03.06.2015

Gabriele Anders hat die Aufgabe als Missbrauchs-Beauftragte des Erzbistums abgegeben

Achtung, Wertschätzung, Schutz

Im Januar 2010 haben die Enthüllungen über Missbrauchsfälle einen Schock in der katholischen Kirche ausgelöst. Auch im Erzbistum Hamburg meldeten sich Missbrauchsopfer. „Ihnen haben wir es zu verdanken, dass sich die Kirche seitdem verändert hat“, sagt Gabriele Anders. 

Gabriele Anders (links) verlässt die Hamburger Fachstelle Kinder- und Jugendschutz. Rechts steht Geschäftsführerin Mary Hallay-Witte. 

Fünf Jahre lang war die Psychologin „Beauftrage für Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger“ im Erzbistum. Anfang Mai hat sie diese Aufgabe abgegeben. „Es war eine sehr wichtige, aber auch schwere Tätigkeit.“ Deshalb habe sie nach fünf Jahren um eine Entpflichtung gebeten. „Ich bin Zeugin von Geschichten geworden, die man sich nicht vorstellen und ausmalen kann, schon gar nicht im Kontext der Kirche“, sagt Gabriele Anders. Noch heute melden sich hin und wieder Menschen, die vor 30 oder 40 Jahren schweren Missbrauch erlitten haben. „Nicht in Massen, aber regelmäßig.“ Viele Missbrauchsopfer, weiß die Psychologin, werden nie die Kraft haben, mit anderen über ihr Schicksal zu sprechen. Viele andere haben es getan und Hilfe bekommen. 

In den vergangenen fünf Jahren ist viel passiert. Als erstes deutsches Bistum hat das Erzbistum Hamburg eine „Fachstelle Kinder- und Jugendschutz“ aufgebaut. „Wir haben uns dabei an der Erzdiözese Chicago orientiert, die schon seit 20 Jahren Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte.“ Alle Mitarbeiter, von der Spitze bis zur Basis, sind mittlerweile geschult worden, meist von Fachleuten aus nichtkirchlichen Beratungsstellen. Wer eine solche Schulung mitgemacht hat, kann Gefährdungen besser einschätzen, weiß um die „Strategien“ von Tätern und kann dafür sorgen, dass Situationen, in denen Übergriffe auf Minderjährige möglich sind, gar nicht erst entstehen.

Ist das Thema „Missbrauch in der Kirche“ damit im Griff? Für Gabriele Anders gibt es keinen Grund für eine „Entwarnung“. „Missbrauch ist nicht nur Teil unserer Vergangenheit. Die Folgen sind oft noch gegenwärtig. Die Erfahrungen haben ganze Gemeinden und Gemeindeteams traumatisiert und gespalten.“ 

Ganz zu schweigen von den Missbrauchsopfern selbst. In vielen Fällen bedürfen diese einer langen Begleitung, und viele bleiben körperlich und seelisch krank. Gabriele Anders: „Viele haben sich Jahrzehnte lang geschämt, über das ihnen angetane Leid zu sprechen. Wir müssen diesen Menschen dafür danken, dass sie sich getraut haben, über ihr Schicksal zu erzählen.“ 

Die Erfahrungen mit traumatisierten Menschen zeigen, dass Verletzungen über mehrere Generationen hinweg weiter wirken. Das gelte für sexuellen Missbrauch ebenso wie für Kriegserlebnisse – oder die Erfahrung einer Erziehung, in der Gefühle unterdrückt und Gehorsam mit Gewalt erzwungen wurde. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit dem Thema weiter beschäftigen. Wenn wir die Kirche entwickeln wollen, geht das nicht ohne einen solchen Rückblick.“ 

Gabriele Anders ist überzeugt davon, dass die katholische Kirche lernt und aufgrund der schmerzlichen Erfahrungen zu neuen Formen des Umgangs findet. „Es gibt keine zukunftsorientierte Kirche ohne Achtsamkeit, Hochschätzung anderer Menschen und ohne die Achtung persönlicher Grenzen. Jede Form von Gewalt oder Mobbing darf bei uns keinen Platz haben.“ Die Erfahrung der Missbrauchs-Aufarbeitung habe da einen Durchbruch möglich gemacht. „Am Anfang war Angst vor diesem Thema, auch Sprachlosigkeit. Wir hatten für vieles gar keine Worte. Inzwischen haben wir eine neue Sprachfähigkeit gewonnen.“ 

Auch Gabriele Anders wird „am Thema bleiben“, allerdings an anderer Stelle. Sie konzentriert sich wieder auf ihre ursprüngliche Aufgabe, die Leitung der psychologischen Ehe- Familien und Lebensberatung in Lübeck. Das Hamburger Team verändert sich. Geschäftsführerin der Fachstelle Kinder- und Jugendschutz und Präventionsbeauftragte des Bistums bleibt Mary Hallay-Witte. Ansprechpartner für sexuellen Missbrauch sind jetzt die Hamburger Psychologin Susanne Zemke und der Lübecker Rechtsanwalt Frank Brand. 

Weitere Informationen und Kontakt: www.praevention-erzbistum-hamburg.de

Text und Foto: Andreas Hüser