14.01.2015

Berge weiten den Blick auf Gott hin - besonders bei Bergexerzitien

Höher, mein Gott, zu dir

In den Alpen wandern kann jeder. In aller Ruhe pilgern auch. Bei den „Bergexerzitien“, die die Arbeitskreise „Kirche und Sport“ der Diözesen Augsburg und München/Freising anbieten, kommt beides zusammen: das Erlebnis der hohen Berge und die Nähe zu Gott.

 

Juckt es da nicht in den Füßen? Bergexerzitien, wie hier
durch die Nordkette des Karwendel, sind in mehrfacher
Hinsicht eine Herausforderung. Zur Beruhigung: Es gibt
auch leichtere Touren. Foto:  privat

„Beim ersten Mal bin ich gleich an meine Grenzen gekommen“, sagt Isabella Tischinger-Jilp. Beim ersten Mal, als sie auf den Tipp eines Freundes hin die Bergexerzitien mitgemacht hat. „Es war in den Lechtaler Alpen in Österreich. Und ganz überraschend kam es zu einem Wetterumschwung mit Schnee. Ich fühlte mich geistig und körperlich überfordert und dachte am ersten Abend: Ich glaube, ich breche ab.“

Isabella Tischinger-Jilp brach nicht ab. Die anderen aus der Gruppe motivierten sie, weiterzugehen, einen Schritt nach dem anderen. „Für mich war das ein tiefes Schlüsselerlebnis“, sagt sie im Rückblick. Das Erlebnis durchzukommen, auszuhalten, weiterzumachen. Seitdem macht die Lehrerin aus Thüringen es immer wieder: Bergexerzitien. „Die persönlichen Grenzerfahrungen sind es eigentlich nicht, die wir anstreben“, sagt Knut Waldau, einer der „Erfinder“ der Bergexerzitien. „Es geht mehr darum, das klassische Konzept der Exerzitien in die Natur zu verlegen“, denn die Wirkung der Exerzitien sei ja „nicht unbeeinflusst vom Ort, wo ich sie mache.“ Und da ist eben das Gebirge, zumal das Hochgebirge, ein besonderer Ort.

„Das Wandern im Hochgebirge ist immer ein wenig unverfügbar“, sagt Waldau. „Das Wetter  kann  zum Beispiel umschlagen. Ich kann nie zu hundert Prozent planen und weiß nie genau, welche Erfahrungen ich machen werde.“ Für den Theologen hat das eine spirituelle Dimension. „Auch mit Gott weiß ich nie genau, wie er ist und wo er ist; ich kann nicht sagen: ‚So oder so ist Gott‘ – und das kriege ich in den Bergen gezeigt.“

Ein zweites wichtiges Element ist das gleichmäßige Laufen, die Bewegung. „Lange zu laufen, über mehrere Tage und zwar meist im Schweigen – das bringt bei vielen etwas in Bewegung“, sagt Knut Waldau. „Anders als bei klassischen Exerzitien, die vor allem im Sitzen stattfinden, wird beim Gehen oft genug etwas losgetreten, was im Alltag verdrängt wird und im Inneren schlummert.“

 

"Viele Wege führen zu Gott. Einer geht über die Berge"
Reinhold Stecher, Altbischof von Innsbruck

Isabelle Tischinger-Jilp kann das bestätigen. „Ich bin Lehrerin und in mehreren Schulen unterwegs; ich habe viele verschiedene Kontakte zu Kindern, Eltern und Kollegen. Mein Alltag ist ziemlich hektisch“, berichtet sie. „Beim Gehen stellt sich mit jedem Tag ein bisschen mehr Ruhe ein. Das Kopfkino und das Gedankenkarussel beruhigen sich.“ Dazu trägt auch der klare Rahmen bei, der jeden Tag strukturiert: die Körperübungen und der geistliche Impuls nach dem Frühstück, das Wandern im Schweigen, die Texte, die zwischendurch immer wieder vorgelesen werden.

„Wir nehmen immer biblische oder andere geistliche Texte, die zum Gelände passen“, sagt Knut Waldau. Da sind zum Beispiel schwierige, ausgesetzte Stellen, die den so leicht scheinenden Weg unterbrechen und dazu der Psalm 30: „Im sicheren Glück dachte ich einst: Ich werde niemals wanken. Doch dann hast du dein Gesicht verborgen. Da bin ich erschrocken.“ Oder der endlich erklommene Gipfel und die Einsicht des Extrembergsteigers Reinhard Karl: „Ich ahne, dass auch der Everest nur ein Vorgipel ist; den wirklichen Gipfel werde ich nie erreichen.“ Oder die ersehnte Pause nach langem Laufen und dazu das Gebet Martin Bubers: „Nur du! Wo ich gehe – du! Wo ich stehe – du! Nur du, wieder du, immer du!“ Oder die Ruhe in der tiefschwarzen Nacht auf der Hütte und dazu der Text von Kurt Marti: „Jetzt aber gib dich aus deinen Händen, verliere dich aus den Augen, entlass dich aus deinem Körper – der wird‘s wohl machen.“

Wer mag, kann außerdem mit den „Bergführern“, die gleichzeitig ausgebildete Exerzitienbegleiter sind, geistliche Gespräche führen. „Wirklich ausdrückliche geistlich-seelsorgliche Gespräche möchte etwa ein Viertel der Teilnehmer“, sagt Knut Waldau aus langjähriger Erfahrung. „Aber es passiert auch ganz viel an Gesprächen nebenher, etwa am Abend, wenn wir miteinander auf den Tag zurückschauen.“ Bekenntniszwang gibt es dabei nicht, wie überhaupt die Bergexerzitien trotz der Gruppe, mit der man unterwegs ist, sehr individuell bleiben. „Wir schweigen unterwegs eben viel“, sagt Isabella Tischinger-Jilp. „Wir sind viel allein mit unseren Gedanken. Mit Bildern aus unserem Leben, die kommen und gehen. Manchmal auch mit Gottes Gegenwart.“ 

 

„Und wanderte ich allein: Wes hungerte meine Seele? Und stieg ich auf Berge:
Wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?
Friedrich Nietzsche, Philosoph

Mit Gott und in der Gruppe unterwegs: Bergexerzitien im Karwendel. Foto: privat

Ganz egal ist es aber nicht, dass auch andere mitgehen. „Für mich spielt die Gruppe bei schwierigen Gehpassagen eine Rolle“, sagt Tischinger-Jilp. „Sie verleiht Sicherheit, die Zweifel werden weniger. Das Motto ‚Gemeinsam sind wir stark‘ trägt mich manchmal bis zum Gipfel.“

Knut Waldau sieht dagegen auch die Kehrseite der Gemeinschaft. „Eine solche mehrtägige Hüttentour im Hochgebirge, das ist auch gruppendynamisch eine Herausforderung. Wir sind von morgens bis abends zusammen, schlafen gemeinsam im Matratzenlager, es gibt keine Möglichkeit, sich in ein eigenes Zimmer zurückzuziehen. Ich finde inzwischen die komfortableren Pilgerwege in Südtirol auch ganz schön.“

Es in der Gruppe „auszuhalten“, ist deshalb eine der Voraussetzungen für die Teilnahme an Bergexerzitien. Eine andere ist die richtige Selbsteinschätzung beim sportlichen Schwierigkeitsgrad der Touren. „Das wird bei schweren Touren nicht immer beachtet“, weiß Knut Waldau – und das kann zu Problemen führen. Zudem braucht es die Bereitschaft, sich auf einen „spirituellen Prozess“ einzulassen. „Man sollte nicht mitwandern, nur, weil man beim Alpenverein keinen Platz gekriegt hat“, so Waldau. Das komme aber auch nur sehr selten vor. „Das sind alles Leute, die auf der Suche nach Gott sind“, sagt Isabella Tischinger-Jilp, „auch wenn nur eine Minderheit kirchlich engagiert ist“. Und Knut Waldau ergänzt: „Es sind Menschen, die die Frage nach Gott nicht loslässt.“ 

Vielleicht ist die in den hohen Bergen besonders naheliegend. Der frühere Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, muss es so empfunden haben, als er schrieb: „Am Gipfel, wo die Welt zu Ende geht und wo über uns nur mehr der weite Himmel steht und die Wolken ziehen, wächst aus dem Blick in die Tiefe und Weite die Frage nach dem Sinn des Ganzen.“

 

Zur Sache

Die „Bergexerzitien“ werden angeboten von den Arbeitskreisen „Kirche und Sport“ der
(Erz-)Bistümer Augsburg und München/Freising. 2015 werden insgesamt 22 Touren angeboten, von leicht bis schwer, vom Wochenende bis zu fünf Tagen, vom festen Quartier bis zur Hüttenwanderung. Das vollständige Programm findet sich im Internet unter www.bergexerzitien.de

Wichtig: Anmeldungen sind ab sofort möglich; erfahrungsgemäß sind viele Touren schnell ausgebucht!

 

Von Susanne Haverkamp