29.07.2014

Obdachlos, frierend, einsam – die Geschichte einer starken jungen Frau

Das Leben: Die Hölle

Etwa 300 000 Wohnungslose gibt es in Deutschland. Ein Viertel von ihnen sind Frauen. Julia* war eine von ihnen. Man kann wirklich nicht sagen, dass über ihrem Leben nur die Sonne geschienen hat. Die Geschichte einer starken jungen Person.

 

Kapitel 1:
Die Schule


Julias Familie zieht um. Mal wieder. Die neunjährige Julia* ist das schon gewohnt. Ihr Vater ist bei der britischen Army, Umziehen ist Familienalltag. Jetzt geht es für die Familie in eine kleine Großstadt in Norddeutschland. Julia und ihre beiden Brüder gehen auf die britische Schule. „Da war so weit alles in Ordnung.“ Dann werden die Soldaten abgezogen. Ihr Vater bleibt. Julia kommt auf eine deutsche Schule. Das Problem: „Ich konnte die deutsche Sprache überhaupt nicht. Meine Eltern haben nie Deutsch mit uns gesprochen.“ Nach einem Jahr muss Julia auf die Förderschule. „Dort waren wir die Klippenpisser.“ Julia wird dort den Sonderschulabschluss machen. „Der bringt mir heute gar nichts.“

 

Kapitel 2:
Der Vater


„Bei meiner Mutter war noch kein Gesichtsknochen nicht gebrochen“, sagt Julia. Sie hielten den Schlägen und Tritten von Julias Vater nicht stand. Ihr Vater prügelt alle, die Mutter, die Brüder, Julia. „Das war der Wahnsinn.“ Eine Zeit, in der ihr Vater nicht geprügelt hat? Julia kann sich nicht daran erinnern. „Es gab in meinem Leben immer Gewalt. Die Polizei kannte unsere Familie schon.“ Jemanden vom Jugendamt hat Julia trotzdem nie gesehen. „Ich weiß eigentlich auch nicht, warum. Merkwürdig.“


Einmal flüchtet die Mutter mit den Kindern ins Frauenhaus. Es geschieht, was Julia bei ihrer Mutter als „den größten Fehler ihres Lebens“ bezeichnet. Der Vater ruft an und ihre Mutter … geht zu ihm zurück. „Wenn Mama nicht zurückgegangen wäre, wären wir eine ganz, ganz glückliche Familie gewesen“, sagt Julia. „Da bin ich mir sicher.“ Ihre Mutter, ihr Vater können nicht miteinander. Aber auch nicht ohne einander. „Die sind irgendwie abhängig voneinander, dabei schlafen die seit Ewigkeit nicht einmal im selben Bett. Ich verstehe das nicht.“

 

Kapitel 3:
Die Mutter


Julias Mutter ist keine Mutter aus der Werbung, wo Kinder weiße Wäsche tragen, die Mutter immer lächelt und dem Kind über den Kopf streichelt. „Mama hat mir so viel Leid zugefügt“, sagt Julia. „Aber ich komme nicht von ihr weg. Wenn ich sie mal telefonisch nicht erreiche, dann mache ich mir gleich Sorgen. Das ist doch total verrückt …“ Julia liebt ihre Mutter. „Es ist halt meine Mama. Aber sie tut mir nicht gut.“ Julia hat nie Kindergeburtstage gefeiert. Weihnachten oder Ostern als Familienfest, „das gab es nie“. Dafür sei zu wenig Geld da, sagt die Mutter. Obwohl der Vater von morgens bis abends arbeitet. Das Geld braucht die Mutter für ihren Alkohol. Für Essen bleibt da nicht viel übrig und zum Kochen ist auch keine Kraft mehr. Seitdem Julia zwölf ist, kümmert sie sich um sich selbst. „Ich habe alles alleine gemacht. Waschen, kochen, alles, alles.“ Sie bringt auch die betrunkene Mutter ins Bett, wenn die im Wohnzimmer auf dem Boden liegt. Geht Julia dann abends selbst ins Bett, quält sie meist ein Gedanke: Wie komme ich nur an Essen?

 

Kapitel 4:
Die fremden Männer


Eines Tages, Julia kommt gerade von der Schule nach Hause, stehen fremde Männer in ihrem Zimmer, packen ihre Kleider und Spielsachen in Kartons. „Ich war wütend, habe meine Mutter gefragt, was hier los ist.“ Räumungsklage. Ihre Mutter hat die Miete nicht gezahlt. „Sie hat es wahrscheinlich vergessen und das ganze Geld versoffen.“ Die Familie landet in einem Asylantenheim. Fünf Menschen schlafen in einem Zimmer. Fünf Jahre lang bleibt das so. Keine gesunde Umgebung, wenn der Vater prügelt und die Mutter trinkt. Irgendwann zieht die Familie wieder in eine Wohnung. „Ich hatte wieder ein eigenes Zimmer. Das war unglaublich.“


Die Jahre ziehen ins Land. An einem Wochenende Ende 2012 besucht sie ihren Freund, der in einer anderen Stadt wohnt. Aus irgendeinem Grund nimmt sie mehr Sachen mit als sonst. Auch ihre Geburtsurkunde und andere Dokumente. „Ich hatte irgendwie so ein Gefühl.“ Als sie bei ihrem Freund ist, bekommt sie einen Anruf: „Wir sind aus der Wohnung rausgeflogen. Unsere Sachen wurden wieder zwangsgeräumt“, sagt die Mutter. Julias Eltern kommen zunächst beim ältesten Sohn unter. Auch Julia wohnt zunächst dort. „Aber es war viel zu eng da. Das ging gar nicht.“ Julia kann nicht bleiben. Sie geht. Die ersten Tage übernachtet sie bei einer Freundin, dann im Auto des Freundes, dann irgendwann kommt der Tag, an dem sie die erste Nacht auf der Straße schläft. Sie will nicht noch mehr Freunde fragen, ob sie bei ihnen schlafen kann.

 

Kapitel 5:
Die Hölle und der Engel


„Mir war immer kalt“, sagt Julia. Acht Monate lang ist die Kälte ihr ständiger Begleiter, neben der Angst und drei „Kaufland“-Tüten. Die sind gefüllt mit ihren Klamotten, Schlafsack, Zelt und Waschzeug. „Ich habe alle Plätze vermieden, wo sich sonst Obdachlose aufhalten. Ich habe auch nie gebettelt.“ Nachts schläft sie unter Brücken oder schlägt ihr kleines Zelt auf irgendeinem Feld am Rand der Stadt auf. „Mir ist in der ganzen Zeit nie irgendetwas passiert, aber ich hatte immer Angst“, sagt sie. „Die Zeit auf der Straße war die Hölle.“ Schlaf findet sie nur selten.


Duschen und waschen, das macht sie bei Freunden. „Mir war es immer wichtig, gepflegt auszusehen. Ich habe mein letztes Geld lieber für Shampoo als für Essen ausgegeben.“ Niemand soll wissen, dass sie obdachlos ist. Ihren Freunden erzählt sie nichts. „Ich habe viel gelogen in der Zeit.“ An den Wochenenden geht sie weiterhin ganz normal arbeiten. Sie jobbt in einer Disco an der Theke. Einmal bricht sie beim Arbeiten zusammen. „Ich war einfach am Ende. Ich habe auch keinen Ausweg mehr gesehen. Was wollte ich noch hier?“ Julia kämpft weiter. Gegen Hunger, Kälte, das Alleinsein. Nach ein paar Monaten tritt irgendwann ihr „Engel“ in ihr Leben, wie Julia sagt. Es ist eine Sozialarbeiterin. Sie trifft sie in einer Beratungsstelle für Wohnungslose.  „Ich habe ihr so viel zu verdanken.“ Unter anderem diesen Schlüssel …

 

Kapitel 6:
Julia und der Schlüssel


Julia hält den Schlüssel in der Hand. Unglaublich. Der Mietvertrag ist unterschrieben. Der Schlüssel für ihre eigene Wohnung. Ihr Zimmer, ihr Bett, ihr Bad, ihre Küche. Alles für sie allein. „In diesem Moment bin ich das glücklichste Mädchen gewesen“, sagt Julia. Die Wohnung richtet sie sich selbst ein, mit Möbeln vom Flohmarkt und aus Kleinanzeigen. „Viel habe ich auch selbst gebaut.“ Ihr eigenes Reich. „Das ist Wahnsinn.“ Es ist Oktober 2013. Julia hat ihre erste Wohnung. Was jetzt noch fehlt ist ein Ausbildungsplatz. Aber Julia sagt: „Ich bin optimistisch. Und ich bin glücklich.“

*Name geändert

Von Daniel Gerber