11.11.2015

Ein neues Buch beschreibt umfassend den Missbrauch-Skandal von 2010 und seine Folgen für die katholische Kirche

Das Ende des Schweigens

„Schweigebruch – vom sexuellen Missbrauch zur institutionellen Prävention“, so lautet der Titel eines Buches, das fünf Jahre des Umgangs mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche nachzeichnet. Die beiden Autorinnen Mary Hallay-Witte und Bettina Janssen haben diesen Prozess unmittelbar erlebt. 

Autorin Bettina Janssen, Generalvikar Ansgar Thim, Autorin Mary-Hallay-Witte und Moderator Andreas Herzig bei der Präsentation des Buches „Schweigebruch“ am Montag in Hamburg.   Foto: Hüser

Die Juristin Dr. Bettina Janssen war bis 2014 Leiterin des Büros der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs. Mary Hallay-Witte, Religionspädagogin und Therapeutin, ist Geschäftsführerin der Fachstelle Kinder- und Jugendschutz im Erzbistum Hamburg. 

„Als im Januar 2010 drei Männer, ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs, zu mir kamen, wurde mir wie mit einem Schlag klar: Es ging hier nicht um Einzelfälle“. So beschreibt Jesuitenpater Klaus Mertes das Schlüsselerlebnis, das ihn im Januar 2010 zum Handeln zwang und die Welle der Missbrauchsenthüllungen einleitete. In einem ausführlichen Interview beschreibt der damalige Leiter des Berliner Gymnasiums, wie er selbst den Erdrutsch erlebte, den sein Rundbrief an ehemalige Schüler auslöste. 

Was war 2010 anders als vorher?

Aber was war im Jahr 2010 anders? Die Autorinnen Janssen und Hallay-Witte stellen eine Frage, die bisher selten gestellt wurde. Warum haben die Betroffenen nicht schon vorher ihr Schweigen gebrochen? Warum hat auch die Presse nicht schon vorher reagiert? Etwa 1999, als die Frankurter Rundschau über Missbrauchsfälle an der „Odenwaldschule“ berichtete und kein anderes Blatt das Thema aufgriff. Oder nach Peter Wiensierskis Dokumentation über Gewalt in Kinderheimen 2006. Oder 2002, als ein Priester aus Boston wegen Missbrauchs an 130 Kindern und Jugendlichen angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Andere Fälle gab es in Australien, Kalifornien, Irland, Frankreich. Und schon im Jahr 2002 reagierte die Bischofskonferenz der USA. Papst Johannes Paul II. verschärfte die kirchlichen Regeln zur Ahndung von sexuellen Übergriffen durch Priester. Im gleichen Jahr einigten sich die deutschen Bischöfe auf Leitlinien zum Vorgehen in Missbrauchsfällen. In Deutschland blieb es aber bei Einzelnen, die als Betroffene in die Öffentlichkeit gingen. „Wie hätten sie sich auch artikulieren sollen?“, fragen die Autorinnen. „Es fehlten ihnen die externe wie innere Erlaubnis und die richtigen Worte. Es gab kaum Personen, denen sie sich hätten anvertrauen konnten.“ 

Sexuelle Gewalt – ein Tabu wird aufgebrochen

Das änderte sich schlagartig im Frühjahr 2010. Bis zum Mai meldeten sich 20 000 Betroffene bei der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kinder-missbrauchs, Christine Bergmann. Was war anders? Mary Hallay-Witte und Bettina Janssen sehen eine Reihe von Ursachen. Der Schauplatz der Enthüllungen, das Canisius-Kolleg, lag mitten Berlin. Die Betroffenen gehörten einer Elite an, die sich ausdrücken konnte. Die Täter-Institution war die katholische Kirche mit ihrem hohen moralischen Anspruch. Für Männer war es nicht mehr ein Tabu, sich als Opfer sexueller Gewalt zu fühlen. Und es gab das Internet: ein ebenso schnelles wie diskretes Vernetzungs-Medium. 

Im Rückblick ist es bemerkenswert, wie schnell die katholische Kirche reagierte. Sie schuf Institutionen für die Aufklärung – und auch ein Wandel im Umgang mit Tätern und Opfern trat ein. „Die erschreckende Wahrheit, der sich Bischöfe, Ordensobere und andere kirchlich Leitende 2010 stellen mussten, war, dass – bis in die jüngste Vergangenheit – ihre Aufmerksamkeit in erster Linie dem beschuldigten Täter galt. Sie richteten ihre Sorge zu einseitig am Wohl der Kirche und ihrer Priester aus.“ Und noch nach 2010 habe es „massive kircheninterne Widerstände“ gegen die ernsthaft betriebenen Bemühungen der Aufarbeitung und Prävention gegeben. 

„Das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen“

Wie schwierig die Situation für diejenigen war, die sich dem Problem – und den betroffenen Personen – stellten, schildert Ansgar Thim, seinerzeit Personalreferent und Missbrauchsbeauftragter des Erzbistums Hamburg. „Die verschiedenen Erwartungshaltungen, mit denen ich damals konfrontiert wurde, gaben mir das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen“, sagt der heutige Generalvikar in einem Interview. Er habe Vertrauensmann sein wollen, sei immer aber auch als Repräsentant einer Täter-Institution wahrgenommen worden. „Mit den Beschuldigten über den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs zu sprechen, war für mich die schwierigste Rolle. Es waren meine Mitbrüder, die ich zum Teil schon als Kind aus unterschiedlichsten Bezügen kannte. Im Rahmen einer ersten Anhörung musste ich einmal unter anderem fragen: Was hast du da im Beichtstuhl gemacht?“ 

Täter und Opfer sind aber nur ein Teil der involvierten Personen. Ansgar Thim: „Für betroffene Pfarreien und Gemeinden haben wir längst nicht genug getan. Da hinken wir hinterher.“ Auch das wird im Buch „Schweigebruch“ ausführlich dargestellt. Missbrauch spaltet Gemeinschaften und zerstört Vertrauen. 

Welche Strategien verfolgen die Täter ?

Und wie kommt Vertrauen wieder? Ein Weg führt über die Präventionsmaßnahmen, die die deutschen Bistümer 2010 verbindlich beschlossen haben. Jedes Bistum hat Präventionsbeauftragte, Projekte werden gefördert. Im Erzbistum Hamburg wurden mittlerweile 6 500 Hauptamtliche und fast 2 000 Ehrenamtliche geschult. Sie sollen über die Strategien der Täter, über die psychische Lage möglicher Opfer, über gefährliche Situation und über Organisations-Strukturen informiert werden, die Übergriffe begünstigen. Verhaltens-Regeln, Gefahren-Analysen und Ansprechpartner auf allen Ebenen sollen die Aufgabe Prävention fest in die Institution einbetten. Die Fülle und der Sinn der Maßnahmen wird in dem Buch ausführlich beschrieben. 

Das Ziel: eine Kultur der Achtsamkeit 

Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit aber ist nichts weniger als ein Wandel des Umgangsstils in der katholischen Kirche – hin zu einer „Kultur der Achtsamkeit“. Pater Klaus Mertes fordert eine fundamentale Umkehr.  Mertes: „Ich sehe eine große Zukunft für Kirche, wenn sie die Schlüsselthemen – Wie gehe ich mit Macht um? Gibt es Wege aus der Gewalt? – angeht. Das geht aber nur, wenn man einiges hinter sich lässt.“ 

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ wäre damit noch nicht vom Tisch. Auch wenn andere Schlagzeilen die Öffentlichkeit bewegen, darf der Wille zum Schutz von Schutzbefohlenen in der Kirche nicht ermüden, fordern die Autorinnen. „Sexualisierte Gewalt ist kein vorübergehendes Phänomen“, sagt Mary Hallay-Witte. „Es kann sich wieder ereignen.“ Die schlechte Nachricht, die das Buch „Schweigebruch“ vermittelt, ist diese: Der große Skandal von 2010 und die gro-ßen Präventionsanstrengungen der katholischen Kirche haben die Zahl der Missbrauchsfälle in Deutschland insgesamt kaum verändert. Angesichts von 12 000 strafrechtlichen Ermittlungen jährlich in Deutschland ist Bettina Janssen überzeugt: „Es wird immer noch zu wenig für den Schutz von Jungen und Mädchen investiert.“

Text u. Foto: Andreas Hüser

Mary Hallay-Witte, Bettina Janssen (Hg.): Schweigebruch, vom sexuellen Missbrauch zur institutionellen Prävention, Herder-Verlag, Freiburg 2015, 333 Seiten gebunden, 24,95 Euro, erhältlich im Buchhandel