzugehen, etwa bei einem Trauerfall. Bei „Armut“ denkt man an die Caritas, die neben dem St. Marien-Dom ihren Sitz hat und bei der die Obdachlosenhilfe einen Schwerpunkt der Arbeit bildet. Laut Mies geht es auch darum, diesen Menschen Möglichkeiten zu bieten, ihren spirituellen Bedürfnissen nachzukommen und gesellschaftlich für sie einzutreten. 

„Im Grunde leben wir an Sankt Sophien schon jetzt alle fünf Herausforderungen in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität“, sagt Pater Stadtherr. Künftig werde das Gemeinde­team zusammen mit den Themenverantwortlichen in den Blick nehmen, wo ganz konkret nachjustiert werden müsse. Pater Görtz meint, am Kleinen Michel griffen alle fünf Herausforderungen ineinander. „Eine lebendige Balance zwischen ihnen macht meines Erachtens das Geheimnis aus. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, darauf in Zukunft sogar vermehrt zu achten.“

Das Motto der neuen Pfarrei stammt übrigens auch von einem Jesuiten, nämlich von Alfred Delp, der als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus im Februar 1945 hingerichtet wurde. Es lautet: „Die Welt ist Gottes so voll.“ So wollen die Jesuiten am Kleinen Michel denn auch dazu einladen, ihre Form der Spiritualität kennenzulernen. Görtz: „Ein positives Gottes- und Menschenbild, der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit, eine schlichte und gleichzeitig schöne Liturgie sowie eine zugewandte und authentische Sprache bei der Verkündigung der frohen Botschaft.“ Laut Mies bedeutet das Motto auch, dass Gott schon da sei, wir müssten ihn nur entdecken.

Text: Matthias Schatz