27.07.2016

Der Umgang der Medien mit Terror und Amokläufen

Attentäter einfach totschweigen?

Nach den Terroranschlägen und Amokläufen in Frankreich und Deutschland mehren sich die Stimmen, die einen anderen Umgang der Medien mit den Gewalttaten fordern.

Trauer und Gebet in München: Sollen die Medien alles zeigen, senden und schreiben? Oder Attentate und Amokläufe nur kurz vermelden? Foto: kna-bild

Paris, Brüssel, Istanbul, Nizza, Würzburg, München, Ansbach … Die Kette von Anschlägen in Europa reißt nicht ab, ebensowenig das mediale Wettrennen um die ersten Bilder, Interviews mit Opfern, Stellungnahmen von Politikern und vermeintlichen Experten. Sondersendungen mit den immerselben Videoseqeuenzen, werden zum Dauerbrenner.

Vor allem Boulevardmedien baden nach den Attacken tagelang in Bildern, veröffentlichen stets neue Fotos, Videos oder selbstgestrickte Persönlichkeitsprofile der Täter. So geben sie den Schurken eine Aufmerksamkeit, die nicht einmal verdiente Politiker oder Päpste nach ihrem Ableben haben. So verständlich die Reaktionen aus geschäftlicher Sicht sein mögen, alternativlos sind sie nicht. Mehr noch. Die reißerische Berichterstattung ist brandgefährlich.

 

Nachahmungstaten wie bei Selbsttötungen

Psychologen wie der Franzose Yann Auxemery (Paris) oder der forensische Psychiater Antonio Preti von der Universität Cagliari/Italien gehen davon aus, dass es bei Amokläufen, Massenmorden oder Terrorakten – ähnlich wie nach der Berichterstattung über Suizide – vermehrt zu Nachahmungstaten kommt. Den Psychologen zufolge weisen Massenmörder und Terroristen oft narzisstische Persönlichkeitsstörungen auf. Ihnen ginge es vor allem auch um Aufmerksamkeit; und sei es posthum.

Wie aus der 2014 in den USA publizierten Studie „Terrorismus und die Medien“ hervorgeht, gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Umfang der Berichterstattung über Terroranschläge und der Zahl von Nachfolgeanschlägen im selben Land. „Wir müssen neu über sensationsgetriebene Berichterstattung über Terrorismus nachdenken“, so der Autor der Studie, Michael Jetter. „Und aufhören, Terroristen gratis eine Medienplattform zu liefern.“ In Deutschland hat jetzt der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann Medien aufgefordert, Bilder von Attentätern zu verpixeln. Würden Fotos von Terroristen gezeigt, animiere das potenzielle Nachahmer.

Militärisch können islamistische Terrorgruppen – und erst recht nicht Amokläufer – uns noch lange nichts anhaben. Dafür sind sie viel zu schwach. Ziel und Zweck jeden Anschlags ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das gelingt umso besser, je größer die mediale Berichterstattung ist, je detaillierter die Nah-
aufnahmen sind. Daher überlegen Journalisten zunehmend, ob es nicht besser wäre, nach einem Anschlag die Berichterstattung radikal zurückzufahren.

 

„Riesenzwerge mit Blut an den Händen“

„Wer uns totschießt, den schweigen wir tot“, schrieb der Schweizer Moderator und Journalist Stephan Klapproth nach den Anschlägen von Paris: Terroristen seien „Riesenzwerge mit
Blut an den Händen“. Sie könnten in der Atommacht Frankreich keinen Polizeiposten länger als zwei Stunden in ihrer Gewalt halten. Deswegen rechneten sie „den asymmetrischen medialen Aufbläheffekt“ ihrer Aktionen „kalt mit ein“.

Das sieht auch Matern Boeselager vom Magazin Vice, mit weltweit immerhin 130 Millionen Lesern, ähnlich. Er schlug vor, so monströs dieser Plan im ersten Moment für die Opfer und ihre Angehörigen vielleicht wirke, künftige Anschläge nur kurz zu melden und mitzuteilen, „was unbedingt notwendig ist: die Opferzahlen, ob der Täter noch auf freiem Fuß ist oder nicht, ob der Flughafen gesperrt ist.“ Den Rest solle man den zuständigen Sicherheitsbehörden überlassen.

Boeselager wirft seinen Kollegen vor, mit der Nennung des Namens und der Veröffentlichung
immer neuer Fotos die Täter geradezu unsterblich zu machen. Das sieht auch der Politologe Klapproth ähnlich. Eine „Entdramatisierung“ sei auch aus sachlichen Gründen gerechtfertigt. Noch immer würden in Europa viel mehr Menschen bei Haushaltsunfällen sterben als bei Terrorakten.

Von Andreas Kaiser