29.07.2015

Kommentar

Urlaub als Chance

In der Urlaubszeit boomt die Touristenseelsorge - doch woran liegt das? "Vielleicht ist das maßgeschneiderte Programm ein Grund", vermutet Susanne Haverkamp in ihrem Kommentar.

Letzte Woche mussten wir von Abbrüchen berichten. Mal wieder. Es waren die Kirchenaustrittszahlen, die erschreckend hoch waren; ein anderes Mal sind es die Priesterzahlen, die erschreckend niedrig sind.

Diese Woche ist von Abbrüchen keine Rede. Im Gegenteil: Die Seelsorge boomt. Ob an den Küsten, in den Bergen oder auf Campingplätzen an Seen: Überall, wo die Kirche „Touristenseelsorge“ anbietet, sind Mitarbeiter wie Urlauber begeistert. Die Gottesdienste sind voll von Menschen und von lebendigem Glauben; bei Gesprächsgruppen wird engagiert über Gott und die Welt diskutiert; in Einzelgesprächen suchen Menschen Rat, Hilfe und ein offenes Ohr. Es herrscht kein Mangel an Haupt- und Ehrenamtlichen, die den Urlaub in Seelsorgeteams verbringen wollen. Denn so macht Kirche Spaß. Auch denen, die oft über „Strukturen“ klagen.

Aber woran liegt es, dass „Kirche im Urlaub funktioniert“ und im Alltag nicht? Einerseits vielleicht an den wirklich „maßgeschneiderten“ tollen Programmen für Ältere, für Kinder, für Familien. Die Teams tun nichts anderes, als sich um die überschaubare Zahl an Urlaubern zu kümmern. Sie haben Zeit und Lust – und das merkt man.

Auch die ökumenische Zusammenarbeit hilft. Sie bündelt Kräfte, aber auch die „Zielgruppe“. Niemand muss sich fragen, ob er als „Kathole“ bei den „Evangelen“ willkommen ist oder umgekehrt. Im Urlaub sind wirklich alle eins.

Und schließlich: Nicht nur die „Anbieter“ haben Zeit, sondern auch die Gäste. Urlaub ist eben anders, da macht man gerne das, wozu man sonst nie kommt. Zur Kirche gehen, zum Beispiel. In einem Spontanchor singen. In der Bibel lesen. Oder über familiäre oder berufliche Sorgen reden, die man sonst erfolgreich verdrängt. Dass die Kirche für viele nicht mehr zur „Routine“ gehört, ist auch eine Chance.

Und eine Aufgabe. Denn die Erfahrungen zeigen: Es reicht nicht, Urlauberseelsorge „mitzumachen“, wenn man halt in einer Urlaubsgegend Pfarrer ist. Wenn es funktionieren soll, braucht es Menschen, die sich ganz auf diese Aufgabe konzentrieren. Das wird nie flächendeckend möglich sein, aber man kann dieses Engagement ausbauen. Etwa, indem Bistümer mehr Augenmerk auf Urlauberseelsorge legen und die Phantasie spielen lassen, wer, wo mit wem Angebote machen kann. Dass das auch Geld kostet, sollte nicht das Problem sein. Die Kirche verändert sich, die Seelsorge auch. Dass sie aber weiter gebraucht und gewollt wird, wenn auch anders als früher, ist Grund zur Freude.

Von Susanne Haverkamp

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