14.11.2013

Podiumsgespräch in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin über Erinnerungskultur

Die politische Botschaft der Märtyrer

Berlin. Wo stehen die Kirchen bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit? Dies war ein Aspekt bei einem Podiumsgespräch in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin. „Nicht nur eine Frage des Gewissens – Zur Kultur der Erinnerung“, so lautete der Titel des Abends, zu dem über 200 Gäste erschienen waren.

„Gedankenlosigkeit kann peinlich sein. Aber wenn wir ehrlich sind, Gedenken kann auch peinlich sein, wenn es in Ritualen erstarrt, wenn uns nur noch Floskeln einfallen.“ Pointiert umriss Dr. Christiane Florin, Redakteurin der ZEIT-Beilage „Christ & Welt“, einen der Anknüpfungspunkte des Abends in der Landesvertretung, zu dem Justiz- und Kulturministerin Anke Spoorendonk eingeladen hatte. Gäste auf dem Podium waren Erzbischof Werner Thissen, die Ratzeburger Pröpstin Frauke Eiben und der Historiker und Buchautor Götz Aly. Zu den Gästen im Publikum gehörte auch der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle.
Erzbischof Thissen sprach in einem Impulsreferat über die Lübecker Märtyrer – ihr Leben und Wirken wurde in einer Ausstellung im Empfangssaal des Hauses vorgestellt – und über ihr Vermächtnis. Von ihnen zu lernen, das bedeute, Katastrophen wie das Hungern in Ostafrika, Ungerechtigkeiten wie die Ausbeutung in den Textilfabriken Südostasiens oder die Behandlung der Sinti und Roma in Osteuropa oder die Situation der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer nicht einfach ignorieren zu können. „So erhält Erinnerung eine unmittelbar politische Relevanz“, sagte Thissen.

Wie kann das ‘Nie wieder!’ Handlungsmaxime bleiben?
Doch es ging nicht nur um Vorbilder: Ministerin Spoorendonk hatte zuvor betont, „dass das Aufarbeiten der NS-Vergangenheit und deren Folgewirkungen in den Jahren nach 1945 ein uns stetig begleitender Prozess bleiben wird.“ Und sie wiederholte ihre Ankündigung eines Gedenkstättenkonzepts, das die Landesregierung gemeinsam mit Trägern der Gedenkstätten und Erinnerungsorte erarbeiten wolle. „Wie kann das ‘Nie wieder!‘ auch den Jüngeren noch Leitfaden und Handlungsmaxime sein?“, sei dabei eine der zentralen Fragen, so die Ministerin.
Wie schwer sich die Kirchen mit ihrer Vergangenheit getan hatten, das umriss der Historiker Dr. Stephan Linck, der das Thema für die evangelische Nordkirche aufarbeitet. „Erst Ende der 1970er Jahre begann ein langsames kirchliches Umdenken und eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Mittäterschaften an Euthanasieverbrechen. Bis dahin hatte die Perspektive der Opfer in der Wahrnehmung der kirchlichen Mehrheit keinen Platz“, konstatierte er am Ende seines Vortrags über die evangelische Kirche im Norden.
Auch die katholische Kirche habe sich schuldig gemacht, sagte Erzbischof Thissen später auf dem Podium. Die Katholiken seien eher in der „Rolle des stillen Dagegenseins“ gewesen, seien nicht wachsam und mutig gewesen. „Deswegen ragen die Märtyrer heraus, weil sie nicht still waren“, so Thissen. Wenn ihr Wirken jetzt betont werde, sei dies auch ein Hinweis auf die vielen anderen, die nichts unternommen haben.
Der Historiker Götz Aly zeigte sich skeptisch gegenüber der Gedenkkultur unserer Zeit und griff das Wort vom „Sündenstolz“ auf. Gemeint ist damit, so führte er aus, dass in vielen Regionen Deutschlands das Versagen der örtlichen Bevölkerung, die Nähe zu den Nazis als besonders krass dargestellt werde, um so die Qualität der Aufarbeitung aufzuwerten.

Man sieht sich zu leicht als besserer Mensch
„Man muss versuchen, sich halb in die Zeit hineinzudenken und halb neben ihr zu stehen“, meinte er. „Man distanziert sich zu leicht, man sieht sich zu leicht auf der besseren Seite der Menschheit“, so Aly. Seine Forschungen zum Thema Euthanasie haben ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass Menschen ihre Schuld durch Abschieben der Verantwortung auf Institutionen zu verringern versuchen. Im Falle des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten habe es viel heimliches Einverständnis gegeben. Alys Einschätzung nach hätte fast jedes der etwa 200 000 Opfer der Euthanasie-Morde gerettet werden können, wenn die Familien sich dafür eingesetzt hätten. „Die Familien hatten es in der Hand“, so der Historiker.
Pröpstin Frauke Eiben, die sich Anfang vergangenen Jahres wegen ihres Engagements für Demokratie und Toleranz Morddrohungen von Rechtsextremisten ausgesetzt sah, wusste aus diesem bedrohlichen Erlebnis etwas Positives abzuleiten. In Ratzeburg sei von diesem Moment an „die bürgerliche Mitte aufgestanden“. Die Ereignisse hätten „einige bewegt, nachzudenken und zu handeln und ihre Demokratie zu verteidigen“, sagte die Pröpstin.

Text und Foto von Marco Heinen