19.08.2014

Nehmen sich Regierende Dinge, die ihnen nicht zustehen, hat das Folgen

Der Rücktritt

Wozu sind Regierende und ihre Verwaltungsbeamten eigentlich da? Wer hat ein Auge darauf, was sie tun? Und wer zieht Konsequenzen, wenn sie ihre Macht missbrauchen? Jesaja meint: Gott!

 

Ein letztes Mal den roten Teppich runter: Ein erzwungener Rücktritt ist bitter – heute wie zur Zeit der Bibel. Foto: pa/abaca

Er war ein hoher Beamter. Eigentlich der höchste, den das Land zu bieten hatte. Eingesetzt vom König Hiskija, ihm direkt verantwortlich. Ausgestattet mit allen Vollmachten, die man haben kann. Zumal noch lange nicht alle Macht vom Volke ausging. „Palastvorsteher“ war sein offizieller Titel, eine Schärpe sein Hoheitszeichen, damit jeder schon von weitem sah, mit wem er es zu tun hat. Sein Name war Schebna.

Schebna diente seinem Volk in politisch schwieriger Zeit. Die mächtigen Assyrer mit ihrem König Sanherib hatten das Königreich Juda erobert. Aber sie hatten es nicht komplett zerschlagen. Juda war weiterhin selbständig, durfte seinen König behalten. Nur musste das Volk Tribut zahlen – eine der Aufgaben von Schebna, der das Krongut verwaltete.

Geld ist aber nicht alles. Deshalb musste sich Juda auch politisch unterwerfen, kleine Brötchen backen, sich zurücknehmen in allem, was irgendwie machtbewusst und prahlerisch aussah. Heute wären das vielleicht noble Staatskarossen oder edle Prachtbauten. Damals waren es zum Beispiel Gräber. Die Ägypter hatten vorgemacht, wie die Gräber von Mächtigen auszusehen hatten, wie sie zum Statussymbol wurden. Im Staat Juda waren die Königsgräber nicht ganz so gewaltig, aber immerhin: Ein reserviertes Grab im Kidrontal auszuhauen, das war eine Machtdemonstration. Und die war jetzt nicht mehr angesagt. Noch heute können Archäologen das erkennen: Die Jerusalemer Königsgräber wurden genau zu dieser Zeit nicht mehr weitergebaut.

 

Eine kluge Taktik: Geschenke und Vergünstigungen

Schebna muss jemand gewesen sein, dem Statussymbole wichtig waren. Und er muss einer gewesen sein, der Strippen ziehen konnte. Einerseits, weil er den politischen Einfluss dazu hatte und andererseits, weil er, nun ja, eben gerne Strippen zog – und das möglichst zu seinem eigenen Vorteil. Soll es ja heute noch geben, solche Leute.
 

Was seinen Einfluss betrifft: Schebna war nicht nur Palastvorsteher und Krongutverwalter, er war auch Kontaktperson für die assyrische Königsgesandtschaft, also die Besatzer. Und wie solche ungeliebten Machthaber so sind und vermutlich immer schon waren: Sie haben eine kluge Taktik, das besetzte Land relativ ruhig zu halten: Bestechung! Naja, seien wir freundlicher. Sagen wir: Vergünstigungen. Sagen wir: Geschenke. Sagen wir: Eine Hand wäscht die andere. Soll es heute noch geben, diese Taktik.

Jedenfalls war Schebna offensichtlich scharf auf eine dieser großartigen Grabstellen im Kidrontal. Und er scheint auch die Genehmigung dafür bekommen zu haben. Juristisch einwandfrei also. Genauso wie andere Wohltaten, die die Assyrer verteilten: eigene Brunnen, Feigenbäume oder Rebstöcke. Schicke Urlaubsreisen oder dicke Autos gab es ja noch nicht. Was der Preis dafür war? Direkt möglicherweise gar nichts. Indirekt vermutlich gute PR für die Assyrer. Lobbyarbeit. Soll es ja heute noch geben.

Was der Unterschied zu heute ist: Lobbyarbeit galt damals nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch religiös – und damit kommt Gott ins Spiel. Denn beim Konflikt zwischen Juda und den Assyrern ging es außer um Macht und Geld auch um den Glauben. Juda, klar, glaubte an den einen Gott, an Jahwe, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sie aus Ägypten herausgeführt hat. Assur dagegen gehörte zur heidnischen Umwelt und drang darauf, dass Juda sich den assyrischen Gottheiten unterwirft. Die private „Lobbyarbeit“ des Schebna war deshalb nicht nur dem König, sondern auch Gott ein Dorn im Auge. Deshalb lässt Jesaja, der einflussreiche Prophet Gottes, den Herrn selbst am Stuhl des Schebna sägen.
 

Schuldbewusst zurück ins zweite Glied

In den Versen direkt vor dem heutigen Lesungstext heißt es: „So spricht Gott, der Herr der Heere: Auf, geh zu dem Verwalter hier, zu Schebna, dem Palastvorsteher und sag: Wie kommst du dazu und wer bist du denn, dass du dir hier ein Grab aushauen lässt? ... Gib acht, der Herr wird dich in hohem Bogen wegschleudern. Er wird dich zu einem Knäuel zusammenwickeln und wie einen Ball in ein geräumiges Land rollen ... Dorthin kommen dann deine Prunkwagen, du Schandfleck im Hause des Herrn“ (Jes 22,15-18). Soll es auch heute noch geben: dass Politiker, die irgendwie gefehlt haben, wie ein Knäuel zusammengewickelt werden. Immer enger zieht sich die Schlinge, bis nur noch eine Möglichkeit besteht: wegzurollen.
 

Und wie reagiert Schebna? Genau weiß man es nicht, nur einen kleinen Hinweis gibt es: Schebna scheint einverstanden gewesen zu sein mit seiner Absetzung. Er scheint irgendwie schuldbewusst gewesen zu sein, es eingesehen zu haben, dass er die falschen Prioritäten gesetzt hat. Denn Schebna arbeitet weiter in der Verwaltung: als kleiner Schreiber, als loyaler Mitarbeiter seinen Nachfolgers Eljakim. Im zweiten Buch der Könige, in den Kapiteln 18 und 19 werden beide Männer in dieser Konstellation erwähnt: Eljakim als Palastvorsteher, Schebna als sein Schreiber. Und so versöhnt sich die Bibel mit dem selbstherrlichen Spitzenbeamten: indem er schuldbewusst und bescheiden ins zweite Glied geht und dort zuverlässig seinen Dienst tut. Soll es heute nicht mehr so oft geben, so was.

Von Susanne Haverkamp