05.11.2014

Neue Märtyrer-Ausstellung in der Lübecker Lutherkirche – Die Kirche ist dabei das größte Exponat

Eine Kirche im Spiegel der Zeit

Auf der Empore der frisch renovierten Lutherkirche in Lübeck ist ab Samstag, 8. November wieder eine Ausstellung über die Lübecker Märtyrer zu sehen. Die Schau wird im Anschluss an den Gedenkgottesdienst der Gemeinde eröffnet.

Der evangelische Gottesdienst um 18 Uhr in der Lutherkirche (Moislinger Allee 96) bildet den Auftakt zu den Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an den 71. Jahrestag der Ermordung der Lübecker Märtyrer. Die katholischen Priester Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink waren am 10. November 1943 von den Nationalsozialisten im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis hingerichtet worden.

Im Anschluss an den Gottesdienst, in den traditionell mit Diözesanadministrator Ansgar Thim und Propst Franz Mecklenfeld auch katholische Geistliche eingebunden sind, wird die Ausstellung unter dem Titel „… ich kann dich sehen“ eröffnet. Das Zitat ist der zweite Teil eines Verses aus dem Gedicht „Lösch mir die Augen aus“ von Rainer Maria Rilke. Unter diesem Titel war eine ursprünglich für das Lübecker „Kulturforum Burgkloster“ konzipierte Ausstellung ab Mitte der 1990er Jahre in der Lutherkirche gezeigt worden. Die neue von Dr. Karen Meyer-Rebentisch kuratierte Schau versteht sich als inhaltliche Fortführung dieser ersten Ausstellung. Zu den Besonderheiten zählen einige Fotos aus dem Besitz der Familie Stellbrink, die erstmals öffentlich gezeigt werden.

Zwei Ausstellungen, die einander ergänzen 

Das Leben und Wirken der vier Geistlichen wird ebenso nachgezeichnet wie die Entwicklung der evangelischen Lübecker Landeskirche in Zeiten des Nationalsozialismus. Anhand der Lutherkirche und ihrer Gemeinde lässt sich nach den Worten von Constanze Oldendorf, Pastorin der Luther-Melanchton-Gemeinde, die Geschichte nachvollziehen und erklären. „Aber wir wollen nicht nur ein Stück Geschichte erzählen, das abgeschlossen ist. In der Ausstellung geht es auch um das Heute und das Zukünftige“, so Oldendorf. Entsprechend sei ein großes Augenmerk auf die didaktischen und interaktiven Elemente gelegt worden. „Es soll ein Lernort sein. Wir wollen mit den Besuchern ins Gespräch kommen.“ Das gilt sowohl für Schulklassen als auch für interessierte Erwachsene, die am Ende eines Besuchs die Möglichkeit haben, Gedanken, Anregungen und Fragen zu Papier zu bringen. 

Die Ausstellung in der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer und die in der Lutherkirche stehen laut Pastorin Oldendorf nicht in Konkurrenz zueinander. Vielmehr ergänzten sie einander und seien „eine Einladung, beide zu sehen“. 

Pastorin Constanze Oldendorf präsentiert die Ausstellung.                                   Foto: Marco Heinen 

Neben Bild-Text-Tafeln wird in der Ausstellung der Lutherkirche zum Beispiel mit Schubladen gearbeitet, in denen sich zur vertiefenden Information Abbildungen zeitgeschichtlicher Dokumente und Bilder finden. An zwei Bildschirmen werden Besucher außerdem über den Bombenangriff auf Lübeck an Palmarum sowie über die Konfirmation in Zeiten des Nationalsozialismus informiert. An einem dritten Bildschirm sollen aktuelle Bezüge aufgezeigt werden, so zum Beispiel zu den Neonazi-Versammlungen, die in der Vergangenheit regelmäßig zum Jahrestag der Bombardierung der Hansestadt angemeldet worden waren, aufgrund des Widerstands Tausender Lübecker aber zuletzt ausfielen. „Da gibt es viele Beispiele für alle Generationen“, ist sich Constanze Oldendorf sicher.

Einen neuen Platz im Erdgeschoss hat die von nationalsozialistischer Ideologie beeinflusste Skulpturen-Gruppe „Die deutsche Familie“ von Otto Flath bekommen, die bis Ende der 1980er Jahre noch auf dem Altar gestanden hatte. Eine Spiegel-Installation des Münchener Künstlers Werner Mally, der auch das Altarbild und zwei Kreuze für die Kirche gestaltet hat, eröffnet nun einen neuen kritischen Blick auf das Kunstwerk, das eben auch zu dieser Kirche und zur Ausstellung gehört. Die nach Norden ausgerichtete Lutherkirche war 1937 eingeweiht worden. Der Backsteinbau ist architektonisch stark von der Ideologie der Nazis und der Deutschen Kirche, einer antisemitischen Strömung innerhalb der evangelischen Kirche, beeinflusst und steht heute unter Denkmalschutz. Nicht zuletzt deshalb stimmt es, wenn Pas-torin Oldendorf konstatiert: „Die Kirche ist nach wie vor das größte Exponat der Ausstellung.“

Gedenkveranstaltungen in Lübeck und Hamburg

Im Zuge der Renovierungs- und Umbauarbeiten in der ersten Jahreshälfte wurde die Empore mit Glas verkleidet, so dass ein eigenständiger Raum entstanden ist, der im Winter separat beheizt werden kann. Im Frühjahr soll noch ein Fahrstuhl für den barrierefreien Zugang zur Empore eingebaut werden und später die Orgel gereinigt werden. Die Kosten in Höhe von fast einer Million Euro (davon etwa 300 000 Euro für die Ausstellung) werden vor allem von der Gemeinde selbst und dem Kirchenkreis getragen, aber auch die Nordkirche sowie einige Stiftungen beteiligen sich, darunter die Lübecker Possehl-Stiftung und die Sparkassenstiftung. Insgesamt über 20 000 Euro spendeten außerdem Privatpersonen

Das Gedenken an die Märtyrer wird am Montag, 10. November um 12 Uhr mit einer Andacht in St. Marien fortgesetzt, an die sich eine Kranzniederlegung unter den Rathausarkaden anschließt. Um 17 Uhr wird am Zeughaus an der Parade ein Kranz niedergelegt. In der Stunde der Hinrichtung der Geistlichen um 18 Uhr wird in Herz Jesu die Eucharistie gefeiert. Zelebrant ist dann Diözesanadministrator Ansgar Thim. Am Sonntag, 16. November findet die ökumenische Feier der Nordkirche und des Erzbistums um 18 Uhr an der Gedenktafel in den Kleinen Wallanlagen hinter dem Untersuchungsgefängnis Holstenglacis in Hamburg statt, von wo aus die Gläubigen in einer Lichterprozession nach St. Michaelis ziehen. Dort werden Bischöfin Kirsten Fehrs und Weihbischof Norbert Werbs die Gedenkfeier in der Krypta fortsetzen.

Vom 10. bis 14. November ist die Ausstellung täglich geöffnet, dann jeweils sonntags nach den Gottesdiensten, zu den Öffnungszeiten der Kirche und nach Anmeldung im Kirchenbüro unter Tel. 0451/203 47 98 oder bei Pastorin Oldendorf (0451/889 97 67).

Text u. Foto: Marco Heinen