30.05.2016

Das Caritas Westfalenhaus in Timmendorfer Strand hilft Müttern mit Erschöpfungszuständen

Auftanken am Ostseestrand

Timmendorfer Strand. Rechtzeitig zum sonnigen Auftakt des Sommers sind die Handwerker im Caritas Westfalenhaus in Niendorf an der Ostsee mit einer Reihe von Arbeiten fertig geworden. Mütter, die mit ihren Kindern auf Kur sind, können hier direkt am Meer Kraft tanken.

Für die Kinder steht jetzt ein großes Spielschiff auf dem Gelände des Westfalenhauses. Foto: Marco Heinen

Ein großes Spielgerüst, das einem Piratenschiff nachempfunden ist, steht seit Neuestem auf dem Spielplatz der Mutter-Kind-Klinik in Niendorf, Ortsteil der Gemeinde Timmendorfer Strand. Die Kinder sind begeistert von der neuen Spielmöglichkeit mit Rutsche, Ausguck und Sandkasten. Bei gutem Wetter können die Kleinen hier im Schatten einiger Bäume toben, klettern und gute Seeluft tanken, wenn sie nicht gerade mit ihren Müttern unten am Strand sind und sich im Sandburgenbau üben. Auch der Treppenabgang, der vom Westfalenhaus direkt zum Strand führt, wurde instand gesetzt, und Teile des Zauns rund um das Gelände wurden ebenfalls von Grund auf erneuert. Den Seewind und die Seeluft hatte nicht zuletzt die Marienfigur mit dem Jesuskind zu spüren bekommen, die im Garten hinter dem Haus ihren Platz habt. Die schützenden Glasscheiben wurden durch weniger empfindliche Scheiben aus einem Kunststoff-Glas-Gemisch ersetzt. „Wir sind dem Erzbistum sehr dankbar, dass es die Kosten für diese Maßnahmen übernommen hat“, sagt Dr. Insa Deeken, die das Haus seit Anfang 2015 leitet.

Die 32-jährige Versorgungswissenschaftlerin sieht die Caritas-Einrichtung mit 56 festangestellten Mitarbeitern und einer Handvoll Honorarkräften wirtschaftlich auf gutem Wege. Und das, obwohl die Insolvenz der ehemaligen Trägergesellschaft im Frühjahr 2014 auch das Westfalenhaus bedrohte. Die Caritas Tochtergesellschaft „Caritas Hamburg – Wohnen und soziale Dienstleistungen“ mit fünf Altenheimen in Hamburg, einer Berufsschule für Altenpflege und dem Westfalenhaus war in wirtschaftliche Schieflage geraten. Das Westfalenhaus war daraufhin aus der GmbH herausgelöst worden und firmiert nun als „St. Anna –Caritas gGmbH“ unter dem Dach des Hamburger Caritasverbands.

Jeweils bis zu 38 Frauen mit ihren Kindern können sich im sehr gut ausgelasteten Westfalenhaus erholen. Wobei es zu den Besonderheiten gehört, dass auch Mütter mit erst wenige Monate alten Kindern aufgenommen werden. Drei Wochen dauert so eine von den Krankenkassen zu genehmigende und zu finanzierende Kur. Der Schwerpunkt im Westfalenhaus liegt bei der Behandlung von Erschöpfungszuständen und Burn Out sowie typischer Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Rückenschmerzen. Auf dem Programm stehen unter anderem Strategien zur Vermeidung von Stresssituationen, die solche Erschöpfungszustände auslösen. Von Bewegungs- und Entspannungsbädern bis zur Kunsttherapie, autogenem Training oder Yoga und Qigong bietet das Haus mit 16 Einzelmaßnahmen ein breites Angebot an Behandlungsmöglichkeiten. 

Wobei auch bewusst Freiräume für die Mütter und ihre Kinder geschaffen werden, damit sie ohne Stress mal ein Spiel spielen- oder gemeinsam eine Geschichte lesen können. „Es geht dabei um Begegnungsmöglichkeiten, die im Alltag sonst einfach hinten rüberfallen“, erläutert Deeken. Viele Frauen leiden nicht nur unter dem Druck im Beruf, sondern in vielen Fällen sind sie auch der Erwartungshaltung ihres sozialen Umfelds nicht gewachsen. Familie und Freunde können so zur Belastung werden, wenn sie ihre Vorstellung vom perfekten Familienleben auf die Mütter übertragen. „Die Kinder sind in solchen Situationen oft die Leidtragenden“, erläutert Deeken.

Zu den Besonderheiten des Hauses zähle zum Beispiel die Kunsttherapie mit sehr phantasievollen Ideen wie der Gestaltung von „Wolkenkuckucksheimen“ aus Holz und Zeitschriftenschnipseln, die als Symbole von Träumen und Hoffnungen der Mütter erzählen. Auch die „Märchentherapie“ ist ein Weg, sich den Ursachen von Erschöpfung zu widmen und das Urvertrauen zu sich selbst wiederzugewinnen. „Wo ist vielleicht der Bruch in der eigenen Biographie, der dazu geführt hat, dass die Belastungen im Alltag die Oberhand gewonnen haben?“, formuliert Insa Deeken eine der Fragen, die bei der Therapie geklärt werden sollen. Wer will, kann sich übrigens in der Kapelle des Hauses täglich eine Perle nehmen. Perlen des Glaubens, des Lichts oder des Glücklichseins.

Text u. Foto: Marco Heinen