18.05.2016

Naturwissenschaft und Glaube

Das Wie und das Warum

Die Lesung aus dem Buch der Sprichwörter schildert es: Gott baute den Himmel und machte die Erde. Wirklich? Fragen an den Mainzer Theologen Tonke Dennebaum, der seine Dissertation dem Thema Wissenschaft und Schöpfungsglaube widmete. 

 

Wunderschönes All: Eines der spektakulären Bilder, die das Weltraumteleskop Hubble lieferte, zeigt Hen 2-437, einen symmetrischen planetarischen Nebel im Sternbild Fuchs. Foto: nasa.gov

Kann man im 21. Jahrhundert angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse noch von „Gottes Schöpfung“ sprechen?
Ja, unbedingt muss man von „Schöpfung“ sprechen. Denn das zeigt, dass wir im Glauben einen zusätzlichen und anderen Blick auf die Welt werfen, in der wir leben, als wenn wir rein naturwissenschaftlich daraufblicken. Das heißt nicht, dass das ein Gegensatz ist.

 

Was genau bedeutet „Gottes Schöpfung“?
Das bedeutet, dass wir es mit dem Handeln Gottes zu tun haben, und dass die Welt kein Zufallsprodukt ist, sondern die Folge von Gottes Willen, der bewusst und aus Liebe diese Welt ins Leben gerufen hat. Man kann es auch „Gottes Weisheit“ nennen, wie es in der Schriftlesung heißt.

 

Wie kann man sich das vorstellen?
Wir haben es mit einem Bild zu tun …

 

… die Weisheit wird wie ein spielendes Kind geschildert …
Das Bild möchte darstellen, aus welcher Intention heraus Gott zum Schöpfer der Welt wird. Hier klingt die Freude und liebende Zuwendung an. Es gibt ja eine ganze Reihe von Bildern in der Heiligen Schrift, die etwas über Gott sagen. Der Kern all dieser Bilder ist, dass Gott eine unüberbietbar vollkommene Person ist. Und das Zentrum einer Person ist ja, dass sie einen eigenen Willen hat. Unser Glaube ist, dass Gott mit der Erschaffung der Welt den Willen verfolgt, etwas ins Leben zu rufen, das einen eigenen Wert hat. Die Welt enthält Leben – und sogar Leben, das selbst ein Bewusstsein hat, sich über diese Dinge Fragen zu stellen: wir Menschen.

 

Pfarrer Tonke Dennebaum veröffentlichte
2008 das Buch "Urknall, Evolution - Schöpfung:
Glaube contra Wissenschaft?"
Foto: privat

Welche Folgen hat es, wenn ich die Welt rein naturalistisch – als Kette physikalischer und chemischer Vorgänge – oder als „Schöpfung“ betrachte?
Ich finde es wichtig, dass wir aus Sicht der Theologie nicht in eine Oppositionshaltung zu den Naturwissenschaften kommen. 

Anders sieht es mit dem Naturalismus aus. Naturalismus ist ja nicht einfach die Summe dessen, was wir naturwissenschaftlich über die Welt aussagen können; stattdessen behauptet der sogenannte „starke Naturalismus“, dass ausschließlich naturwissenschaftliche Methoden überhaupt geeignet seien, sinnvolle Aussagen über unsere Welt zu ermöglichen. Damit schießt er klar über das Ziel hinaus. Letztlich ist das eine atheistische Auffassung. Gott kommt da nicht vor. Die naturalistische Position bringt uns genau wie die kreationistisch-wörtliche Bibelauslegung nicht weiter; beide betrachten die Welt zu einseitig und eindimensional.

 

Zwischen wörtlicher Fehldeutung und atheistischem Naturalismus gibt es auch die Rede vom „intelligent design“. Ist das ein Kompromiss?
Ja und Nein. Ja, wenn man unterstreicht, dass hinter der Schöpfung der Wille, der Plan Gottes steht: die Weisheit Gottes, wie es in der Schriftstelle heißt.

Aber die Theorie vom „intelligent design“ setzt meines Erachtens den Hebel an der falschen Stelle an. Ihre Vertreter sind vor allem Naturwissenschaftler, Biochemiker und Mathematiker, die nicht biblisch oder theologisch argumentieren. Evangelikale Gruppen haben das aufgegriffen und den Schöpfergott als den „intelligenten Designer“ gesetzt. Dann sind wir aber bei der Lückenbüßerfunktion: Was man naturwissenschaftlich (noch) nicht erklären kann, dafür steht dann Gott. Wichtig ist aber, dass es gerade nicht darum geht, dieselben Methoden anzuwenden, sondern unterschiedliche Fragestellungen zu bearbeiten. Dann gibt es auch keine Gegensätze oder Konkurrenz.

 

Wie unterscheiden sich die Herangehensweisen von Theologie und Naturwissenschaft?
Die Naturwissenschaftler arbeiten nach bestimmten Methoden und fragen nach dem „Wie“ der Entstehung der Welt. Damit können sie bis in die Frühphase des Universums Antworten geben. Die letzte Frage können die Naturwissenschaften aber nicht beantworten: Die Frage nach dem grundsätzlichen „Warum“ der Welt. Das ist Sache der Philosophie und der Theologie. 

Wir dürfen als Theologen aber nicht den Fehler machen, in die naturwissenschaftlichen Lücken hineinzugehen, die vielleicht später von der Naturwissenschaft selbst beantwortet werden können, sondern wir müssen grundsätzlichere Fragen stellen, eben die Frage nach dem „Warum“ von Gottes Schöpfung: Warum existiert überhaupt etwas und nicht nichts? Warum ist die Welt gerade so beschaffen, dass in ihr Leben entstehen konnte?

 

Und was antworten dann Naturwissenschaftler, was antworten Theologen?
Die Naturwissenschaftler beantworten die Frage nach dem letzten „Warum“ nicht, weil dies nicht in ihrem Methodenraster liegt. Über den Urknall hinaus liegt hier alles im Bereich der Spekulation. Die Theologie verlängert dies nicht einfach zeitlich und sagt: Vor dem Urknall war Gott. Die Theologie fragt vielmehr: Warum gibt es überhaupt eine Welt, wie wir sie naturwissenschaftlich beschreiben können? Und die Antwort ist: Der Grund für die Existenz der Welt ist der Wille eines personalen und liebenden Gottes.

Interview: Michael Kinnen