13.12.2013

Was uns das Schreiben „Evangelii Gaudium“ sagen kann

Hinaus gehen

„Der Papst krempelt die Kirche um“, hieß eine Schlagzeile zum Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“. Der Papst will eine Kirche, die sich nicht von Gewohnheiten leiten lässt, sondern „auf die Straßen“ geht. Was heißt das für uns? Georg Bergner, Leiter der Pastoralen Dienststelle Hamburg, sieht eine Ermutigung zum Perspektivwechsel.

Der Appell des Papstes fällt in einen Entwicklungsprozess im Erzbistum Hamburg. Steht in „Evangelii Gaudium“ auch etwas über Pastorale Räume?
 
Tatsächlich könnte man „Evangelii Gaudium“ als Grundlagentext für unsere Pastoralen Räume lesen. Sehr vieles deckt sich mit dem, was wir dort wollen. Besonders wichtig ist mir die klare Aufforderung zur Mission. Alles, was in der Kirche geschieht, soll der Verkündigung des Evangeliums untergeordnet sein. Die Kirche vor Ort, das gilt für das Bistum und die Pfarreien, soll nicht ihren alten Schablonen verhaftet bleiben, sondern muss aus ihrem geschützten Raum hinausgehen. Sie soll lieber eine „verbeulte Kirche“ sein, „die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist“, als eine verschlossene und bequeme Kirche.
 
Was sind denn solche Schablonen, die uns im Wege stehen?
 
Ein eingeschliffenes Denkmuster heißt zum Beispiel: Eine Gemeinde muss viele Gruppen haben. Sie muss unter ihrem Dach Leute versammeln, die sich gut miteinander verstehen. Dabei müsste sie viel mehr Wert auf das Leben draußen legen: Dort müssten sich die christlichen Gruppen befinden, zusammengesetzt aus Menschen, die in unserer schwierigen Gesellschaft froh als Christen leben. Es ist vielleicht hilfreich, sich vorzustellen, wie eine Gemeinde ohne Gemeindehaus leben würde.
 
Die Sinus-Milieustudie von 2005 hat gezeigt, dass unsere Gemeinden nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft erreichen. Kennen wir denn überhaupt „die Gesellschaft“?
 
Das ist eine unserer Aufgaben: Wir müssen versuchen, die Gesellschaft gut zu verstehen. Ein einfaches Beispiel, das mir Menschen berichten, die in der Erstkommunionvorbereitung aktiv sind: Wir müssen (…) einen Sensus dafür bekommen, wie Eltern heute belastet sind. Das heißt konkret: Wie viele Treffen kann ich bei der Erstkommunion­vorbereitung ansetzen, ist es realistisch, Elterngruppen zu gründen, am besten noch feste Gruppen für die Zeit nach der Erstkommunion. Das schaffen die Eltern und Kinder heute oft nicht mehr. Wir müssen so eine Entwicklung sehen und unrealistische Ideale zurückstellen.
 
Wahrscheinlich trifft man „auf den Straßen“ auch gar nicht mehr so viele Familien, die in das Muster einer katholischen Familie passen.
 
Der Pastorale Raum Hamburg-Nordost hat in seinem Pastoralkonzept festgestellt: Auf unserem Gebiet sind 45 Prozent der Haushalte Single-Haushalte. Die „normale“ Familie, Ehepaar mit Kindern, macht nur 15 Prozent aus. Bisher ist unsere Pastoral auf solche Familien ausgerichtet. Die Realität stellt uns hier vor eine Herausforderung, die wir häufig noch gar nicht angenommen haben.
 
Aber unsere Kapazitäten sind ja begrenzt. Können wir neue Handlungsfelder eröffnen, ohne etwas Wichtiges und Gutes aufzugeben?
 
Ja, es gibt manchmal noch so ein Konkurrenzdenken. Sie können das manchmal beobachten, wenn zu Heiligabend die Kirche überfüllt ist, und sich die regelmäßigen Kirchgänger ärgern, weil sie keinen Platz bekommen. Klar, einen Teil der Weihnachtskirchgänger sieht man zum ersten Mal. Und sie kommen am nächsten Sonntag nicht wieder. Ähnlich ist es ja bei den Erstkommunionkindern und Firmlingen, die nach dem Fest nicht mehr auftauchen. Wir sollten dort mehr Gelassenheit entwickeln und darauf vertrauen: Die Saat, die da gesät wird, wirkt weiter, auch ohne dass wir es sehen.
 
Sprich: Es gibt also auch Kirche außerhalb der Gemeinde?
 
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass in der kirchlichen Landschaft in Deutschland der Aufbau von Gemeinde als Erstzweck kirchlichen Handelns gesehen wird. Deshalb tut es uns so weh, wenn wir schrumpfen und immer weniger Menschen in die Gottesdienste kommen. Wir schätzen die individuelle Glaubensbildung, die persönliche Spiritualität zu wenig.
 
Kann man sagen: Zweck der Gemeinde ist die Förderung der Spiritualität?
 
Der Papst sagt deutlich: Es kann keine Religiosität geben ohne spirituelle Wirklichkeit. Wenn ich keine persönliche Gottesbeziehung habe, laufe ich Gefahr, in einen Ritualismus zu geraten, der entseelt und nicht mehr mit der Welt verbunden ist. Darin, da denkt der Jesuit Papst Franziskus, sein Denken ist hier typisch ignatianisch: Das Wichtigste geschieht in der persönlichen Begegnung zwischen Gott und Mensch.
 
In welchen Formen äußert sich diese Begegnung?
 
Der Papst legt hier einen großen Wert auf das Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift. Sicherlich liegt die Begegnung auch in der Zuwendung zu den Armen, von der in dem Schreiben oft die Rede ist. Aber auch in vielen Ausdrucksformen, die man als neue Formen von Volksfrömmigkeit bezeichnen könnte. Ich habe mich manchmal gewundert, wie einfach das ist: mit Jugendlichen eine Kerze in einem dunklen Raum anzünden – eine einfache Geste, die jeder versteht. Oder persönliche Anliegen formulieren, die auf einen Zettel geschrieben werden. Das ist nichts Besonderes: Aber es kommt zum Ausdruck: Es ist jemand da, von dem ich etwas erwarte, an den ich mich mit meinen Bedürfnissen wenden möchte. Dabei kommt vielleicht mehr vom Glauben zum Ausdruck als in zehn schlauen Predigten.
 
Zu den entscheidenden Sätzen von Evangelii Gaudium gehört dieser: Die Eucharistie ist keine Belohnung für die Vollkommenen, sondern Heilmittel für die Schwachen.
 
Darin sehen viele einen Hinweis auf den Umgang mit Geschiedenen. Aber es steckt noch mehr darin, vor allem die Aufforderung: Denkt an die Menschen, die mit Bedürfnissen und Anliegen kommen. Denkt an die Menschen, die in der letzten Reihe sitzen. Das sind manchmal die Interessantesten. Gerade denen will Christus nahe sein und Wegzehrung geben.

Text: Marco Heinen

Foto: picture alliance