24.09.2014

Die Schwestern in Graal-Müritz waren Ersatzeltern, Gastgeber, Fremdenführer und Glaubensbotinnen

Große Familie am Strand

Wenn die Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens ihre Niederlassung in Graal-Müritz verlassen, geht eine Ära zu Ende. St. Ursula in Graal-Müritz war der erste Außenstandort des Ordens überhaupt. 

Schwestern vor „ihrer“ Familienferienstätte St. Ursula 2014.         Foto: Martin Innemann

Eigentlich sollte die Kommunikantenanstalt ein Ort zur Vorbereitung für Kinder auf die erste heilige Kommunion, in Waren/Müritz errichtet werden. Doch es kam anders: Im Ostseebad Müritz gleich neben dem Ostseebad Graal stand 1921 das Hotel Pusch zum Verkauf. Der Rostocker Pfarrer Leffers kaufte mit Hilfe des „Bonifatiusvereins für höhere Schulen“ und dem Bistum Osnabrück für 500 000 Mark das Gebäude. Schülerinnen der Ursulinen in Köln spendeten 30 000 Mark und wählten als Paten des Hauses die heilige Ursula als Patronin.

So beginnt die Chronik der Niederlassung der Missionsschwes-tern vom heiligen Namen Mariens in Graal-Müritz. Seit 1922 sind die Ordensfrauen in dem Ostseebad. Nach 92 Jahren werden sie diese Niederlassung am 1. Oktober 2014 aufgeben.

Im Januar 1922 trafen die ersten Schwestern ein, das Haus wurde hergerichtet, sodass bis 1939 in den Wintermonaten Kommunionkurse stattfanden und im Sommer Erholungskurse für Kinder. Hinzu kamen Besinnungstage, Exerzitien und Erholung für Erwachsene. 1939 beschlagnahmte die Gestapo das Haus vorübergehend. Während des Krieges und danach war St. Ursula ein Auffanglager für Menschen in Not: „In den ersten drei Tagen wurden viele Frauen und Mädchen vergewaltigt. […] Viele Frauen und Mädchen aus der Nachbarschaft suchten in der Nacht Schutz in unserem Haus und fanden ihn auch. Unsere Kapelle im Haus, unsere Ordenstracht, die alten Leute und nicht zuletzt Frau Gemsa, die gut russisch sprach, ebenso ein Franzose waren uns Schutz und Schirm in gefahrenvollen Tagen“, beschreibt die Chronik die ersten Nachkriegstage. 

Dieses Bild ist jetzt Geschichte: Schwestern mit Kindern am Strand in den 1920er Jahren.  Foto: Martin Innemann

Seit 1946 war St. Ursula auch Kinderheim und bot Waisenkindern aus Ostpreußen, deren Eltern verschollen oder verstorben waren, ein Zuhause. „Ein Elternhaus – die Liebe von Mutter und Vater – konnten wir nicht ersetzen, das war uns klar. Für uns Ordensfrauen war die Elternarbeit aber eine wichtige Aufgabe, den Kindern Hilfe zur Selbsthilfe zu geben“, sagt Schwester Gracia.

1947 zog die Einrichtung ihre erste große Bilanz. „Im Laufe der 25 Jahre haben 1403 Kinder nach einem 12wöchentlichen Kursus hier ihre erste heilige Kommunion empfangen.“ Und neben den „Diasporakindern“ haben im Sommer mehr als 7000 Kinder einen sechswöchigen Urlaub im Heim erlebt. Auch Bischöfe fühlten sich in St. Ursula wohl. Mehrmals tagte die Berliner Bischofskonferenz im Haus.

Mit der Wende 1989 kamen auch auf die Schwestern von St. Ursula Veränderungen zu. 1993 wurden das Kinderheim und das Erholungsheim aufgelöst. In einer zweijährigen Bauzeit wurde das Haus zur Familienferienstätte um- und ausgebaut. Heute ist St. Ursula in Trägerschaft der Caritas. Gern schauen die Schwestern auf ihre Zeit in Graal-Müritz zurück. „ Wir konnten unsere Ziele durch alle gesellschaftlichen Veränderungen verwirklichen. Menschen Orientierungs- und Lebenshilfe in christlicher Verantwortung zu geben. Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zu stützen und zu stärken und erholungsbedürftigen Kindern und Erwachsenen einen Aufenthalt in einer gesundheitsfördernden Atmosphäre zu ermöglichen“, sagt Schwester Maria Gracia. 42 Jahre lang war sie in Graal-Müritz tätig, so lange wie keine andere Schwester.

Text und Fotos: Martin Innemann