19.02.2015

Das ehemalige „Heimkind“ Rudolf Kastelik sucht seine eigene Geschichte

Ein langer Weg zur Versöhnung

Seit fünf Jahren ist Rudolf Kastelik auf den Spuren seiner Vergangenheit. Der Lübecker hat seine gesamte Kindheit in Heimen verbracht. Das verfolgt ihn bis heute. 

Jede Menge Akten, Briefe, Erinnerungsfotos: Rudolf Kastelik besuchte alle Orte, in denen er seine Kindheit verbringen musste.    Foto: Hüser

 

23. Februar 2010: Dieses Datum markiert für Rudolf Kastelik eine Lebenswende. Vor fünf Jahren hat er einen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben. Wenige Wochen vorher hatte Pater Klaus Mertes Missbrauchsopfer am Berliner Canisius-Kolleg aufgerufen, sich zu melden. Die Medien waren voll vom „Missbrauchskandal“. „Was machst du jetzt?“ Kastelik hatte schon vorher Briefe geschrieben, in denen er seinen Leidensweg durch etliche Kinderheime schilderte. „Antwort habe ich nie bekommen.“ Aber jetzt lag die Sache anders. „Zum ersten Mal wurden Betroffene von Missbrauch ernst genommen“, sagt er. 

Am 23. Februar 2010 begann für Rudolf Kastelik eine lange Reise. Er hatte sich vorgenommen, Kontakt mit allen Kinderheimen und deren Trägern aufzunehmen, wo er und sein Zwillingsbruder zwischen 1948 und 1969 leben mussten. Wie viele Heime das waren, ahnte er vor fünf Jahren noch nicht. Heute weiß er: Es waren 19. Mindestens. „Drei habe ich erst im letzten Jahr ausfindig gemacht. Jetzt gibt es nur noch eine Lücke von vier Jahren.“ 

Inzwischen hat er herausgefunden, dass er und sein Bruder kurz nach seiner Geburt 1948 mit einem Treck von Waisenkindern aus Posen nach Deutschland gekommen sind. Und auch ein weiterer Bruder ist aufgetaucht, von dem die Kasteliks noch nichts wussten. 

Die 19 verschiedenen Heime, in denen Rudolf Kastelik von seiner Geburt bis zum 17. Lebensjahr untergebracht war, liegen irgendwo in Deutschland: Lübeck, Stuttgart, Flensburg, Hildesheim, Eckernförde, Braunlage, Weihe bei Buchholz, Sörup, Bad Oldesloe. Es waren katholische, evangelische und staatliche Waisenhäuser im Bereich von sechs katholischen Bistümern und der heutigen evangelischen Nordkirche. „Missbrauch gab es überall. Nicht überall gleich, nicht überall sexuellen Missbrauch. Aber überall wurde geschlagen, überall gab es Drill.“ Kastelik erinnert sich, wie er mit Papierblättern unter den Achseln artig bei Tisch sitzen musste. „Fiel ein Blatt herunter, gab es Ohrfeigen.“ An stundenlanges „In der Ecke stehen“ oder wie Bettnässer nachts im Schlafsaal die nassen Kleider trocken pusten, erinnert er sich. Am Anfang konnte der Lübecker nicht darüber sprechen, ohne in Tränen auszubrechen. Heute hat er mehr Distanz gewonnen. 

Als sich Rudolf Kastelik aufmachte, sein Schicksal zu erforschen, wollte er einen Weg der Versöhnung gehen – anders als viele andere Missbrauchsopfer. Er suchte das Gespräch mit den Orden, die die Heime betrieben, mit Behörden, mit Bischöfen. 

„Am Anfang gab es oft Ablehnung“, berichtet Kastelik. „Es hieß: Wir waren es nicht. Das gab es gar nicht. Die Russen hatten Schuld. Oder: Können Sie das beweisen? Welche Beweise soll wohl ein vierjähriges Kind in der Hand haben?“ Aber er hat auch anderes erfahren. „Viele waren offen und haben mir geholfen.“ 14 Aktenordner hat der Lübecker mit seinen fünfjährigen Recherchen gefüllt. Er hat Archive durchwühlt, Briefe geschrieben, Besuche dokumentiert. Fotos zeigen ihn zusammen mit Bischöfen: Werner Thissen, Hans-Jochen Jaschke, Franz-Josef Bode, Norbert Trelle, Felix Genn, Kirsten Fehrs.

„Jeder dieser Besuche hilft mir“, sagt Kastelik. Denn das sei Anerkennung dessen, was passiert ist. Noch bezeichnet er sich als Gefangener „im Gefängnis der Erinnerung“. Das Trauma kommt hoch. Nachts im Traum, oder bei scheinbar harmlosen Ereignissen. „In Münster kam mir am Aufzug eine Nonne im geschlossenen Habit der Franziskanerinnen entgegen. Ich bin zurückgeschreckt und habe gezittert. Die Nonne war ganz erschreckt. Aber ich habe gesagt: Nein, Sie können ja nichts dafür.“ Vor drei Wochen, nach der Papst-Äußerung über schlagende Väter war Rudolf Kastelik mehrere Tage krank. 

Aber er macht weiter. Mittlerweile betreut er mehrere andere Missbrauchsopfer, hält Vorträge und setzt sich für Gedenktafeln an Heimen ein. Kastelik kann mittlerweile wieder eine katholische Kirche betreten. „Ich danke den vielen Menschen, die mir zugehört haben. Vor allem Erzbischof Thissen und das Erzbistum Hamburg haben mich immer auf dem Weg ermutigt und unterstützt.“ Die katholische Kirche etwa bezahlt seine Therapie. Er hat finanzielle Leistungen bekommen und jede Menge Einladungen. 

Viele Missbrauchsopfer haben nach ihrem Schicksal auch den Glauben verloren. Rudolf Kastelik kann inzwischen wieder eine Kirche betreten. in die Kirche gehen. 

Den 23. Februar wird er im kleinen Kreis von Unterstützern mit Bischöfin Fehrs feiern. „Es soll ein Tag der Freude und der Versöhnung werden.“

Text u. Foto: Andreas Hüser