24.10.2013

37 Jahre im Einsatz für die Sache Jesu

„Ich bin schon belohnt“

Im zweiten Brief an Timotheus in der Lesung dieses Sonntags zieht Paulus Bilanz. Eine Bilanz seines Einsatzes für die Sache Jesu. Fast 2000 Jahre später sieht solch ein Einsatz anders aus. Dennoch zeigen sich – neben allen Unterschieden – Parallelen zu dem, was Bilinda Jungblut erzählt, wenn man sie nach ihrem Leben als Verkündigerin fragt.

Über einen Lohn im Jenseits, einen „Kranz der Gerechtigkeit“ wie Paulus blumig formuliert, macht Bilinda Jungblut sich weniger Gedanken, auch nicht seit sie vor gut einem Jahr in Ruhestand gegangen ist. „Meinen Lohn habe ich schon jetzt: Ich bin in Gottes Hand geborgen“, sagt die 66-Jährige, ohne lange zu überlegen, „mir wird nichts passieren, wenn mir auch alles passieren sollte.“ Dieses belohnende Gefühl der Geborgenheit hat die gebürtige Emsländerin über Jahrzehnte getragen.
Getragen als die frischgebackene Gemeindereferentin de facto eine Gemeinde leiten musste, weil der Pfarrer lange krank war und ausfiel. Getragen als später ihr Auto zerkratzt und die Reifen angestochen wurden, als sie anonyme Briefe bekam, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte. Die Arbeit mit diesen Menschen war gut 30 Jahre lang einer ihrer Schwerpunkte – neben Sakramentenpastoral, Hausbesuchen, Liturgiegestaltung, Bibel- und Gesprächskreisen.
1976 kam Jungblut als Gemeindereferentin der ersten Generation in die Gemeinde „Zum verklärten Christus“ in Bad Driburg bei Paderborn. „Das war eine junge, spritzige Gemeinde, voller Schwung vom Konzil. Es war toll, dass ich hier anfangen konnte“, sagt sie und in ihrer sonst ruhig artikulierenden Stimme klingt etwas von der damaligen Spritzigkeit durch.

Der Kaplan fuhr sie zum Vorstellungsgespräch

Ja, auch das Konzil war Anstoß, dass die junge Frau nach ersten Tätigkeiten als Buchhalterin und Steuergehilfin nach Paderborn ging, um dort Religionspädagogik zu studieren. Anstoß waren auch die Erlebnisse in ihrer Heimatgemeinde St. Paulus in Meppen/Ems, wo sich damals, Anfang der 1970er Jahre, über 100 Leute zu einem dreijährigen theologischen Seminar anmeldeten. Anstöße gab auch der Kaplan, der sie in ihrer Berufung unterstützte und sie sogar zum Vorstellungsgespräch nach Paderborn fuhr. Denn Fachhochschule ohne Abitur war schwierig damals, „doch mir wurde eine Chance gegeben“, sagt Jungblut.
Ein Abitur hatte sie nicht, weil sie zehn Jahre lang – von elf bis 21 Jahren – schwer krank war, weitgehend gelähmt. „Keiner hat geglaubt, dass ich durchkäme“, sagt Jungblut, „wohl auch nicht meine Mutter, die mich gepflegt hat.“ Mehrfach war der Pastor da und brachte die Krankensalbung. Paulus schreibt, er sei „dem Rachen des Löwen entrissen“ worden. Bilinda Jungblut sagt: „Ich bin damals für diesen Beruf vorbereitet worden.“ Denn seit sie weiß, wie es ist, keine Perspektive mehr zu haben und sich fremd zu fühlen, wie man an zwei Stöcken gehend in der eigenen Heimat wieder Fuß fassen muss, weiß sie auch, wie es anderen in aussichtsloser Lage geht, etwa Flüchtlingen.

Auf zwei Stöcken in der Heimat wieder Fuß fassen

Als es der 20-jährigen Bilinda endlich besser ging, erhielt die junge Frau, die sich an ganze Jahre ihrer Jugendzeit nicht mehr erinnern kann, zuerst Privatunterricht. Sie schaffte es auf die Handelsschule und später an die Fachhochschule nach Paderborn, um Gemeindereferentin werden zu können.
„Ich wollte das Reich Gottes mit aufbauen, wollte ‚Salz der Erde‘ sein“, formuliert Bilinda Jungblut. Auch heute klingt das noch sehr entschlossen. „Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Christus und wir Christen sind für alle da.“ Ja, bestätigt sie, sie sei Missionarin, auch Verkündigerin und Seelsorgerin. „Das ist meine Berufung – da macht Gott keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.“
Wenn Flüchtlinge, viele von ihnen Muslime, sie fragten: „Warum tust du das für uns? Du bist doch keine von uns“, hat sie immer geantwortet: „Weil Jesus sagt, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.“ Punkt. Solch ein Bekenntnis hinterlässt Eindruck. Mitunter erhielt sie noch Jahre später Briefe von Menschen, die in ihre Heimat abgeschoben worden waren oder denen andernorts ein Neuanfang gelungen war.
Als Pfarreimitglieder sie kritisch fragten: „Warum kümmern Sie sich nicht stärker um die eigentliche Gemeinde?“, verwies Bilinda Jungblut auch darauf, dass sie all dies im Auftrag der Kirche von Paderborn tut. Deutliche Unterstützung erhielt sie von den damaligen Weihbischöfen Franz-Josef Bode und Reinhard Marx, den sie auch mit ins Asylheim nahm. Ihr Werk trägt Früchte: Der Dienst von Bad Driburger Christen, der Ende der 1970er Jahre für Menschen aus Eritrea und dem Iran begann, geht heute weiter – etwa für Flüchtlinge aus Ägypten oder Syrien.
War sie erfolgreich? Ja, oft, sagt sie, ohne sich das als ihr Verdienst anzurechnen. Erfolg bestehe in der Begegnung von Menschen untereinander und dabei mit Gott. Ob bei Kinderferienwochen, in der Ökumene der Christen im Paderborner Land, bei Bibeltagen oder Supervision und Praxisberatung, die sie ebenfalls angeboten hat. „Es war immer ein Highlight, wenn Menschen sich entwickeln und ihren Weg gehen.“
Ein weiterer Höhepunkt, gegen Ende ihrer beruflichen Tätigkeit, war eine offene Mahlfeier in der Kirche „Zum verklärten Christus“ am Abend des 5. Fastensonntags 2012. Zu dem Mahl wurden alle eingeladen, vor allem jene, die sonst nicht in die Kirche kommen (können): Bewohner von Alten- und Behindertenheimen, Gäste der örtlichen Tafel, Bürger der Stadt und Fremde, die Kirchengemeinden sowieso. 140 kamen – jung und alt.

Honoratioren übernahmen den Tischdienst

Honoratioren wie der Bürgermeister und der Pfarrer übernahmen den Tischdienst. „Wir haben die Kirche geschmückt“, erzählt Jungblut, „den Tabernakel ganz besonders.“ So sollte deutlich werden: Jesus ist mitten unter uns. „Es war wie in der Bibel: Da saßen Menschen in feinem Zwirn neben Menschen im Unterhemd.“ Noch lange erzählte man sich in Bad Driburg von diesem Mahl.
Zur Bilanz eines Lebens im Dienst von Jesus Christus gehört für Bilinda Jungblut auch der Dank. Dank an all die Menschen, von denen sie profitiert und gelernt hat, die ihren Glauben gestärkt haben. „Ohne die vielen engagierten Mitarbeiter hätte ich meinen Dienst nie tun können.“ Dann gab es „diese Begegnungen untereinander – und mit Gott“.
Von einer Abschlussbilanz mag sie nicht sprechen: „Wir sind immer auf dem Weg mit anderen und sollten dabei nicht fragen, was uns das bringt. Salz muss sich untermischen, sonst bleibt die Welt geschmacklos“, zitiert sie noch einmal ihr biblisches Lebensmotto.
Paulus gibt am Ende seines Briefes dem Timotheus auch Ratschläge. Solche formuliert Bilinda Jungblut vorsichtiger und nicht allein an ihre jungen Kollegen adressiert: „Sie müssen die Kirchentüren weit öffnen, sich an die Ränder begeben. Gott ist für alle Menschen da. Sie müssen allen Menschen helfen, ihr Leben als sinnvoll zu erkennen – und sich so geborgen zu fühlen.“
Roland Juchem