18.03.2015

Arbeiterschutz

Tut mehr für die Arbeiter!

Wir alle besitzen Produkte, die im Ausland unter zumindest fragwürdigen Bedingungen hergestellt wurden. Mit Andrea Nahles und Gerd Müller haben zwei katholische Minister Ausbeutung und Kinderarbeit den Kampf angesagt.

Rokeya Begum zeigt ein Foto ihrer 18-jährigen Tochter Henna Akhtar, die im Dezember 2012 beim Brand einer Nähfabrik in Bangladesch ums Leben gekommen ist - mit 111 anderen Arbeiterinnen. Foto: pa/AP

Wecker ausschalten. Anziehen. Kaffee trinken, Radio oder Handy einschalten. So beginnt für die meisten Menschen hierzulande der Tag. Nur die wenigsten machen sich klar, dass sie mit diesen Handgriffen bereits Kontakt zur Armut aufgenommen haben. Ob Bekleidung, Elektronik oder Nahrung: Etliche Produkte werden von Menschen gefertigt, die von ihrer Hände Arbeit kaum leben können. In Entwicklungsländern herrschen soziale Bedingungen wie im Deutschland des 19. Jahrhunderts, sagt Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU).

Mit Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will Müller das Treffen der sieben wichtigsten Indus-
trienationen im Juni im bayerischen Elmau dazu nutzen, um Druck auf die Wirtschaft aufzubauen. Unter der Präsidentschaft Deutschlands sollen sich die G7-Staaten auf erste Strategien gegen die Ausbeutung und zur Förderung umweltverträglicher Produktionsbedingungen verständigen. Dazu haben beide Minister das Zukunftspapier „Gute Arbeit weltweit“ vorgelegt.

Angedacht ist unter anderem die Gründung eines Präventionsfonds, in den Unternehmen der G7-Staaten einzahlen sollen, um so etwa den Brandschutz in etlichen Produktionsstätten zu verbessern. 2013 wurden bei mehreren Unglücken in Nähfabriken in Bangladesch und Pakistan mehr als 1100 Näherinnen getötet.

Auch wenn Misereor moniert, dass die Bundesregierung nur auf Freiwilligkeit statt auf Regulierung setze, begrüßten christliche Verbände die Initiative. 2014 hat der Caritasverband die ungerechten Produktionsbedingungen in der Dritten Welt mit seiner Jahreskampagne „Weit weg ist näher, als du denkst“ auf die Agenda gesetzt und Verbaucher an ihre Mitverantwortung erinnert. 

 

Siegel sind vorgesehen, Mindestlöhne nicht

Hier seien die von Nahles und Müller angekündigten neuen Siegel ein guter Ansatz, sagt Caritassprecherin Claudia Beck. Misereor vermisst dagegen ein klares Bekenntnis zu „existenzsichernden Löhnen“. So sei derzeit in Frankreich ein Gesetz in Vorbereitung, das die Unternehmen des Landes auch im Ausland zur Einhaltung bestimmter Mindeststandards verpflichten soll.

Wie dringend der Handlungsbedarf ist, machen ein paar Zahlen deutlich. Alle 15 Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Welt ein Mensch an den Folgen eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit. Mindestens 168 Millionen Kinder müssen arbeiten, 21 Millionen Menschen gelten als Sklaven. Vor allem die niedrigen Löhne in Teilen der Welt sind ein Skandal. 200 Millionen Plantagenarbeiter werden so schlecht bezahlt, dass sie sich kaum ausreichend Nahrung kaufen können. „Deshalb braucht der Markt Regeln“, sagt Müller.

Auch wenn Weltbankpräsident Jim Yong Kim die deutsche Initiative sehr begrüßt: dass aus dieser Welt schon über Nacht eine gerechtere wird, erwartet Müller nicht. „Geben Sie uns vier plus vier Jahre, dann können wir viel bewegen.“ Vielversprechend angelaufen ist immerhin die Initiative „Siegelklarheit.de“.
Auf der Internetseite des Entwicklungsministeriums wird erklärt, wie Verbraucher anhand der Siegel in unserer Bekleidung erkennen können, ob diese nach sozialen und ökologischen Grundsätzen gefertigt wurde.

Von Andreas Kaiser