23.08.2016

Ist Bescheidenheit auch im Beruf angesagt?

Blick in die Karrierebibel

„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“, heißt es im Evangelium zum Sonntag. Gilt das auch für die Karriere? Ist Bescheidenheit, eine Frucht des Heiligen Geistes, auch eine süße Frucht, die einen im Job weiterbringt?

José „Pepe“ Mujica war ein gefragter, ein mächtiger Mann, immerhin war er der Präsident Uruguays. Fünf Jahre lang. Von 2010 bis 2015. Oft kamen Journalisten zu ihm nach Hause. Was sie sahen, beeindruckte sie. Ein fast achtzigjähriger Präsident, der ihnen mit Gummistiefeln entgegenkam, seine dreibeinige Hündin neben ihm. Auf der Wäscheleine vor dem Kleinbauernhof am Rande Montevideos das Wohnhaus hatte drei kleine Zimmer, eine Küche – trocknete die Wäsche. Der Dienstwagen Mujicas war ein Opel Corsa. Von seinem monatlichen Gehalt, etwas über 10000 Euro, behielt er knapp 800 Euro für sich. Die reichten ihm. Den Rest gab er an karitative Fonds und Nichtregierungsorganisationen. José Mujicas war ein bescheidener Mensch. Auch ein anderer südamerikanischer Mann fasziniert Millionen Menschen mit seiner Bescheidenheit: Papst Franziskus. Aber ist Bescheidenheit auch in der Karriere angesagt?

Karrierebibel, so heißt eine Seite im Internet, die Tipps für die Karriere gibt. Sozusagen also eine heilige Schrift der Karriere. Seien sie nicht zu bescheiden in ihrem Auftreten, in ihren Wünschen, heißt es dort. Oder auch: Bescheidenheit sei zwar eine hoch geschätzte Charaktereigenschaft, sie stehe aber dem eigenen Erfolg im Wege. Viele Coaches raten ihren Schützlingen deshalb, in Gehaltsverhandlungen fordernd aufzutreten. Hilfreich soll es auch sein, Ellenbogen gegenüber Kollegen zu zeigen, um auf der Karriereleiter weiter nach oben zu kommen. „Zeig dich selbstbewusst und ehrgeizig!“ oder „Verkauf dich nicht unter Wert!“, das sind die gut gemeinten Tipps von Vätern, Freunden oder Karriereberatern. Auch im Lebenslauf heißt es bei den meisten: Klotzen, nicht kleckern.

Doch diese Tipps scheinen mittlerweile nicht mehr hilfreich zu sein. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte, dass sich Unternehmen von Hochschulabsolventen wünschen, dass diese etwas bescheidener auftreten. Als häufigste Schwäche von jungen Akademikern im Einstellungsverfahren nannten 39 Prozent: „unrealistische Karriereerwartungen“ oder auch „unrealistische Gehaltsvorstellungen“.
 

„Wir sind darauf gepolt, das Beste aus uns zu machen“

Das Fazit: Studenten sollten ihre Ansprüche hinterfragen und weniger fordernd im Vorstellungsgespräch auftreten. „Wir sind jahrzehntelang darauf gepolt worden, immer das Beste aus uns zu machen, das Beste aus uns rauszuholen“, erklärt der katholische Moraltheologe Peter Schallenberg. „Sich mit wenig zufrieden zu geben, das passt nicht in unsere Kultur.“ Regina Ruppert kennt die hohen Ansprüche auch vieler junger Manager. Seit zwanzig Jahren ist sie in der Personalberatung tätig. Sie ist selbstständig, rekrutiert junge Führungskräfte für die Industrie, öffentliche Unternehmen, Universitäten oder Stiftungen. „Es gibt immer wieder Fälle, in denen ich Kandidaten dazu rate, bescheidener aufzutreten“, berichtet sie.


 
 
 
 
 
 
Regina Ruppert: "Bescheidenheit ist eine Lebenseinstellung,
die von Einsicht und Achtsamkeit geprägt ist."
                                                                              Foto: privat

Für Regina Ruppert hat das Wort Bescheidenheit heutzutage häufig eine negative Einfärbung. „Viele verbinden mit dem Wort Bescheidenheit, dass man sein Licht unter den Scheffel stellt.“ Die falsche Bescheidenheit also. Für die Personalberaterin ist Bescheidenheit dagegen eine Lebenseinstellung, die von Einsicht und Achtsamkeit geprägt ist, gegenüber sich, anderen und der Umwelt. „Dass man sich selbst reflektiert: Was kann ich, was kann ich nicht? Was sind die Gaben, die mir Gott geschenkt hat, was brauche ich und – vor allem – was will ich wirklich in meinem Leben?“, betont die Mutter und Katholikin.

Ähnlich sieht das auch Peter Schallenberg. „Der Begriff wird oft fälschlich verwendet oder missbraucht. Wenn es heißt, beim Bewerbungsgespräch solle man bescheiden auftreten, diese Tipps gibt es ja auch, dann wird die Bescheidenheit zu einer Strategie“, betont Schallenberg. „Das hat aber nichts zu tun mit einer echten Bescheidenheit, die von innen kommt, sich mit dem Notwendigen zufriedengibt und die der Demut verwandt ist.“ Wird Bescheidenheit als Mittel zum Zweck eingesetzt, dann trifft eher folgende Aussage zu: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden.“ So hatte Friedrich Nietzsche einst die Bibelstelle aus dem Lukasevangelium ironisch verändert.

 

Bescheidene Menschen sind heute keine Ausnahme mehr

Im Burnoutzeitalter scheint die Karriere um jeden Preis aber nicht mehr das einzige Mantra zu sein. Immer häufiger begegnet Regina Ruppert jungen Führungskräften, denen ein gesundes Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben wichtig ist, die sich noch ehrenamtlich engagieren, „oder die nach ganz bestimmten sozialen Wertvorstellungen leben“. Neulich hatte sie eine Kandidatin, die mit ihrer Familie bewusst auf ein Auto verzichtet, obwohl sie sich durchaus mehrere leisten könnte. Oder auf einen Familienvater, der mit seiner Familie nicht in ein schickes Einfamilienhaus gezogen ist, sondern in ein soziales Wohnprojekt mit mehreren Generationen, in dem er auch gemeinsame Arbeitsstunden zu leisten hat.

Das heißt nicht, dass es die Männer und Frauen nicht mehr gibt, für die es heißt: höher, schneller und mehr. „Die gibt es noch, aber die anderen sind nicht mehr die Ausnahme“, meint Ruppert. Bescheidenheit sollen auch die Führungskräfte großer Konzerne lernen, wenn sie von ihrem Management auf spezielle Outdoor-Seminare geschickt werden. Wenn sie nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, sich zwei Tage in der Natur zurechtfinden müssen, eventuell noch ein Floß bauen müsen, dann müssen sie sich bescheiden. Zurechtkommen mit den wenigen Dingen, die sie bei sich haben, und verzichten auf die Dinge, die manch einer sonst für unverzichtbar hält. Einige stellen nach solchen Erlebnissen fest, dass sie gar nicht so viel brauchen.

Von Daniel Gerber