10.06.2016

Warum Gewaltlosigkeit nicht naiv ist und wie Konflikte schon im Kleinen friedlich gelöst werden

Stimme der Gewaltlosigkeit

Eine gerechte Welt ohne Gewalt und Waffen – dafür steht die ökumenische Friedensbewegung Pax Christi. Aber wo hat Gewaltlosigkeit auch Grenzen? Ein Gespräch mit Franz-Josef Lotte, Pax-Christi-Referent im Regionalverband Osnabrück/Hamburg.

Kriege, Krisen und Konflikte weltweit – als jemand, der sich für Friedensarbeit starkmacht, dürften Sie zurzeit gar nicht mehr zur Ruhe kommen …

Stimmt. Friedensarbeit ist heute wichtiger denn je. Man denke zum Beispiel an den Krisenherd Naher Osten, an den Krieg in Syrien, den Terror des sogenannten „Islamischen Staates“, die islamistische Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria, den Zustrom der Flüchtlinge in Europa oder an die Ukraine-Krise, die schon etwas verblasst ist. Dass die Leute verunsichert sind, merken wir daran, dass uns viele anrufen und Fragen stellen, um die Ereignisse einordnen zu können. Oft sind ja die Diskussionen emotional aufgeladen und versperren sachliche, rationale Lösungswege. 

Was meinen Sie damit?

In Krisenfällen wird viel zu oft militärisch argumentiert. Sicher, das verspricht schnelle und erfolgreiche Konfliktlösungen. Entscheidungsspielräume, die gewaltfreie oder gewaltmindernde Herangehensweisen bieten, werden zu wenig berücksichtigt. Aus christlicher Sicht kann unsere Frage nicht lauten: „Wann ist Gewalt erlaubt?“, sondern immer: „Welcher gewaltlose Weg ist noch nicht versucht und beschritten worden?“ Pax Christi steht für eine gewaltfreie Haltung, eine prophetisch-visionäre Sicht, die in solchen Zeiten erst den Weg eröffnet, andere gewaltfreie Möglichkeiten auszuschöpfen.

Aber heißt das nicht, untätig zu bleiben auch angesichts des Terrors von „IS“ oder Boko Haram? Klingt verantwortungslos!

Natürlich muss etwas getan werden. Das ist gar keine Frage. Wann immer Menschen aufgrund ihrer Religion verfolgt und genozidartig ausgelöscht werden sollen, wie der sogenannte „IS“ unter anderem mit den Jesiden verfährt, oder Boko Haram mit den Christen, sind Verteidigung und Schutz notwendig. 

Nach einer gewissen Logik ist es naiv, für Gewaltfreiheit einzustehen, da haben Sie recht. Selbst das Verhältnis der Bibel zur Gewalt ist ambivalent, allerdings mit wachsender Distanzierung. In diesem dynamischen Feld versuchen wir, die Stimme der Gewaltlosigkeit und des friedlichen Weges zu stärken. Denn wenn es um Kriege geht, ich denke da an die beiden Weltkriege, haben militärisch aufgeladene Konflikte immer verheerende Folgen. Wir haben eine andere Vision.  

Und welche?

Wir wollen weiter am Begriff „gerechter Frieden“ arbeiten. Denn einen „gerechten Krieg“, von den Opfern her gedacht, kann es nicht geben. Auch Papst Franziskus hat es so formuliert: Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit, aber nie etwas Gerechtes. Wir hinterfragen auch: Was hat Boko Haram oder den „IS“ so groß gemacht? Wie konnten so viele Waffen in die Hände der Terroristen gelangen? Konflikte und Kriege haben immer eine Geschichte, wo mehr auf Eskalation als auf Deeskalation und Verständigung gesetzt wurde. Und nicht zuletzt bewegt uns: Wie kann Versöhnung aussehen? Zugegeben, das ist schwierig. 

Zumal Pax Christi nur ein kleiner Mitspieler ist …

Ja, eine gewisse Ohnmacht ist zu spüren. Aber für Friedensarbeit braucht es einen langen Atem und eine Strategie. Frieden muss gelernt werden. Es gilt, unterschiedliche Interessen auszubalancieren. Das bedarf viel Fingerspitzengefühls. Aber es gibt sie, die positiven Beispiele: So bereiteten unter anderem die Friedensgebete in der DDR die politische Wende vor und wurden prägend für den gewaltfreien Umbruch. Vor zehn Jahren war auch die Energiewende nicht vorstellbar, und es gab doch eine Konstellation, die sie hervorgebracht hat.

Wie kann man schon im Kleinen lernen, Konflikte zu lösen?

Wir werden nicht als Friedensengel geboren. Der Mensch ist in seinen Möglichkeiten begrenzt, deshalb entstehen im Zusammenleben immer wieder Konflikte. Aber wie lassen sie sich lösen? Ich selbst bin Mediator und finde es gut, dass es an vielen Schulen ausgebildete Streitschlichter gibt. So lernen schon junge Leute, Konflikte zu lösen und dass es keine einfachen Lösungen für komplizierte Sachverhalte gibt, wie uns Pegida oder AfD weismachen. Und das ist wichtig, um auch auf internationaler politischer Ebene einiges besser verstehen zu können, zum Beispiel den Konflikt Russland-Ukraine-Europäische Union. 

Interview: Anja Sabel