18.12.2014

Der jüdische Kaufhausbesitzer Kychenthal und der katholische Friseur Janda: eine Freundschaft

Der Friseur kam im Dunkeln

Sie verfehlten sich knapp und sahen sich nie wieder: der 78-jährige Friseur Rudolf Janda und der extra aus Chile nach Schwerin  angereiste Ludwig Kychenthal. Als der Besucher aus Chile Ende Mai 1966 an der Tür des “Damen-Frisier-Geschäfts“ in der Schloßstraße 26 klopft, ist der als „Zentrumsfrisör“ bekannte Rudolf Janda gerade auf seinem Wochenendgrundstück am Pinnower See. Das ist sein Rückzugsort an freien Tagen. Ludwig Kychenthal ist zu diesem Zeitpunkt das erste Mal seit 27 Jahren wieder in seiner Heimatstadt.

Rudolf Janda mit seinen Töchtern 1966 am Pinnower See. Dieses Fotos schickte er per Post nach Chile. 
Foto: Repro/Matthias Baerens

Im Oktober 1939 konnte der jüdische Kaufmann mit seiner Familie gerade noch aus Schwerin nach Chile fliehen. Zurück blieben das zuvor zwangsweise verkaufte Kaufhaus der Familie am Marktplatz, viele Freundschaften und der Vater von Ludwig: der damals in der Stadt sehr bekannte Kaufmann Louis Kychenthal. Er blieb in Schwerin zurück, wollte nach eigenem Bekunden seinen Kindern in Chile nicht zur Last fallen.

Jetzt im Mai 1966 versucht sein Sohn Ludwig in Schwerin neben anderen Freunden auch Rudolf Janda zu besuchen, den ehemaligen Friseur der Kychenthals. Ludwig findet neben dem Geschäft das Türschild der Privatwohnung von Jandas. Doch auch hier hat er mit seinem Klopfen keinen Erfolg. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich die katholischen St. Anna-Kirche, eine Querstraße weiter das ehemalige Kaufhaus seiner Familie. Schwerin ist klein.

Nur die katholische Schule nahm jüdische Kinder auf

Zwei Briefe aus dem Jahr 1966 aus dem Archiv der Familie Kychenthal in Santiago de Chile dokumentieren die Freundschaft der beiden Schweriner Familien. Nachdem Rudolf Janda vom erfolglosen Besuch erfahren hat, schreibt er am 21.6.1966 nach Chile: „Hocherfreut war ich (…) zu hören, daß Sie mich besuchen wollten. (…) Ja, lieber Herr Kychenthal, wehmütige Erinnerungen hätten wir leider auch gestreift; so oft ich an Ihrem Geschäftshaus vorbeikomme, tauchen in mir die Gedanken der damaligen unseligen Zeit des Wahnsinns auf.“ Und weiter: „Heimlich mußte ich mich zu Ihrem alten Herrn schleichen, um ihm die Haare zu schneiden, aber genug von dem.“

Im Friseurladen arbeiten 1966 inzwischen die Töchter von Rudolf Janda. Sie hatten während der NS-Zeit in der Katholischen Schule in Schwerin bereits die Probleme jüdischer Mitschülerinnen miterlebt. Zwei Kinder des mit Berufsverbot belegten jüdischen Mediziners Dr. Rosenhain wurden hier ihre Klassenkameraden, nachdem ihnen der Besuch an anderen Schulen der Stadt nicht mehr möglich war. Bereits im Jahr 1936 musste die Katholische Schule auf Weisung des Ministeriums „judenfrei“ gemacht werden, im Februar 1939 wurde sie zwangsweise geschlossen.

Mutiger Weg mit Schere und Rasierzeug

Noch im Jahr 1995 konnten sich Elisabeth und Charlotte Janda genau an ihre Gefühle im Jahr 1942 erinnern: „Wir hatten immer eine Riesenangst, wenn unser Vater losging. Er packte sich das Rasierzeug ein und machte sich auf den Weg“. Auch Ludwig Kychenthal als freundlicher Verkäufer war ihnen noch in Erinnerung, ebenso wie ein Werbespruch des Kaufhauses: „Was Du kauft ist ganz egal, billig ist alles bei Kychenthal“. Im unteren Teil des Geschäftes wurden damals Kurzwaren verkauft, im oberen Teil Konfektion. Auch Haushaltswaren wurden angeboten. Charlotte Janda: „Es gab einfach alles. Ich weiß noch genau, wie wir immer von den beiden Kychenthal-Söhnen freundlich mit ‘Fräulein’ angeredet wurden, obwohl wir erst 14 waren. Da haben wir uns richtig geehrt gefühlt.“

Bis in den Herbst 1942 schneidet der damals 54-jährige Friseur Rudolf Janda heimlich seinem Stammkunden Louis Kychenthal die Haare und rasiert ihn. Im Alter von 79 Jahren wird der jüdische Kaufmann dann am 11. November 1942 aus Schwerin in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sein gesamtes Vermögen von 58 000 Reichsmark muss er zuvor in einen „Heimeinkaufsvertrag“ für das KZ einzahlen. Am 6. Juni 1943 stirbt Louis Kychenthal in Theresienstadt. Zahlreiche Versuche seiner Familie, ihn vor der Deportation aus Deutschland heraus zu bekommen, waren gescheitert. Ab Herbst 1939 war für Juden eine legale Ausreise aus Deutschland fast unmöglich geworden.

In einem zweiten Brief vom 12. September 1966 schickt Rudolf Janda dann ein Foto seiner Familie nach Chile und schreibt:  „Ich möchte wohl annehmen, dass es ein schöner, wenn auch wehmütiger Traum für Sie war, Ihr unvergessliches Schwerin wieder zu erleben. Ihr Elternhaus noch einmal durchschritten zu haben. Wermutstropfen blieben sicher nicht aus? (…) Auf unserer kurzen Lebensbrücke liegen viele Dornen. Wir müssen eben sehen, wie wir unser Lebensschiff am besten steuern.“ Ludwig Kychenthal fährt 1966 mit gemischten Gefühlen zurück nach Chile. Er wird nie wieder nach Schwerin zurückkehren. Erst Ende der 90ziger Jahre erhält seine Familie das ehemalige Kaufhaus am Schweriner Markt zurück.

Text: Matthias Baerens