17.03.2015

Erzbischof Thomas Gerard Wenski

Der Motorrad-Bischof von Miami

Schwarze Lederkluft, offener Helm und eine Ray-Ban-Sonnenbrille - so sieht Thomas Gerard Wenski aus, wenn er auf seiner Harley Davidson Street Glide an der Skyline der "Magic City" vorbeirauscht. In diesem Aufzug führt er auch die Motorrad-Gang an, die einmal im Jahr zur wohltätigen "Poker-Fahrt" für die "Catholic Charities" aufbricht. Ein Bischof zwischen Motorrad-Rebell und kirchlichen Pflichten.

Easy-Rider mit Engagement für die Armen: Der Erzbischof von Miami, Thomas Gerard Wenski. Foto: kna-bild

"Das Motorradfahren hilft mir, auf Tuchfühlung zu gehen", verrät der 64-jährige Wenski. In seinem Hauptjob ist er als Erzbischof von Miami für rund 1,3 Millionen Katholiken zuständig und hat gleichzeitig die Oberaufsicht über die anderen sechs Diözesen im Bundesstaat Florida. Überrascht sind die Leute allemal, wenn sich der Harley-Fahrer als Gottesmann zu erkennen gibt. 

Den Wunsch, Harley zu fahren, erfüllte sich der in eine halbpolnische Arbeiterfamilie in West Palm Beach geborene Wenski zu seinem 50. Geburtstag. Seitdem versucht er, "mindestens einmal im Monat" mit seiner "Street Glide" auf Spritztour zu gehen. Ein Vorsatz, der angesichts seines gedrängten Terminplans nicht immer aufgeht. 

Von seinem Bistumssitz im Stadtteil Miami-Shores aus trägt er nicht nur die Verantwortung für die 118 Pfarreien mit ihren 428 Priestern und rund 300 Ordensfrauen, sondern führt auch die Aufsicht über die Bildungseinrichtungen, das kirchliche Gesundheitssystem und das weit verzweigte Netz an karitativen Organisationen. 

 

Hauptanliegen sind Arme und Einwanderer

Sein Bischofsmotto "Omnia Omnibus" beschreibt den quirligen Wenski passend. In einem Auszug aus dem Brief an die Korinther schreibt der Apostel Paulus: "Allen bin ich alles geworden, damit ich wenigstens einige rette." Das Hauptaugenmerk gilt dem am Priesterseminar von Miami, der katholischen Fordham Universität in New York und im polnischen Lublin ausgebildeten Theologen, Philosophen und Soziologen Wenski dabei stets den Armen, und allen voran den Einwanderern. Nach der Castro-Revolution auf Kuba waren es zuerst Hunderttausende Flüchtlinge von der Insel. Später kamen die Haitianer, dann die Zuwanderer aus Nicaragua und anderen Teilen Mittelamerikas. 

Wenski lernte fließend Spanisch und Kreolisch, um mit den Menschen direkt kommunizieren zu können. Sein Studienkollege Bill Horton vertraute der "Miami Times" an, bereits im Seminar habe sich Wenski in glühenden Reden hinter den legendären Helden der Tagelöhner auf den Gemüse- und Obstplantagen der USA, Cesar Chavez, gestellt. "Ich hatte ziemlich liberale Ansichten", räumt der heutige Erzbischof ein. 

 

Wenski passt in kein herkömmliches Raster

Wenski passt in kein herkömmliches Raster. Kürzlich sorgte er in Miami für eine Kontroverse, als er die Tausenden Angestellten der Diözese offiziell warnte, keine öffentliche Unterstützung für die gerichtlich durchgesetzte "Homo-Ehe" in Florida zu zeigen. 

Auch wenn es um Abtreibung, Sterbehilfe und andere Anliegen geht, bezieht Wenski Positionen, die eher auf der Linie des konservativen Flügels der US-Bischöfe liegen. Dass er in der Bischofskonferenz für den Kampf gegen die Todesstrafe zuständig ist, passt dann eher wieder mit dem Image des Motorrad-Rebellen zusammen. 

Für den Erzbischof sind das nicht mehr als säkulare Klischees, die nicht unbedingt die Mission beschreiben, auf der er sich selbst sieht. Wenski streitet mal lautstark in der Öffentlichkeit, wenn es sein muss aber auch diskret und leise für die Sache der Kirche. So weiß kaum jemand um den enormen Einfluss, den er hinter den Kulissen geltend gemacht hat, um dem Katholizismus auf Kuba Freiräume zu schaffen - und damit über Jahre den Weg für eine politische Annäherung bereitet hat. Mit diesem Engagement stieß er auf viele Widerstände in der Gemeinde der Exil-Kubaner in Miami. Wenski ließ sich dadurch nicht vom Weg abbringen - wie auf seiner "Harley", mit der er über die Straßen der Magic City donnert.

kna