06.11.2012

Warum der heilige Martin uns auch heute noch Vorbild sein sollte

Helfen. Bedingungslos.

Noch bevor wir am 11. November St. Martin feiern, ist dieser Tage in Rostock der erste Obdachlose des Winters erfroren. Über die Frage, wie wir mit Wohnungslosen umgehen und warum wir uns den Heiligen zum Vorbild nehmen sollten.

Deutsche Großstadt, Einkaufsmeile, Samstag, später Vormittag. Unter der Fassade eines Kaufhauses liegt eine schwarze Mütze. Darin eine Zehn- und eine Zwei-Cent-Münze. Hinter der Mütze sitzt Bruno. 53 Jahre alt, groß, breite Schultern, Kopf gesenkt. Wohnungslos seit zwölf Jahren. Damals nahm ihm das Jugendamt seine Tochter weg. Erst die Tochter, dann verlor er den Rest: Familie, Wohnung, Halt. „Dass man hier sitzt, das geht so schnell. Das kann jedem passieren“, sagt Bruno. Jedem passiert das nicht. Aber immer mehr Menschen. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG  W) waren 2010 circa 248 000 Menschen wohnungslos. 2008 waren es noch 227 000.

Hilfsbereitschaft und Toleranz haben abgenommen

Gleichzeitig haben in diesem Zeitraum Vorurteile gegenüber Wohnungslosen zugenommen, wie Studien zeigen. Im Sozialstaat Deutschland muss doch niemand betteln gehen, hört man oft. Selbst schuld. Oder: Arbeiten und nicht betteln sollen die. „Es gibt vor allem immer mehr Jugendliche, die mich anpöbeln“, erzählt Bruno. Stefan Kunz, Referent für Wohnungslosenhilfe bei der Caritas, bestätigt: „Die Hilfsbereitschaft  und die Toleranz gegenüber Wohnungslosen haben abgenommen.“
Dass in Deutschland Menschen auf der Straße leben und betteln gehen, hat zahlreiche Gründe. „Viele Menschen haben in ihrem Leben nicht die persönlichen Ressourcen ausgebildet, um ihr Leben zu meistern“, meint Kunz. Gleichzeitig sei das Leben auf der Straße sehr teuer, sagt Bruno. Wenn man sich jeden Tag eine warme Mahlzeit besorgen wolle, komme man mit dem Hartz-IV-Regelsatz nicht weit. Auch nicht jeder Wohnungslose schafft es, die bürokratischen Hürden zu meistern, um dieses Geld zu bekommen.

„Ob die das nicht gleich wieder versaufen?“

Während Bruno da sitzt, laufen Hunderte Menschen an ihm vorbei. Die wenigsten beachten ihn, keiner gibt etwas. „Man weiß ja nicht, ob die das dann nicht gleich wieder versaufen“, sagt eine Passantin – und läuft weiter. „Es ist nicht schlimm, wenn man mir kein Geld oder etwas zu essen gibt, aber die Leute sollen mich nicht missachten“, sagt Bruno. Werena Rosenke von der BAG  W sagt: „Niemand ist gezwungen, etwas zu geben, aber wenn man etwas gibt, soll man es nicht an Bedingungen knüpfen.“
Bedingungslos helfen wie der heilige Martin. Nachdem er den Bettler und seine Not wahrgenommen hatte, gesehen hatte, wie die Menschen an ihm vorbeigingen, half er. Ohne lange zu überlegen, und ohne sich zu fragen, ob der Bettler nicht selbst schuld an seinem Leid sei. Schwert  raus, Mantel durchtrennt. Eine bedingungslose Solidarität war das. Und wie läuft das bei vielen von uns? Was macht der mit dem Geld, fragen wir uns. Braucht der das überhaupt? Das dauert jetzt viel zu lange, bis ich das Kleingeld rausgeholt habe.

„Der Winter ist das Härteste“

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, heißt es bei Matthäus. Und es ist leicht, einem Bettler zu helfen. Wir müssen ihm keine Wohnung beschaffen. Ein Euro oder ein heißer Kaffee würden schon reichen. „Vor allem im Winter sollte man nicht wegschauen. Sondern aufmerksam sein, ob die Obdachlosen vielleicht Hilfe brauchen“, betont Rosenke. „Der Winter ist das Härteste am Leben auf der Straße“, sagt Bruno und sitzt und wartet.

Von Daniel Gerber