09.11.2016

Drei Syrer wollten etwas für den Dialog tun und erarbeiteten mit dem Caritas-Jugendprojekt in Itzehoe eine kleine Zeitung

Damit Flüchtlinge keine Fremden bleiben

 Drei in Itzehoe lebende junge Syrer haben eine eigene Zeitung veröffentlicht. Sie wollten von Deutschen wissen, was sie über Flüchtlinge denken – und stellten sich selbst den Fragen ihrer Interviewpartner.

Die Zeitungsmacher (v.links): Majd Al Moualem, Hamode Abbas, Melissa Meier, Malgorzata Kaczmarowka und Anas Madkhana. Foto: Astrid Heyer

„Alle fragen uns immer, was uns an Deutschland gefällt und was nicht“, sagt der junge Mann aus Syrien. Anas Madkhana und seine Kollegen vom interkulturellen Jugendprojekt der Caritas in Itzehoe fragten jetzt selbst mal bei Menschen auf der Straße nach, was sie über Deutschland und die Flüchtlinge denken. Die Antworten fielen positiv aus. „Ich finde, dass die Deutschen immer offener gegenüber Neuem werden, seit die Flüchtlinge bei uns sind“, sagt einer. Ein anderer: „Ich bin aus Ostpreußen geflüchtet. Flüchtlinge sollten sich in Deutschland nicht zurückziehen, sondern Lebensmut haben und die Hoffnung nicht aufgeben.“ 

Eine kleine Zeitung ist entstanden, die die jungen Leute stolz auf einer Veranstaltung zur Interkulturellen Woche 2016 im Familienzentrum St. Ansgar präsentierten. Die Idee dazu hatten sie spontan bei einem Ausflug nach Lübeck. Gleich auf der Rückfahrt befragten sie Menschen im Zug. Anas Madkhana ist allerdings etwas skeptisch. Er fragt sich, ob die Antworten genauso positiv ausgefallen wären, wenn nicht Flüchtlinge, sondern Deutsche gefragt hätten.

In ihrer Zeitung beantworten die drei jungen Syrer auch Fragen, die ihnen Schüler einer 11. Klasse der Auguste-Viktoria-Schule in Itzehoe stellten und die im Unterricht besprochen wurden. Es sind Fragen nach ihrer Flucht aus Kobane und Damaskus quer durch Europa. Fragen, wie es ist, in ein Land mit einer komplett neuen Sprache und Kultur zu kommen. Ob die Wahlerfolge der AfD sie verunsichern und ob sie mit Vorurteilen konfrontiert werden. „Manche Leute denken, in Syrien würden wir in Höhlen leben. Sie sind überrascht, wenn wir erzählen, dass wir einen Führerschein haben“, schreiben sie in der Zeitung. 

„Es gibt viele Menschen, die etwas gegen Flüchtlinge haben“, sagt Hamode Abbas. „Die Deutschen haben viele Fragen zu den Flüchtlingen, darauf wollten wir antworten.“ Bei der Umsetzung der Zeitung hat Melissa Meier geholfen. Sie arbeitet ehrenamtlich beim Jugendverein „Freiraum“ in Itzehoe und half den Syrern, die nach einem Jahr schon sehr gut Deutsch sprechen, verbliebene Sprachbarrieren zu überwinden. Malgorzata Kaczmarowska, zuständig für die interkulturellen Jugendprojekte beim Caritas-Migrationsdienst, freut sich über das Engagement und die Ideen. Neben dem Zeitungsprojekt und Ausflügen organisiert sie auch eine Mädchengruppe, einen Theaterworkshop und eine Interkulturelle Jugendband.

„Die Deutschen brauchen viel Zeit, auf Flüchtlinge zuzugehen“, stellt Anas Madkhana fest. In der Schule seien sie immer zwei Gruppen, hier die Flüchtlinge, dort die deutschen Schüler. „In Syrien wäre das ganz anders, da wäre ein Ausländer sofort umringt von Schülern, die ganz viele Fragen haben“, meint er. Das war auch Motivation für die Zeitung, die sie an Schulen auslegen wollen. „Wir wollen damit Menschen erreichen, die keinen Kontakt zu Flüchtlingen haben“, sagt Majd Al Moualem, „damit sie sehen: das sind Menschen wie wir“.

Text u. Foto: Astrid Heyer