10.12.2014

Wie sich die Hamburger Malteser in Litauen engagieren

Von Freunden für Freunde

Schneewittchen und die sieben Zwerge leben in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Jedenfalls Anfang Dezember war das so, als Kinder der dortigen Malteser-Kita das Märchen für Verwandte, Freunde und fünf Malteser aus Hamburg aufführten. Letztere hatten Weihnachtsgeschenke und Hilfsgüter vorbeigebracht.

Herzlich ging es auch in Siauliai (Foto), Kaunas und Marijampole zu.

Über 150 Päckchen mit Spielzeug und Süßigkeiten, 15 Gitarren, zwei Akkordeons und einiges mehr hatten die Nordlichter im Gepäck. Gespendet, gesammelt und eingepackt von Maltesern und Rotariern aus Rendsburg sowie Maltesern aus Waren an der Müritz und Hamburg. Die Geschenke wurden auf vier Einrichtungen für sozialbenachteiligte Kinder in Siauliai, Marijampole, Kaunas und Vilnius verteilt. Die Häuser sind weniger Kitas im herkömmlichen Sinne als vielmehr Anlaufstationen für Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 17 Jahren. Armut, Alkoholismus, Prostitution und häusliche Gewalt prägen den familiären Hintergrund der Kids, die in diesen Einrichtungen ein Stück weit ein Zuhause finden. Hier werden sie von festangestellten Sozialarbeitern, Pädagogen und Erziehern sowie ehrenamtlichen Helfern betreut.

Das Ziel ist, die Kinder von der Straße zu holen

Die Einrichtungen, die allesamt vor zehn bis zwölf Jahren gegründet wurden, werden nicht allein durch die deutschen Malteser getragen. Die Hanseaten gaben Anschubfinanzierungen und schießen jährlich rund 50 000 Euro zum Betrieb der vier Häuser zu. Doch die Litauer tragen einen großen Teil der Kosten inzwischen selbst, und zwar über den Malteser Hilfsdienst vor Ort und in einem Fall über die katholische Kirchengemeinde und das Bistum. „Unser Ziel war es, die Kinder von der Straße zu holen. Dabei ging es uns von Anfang an um die Nachhaltigkeit der Hilfe, die immer auch Anstoß zur Selbsthilfe sein soll“, erläutert Diözesangeschäftsführer Alexander Becker. Wenn die deutschen Malteser mal aus der Mitverantwortung gehen müssten, weil vielleicht das Spendenaufkommen sinkt, soll das nicht gleich das Ende der Einrichtungen in Litauen bedeuten.

Seit 24 Jahren besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den Maltesern aus dem Erzbistum Hamburg und den Maltiecˇiai, wie die Malteser in der litauischen Landessprache heißen. Als Litauen 1990 offiziell seine Unabhängigkeit erklärte, waren es die Hamburger, die tags drauf den ers-ten Lkw mit Hilfsgütern auf den Weg brachten. Damals fehlte es an allem. Kleidung und Lebensmittel wurden dringend benötigt. „Anfangs haben wir jährlich bis zu 20 Transporte mit 40 Tonnen Hilfsgütern nach Litauen gebracht“, sagt Jörg Baumann, ehrenamtlicher Auslandsbeauftragter der Malteser Hamburg. Auch andere Standorte wie zum Beispiel Oldenburg, Bremen, Osnabrück, Würzburg und Mainz unterstützen die Litauer. Es waren die aus Deutschland stammenden Botschafter des völkerrechtlich anerkannten Ordens, die sich in Litauen nachdrücklich für diese Partnerschaft eingesetzt hatten. Auf Hamburger Seite gehörten in den Anfangsjahren Dr. Uwe Bernzen, Karl Hufschmidt und vor allem Hans von Falkenhausen zu den treibenden Kräften.

Die Hilfstransporte wurden mit der Zeit weniger, weil in Litauen der wirtschaftliche Aufschwung einsetzte. Das Land hat sein Gesicht seit den Sowjetzeiten deutlich verändert. Zwar gibt es noch Plattenbauten und graue Hässlichkeit links und rechts mancher Ausfallstraße. Doch schon gleich in Klaipeda, wo die Fähre aus Kiel angelegt, erheben sich auf dem Weg in die Stadt riesige Einkaufszentren mit grellbunter Beleuchtung. Ein Besuch im Supermarkt erinnert an Frankreich, wo in meterlangen Theken frischer Fisch, Fleisch, Brot und Torten feilgeboten werden. Sichtbarster Ausdruck des gewachsenen Wohlstands, der ab dem 1. Januar 2015 in Euro bezahlt wird.

Die Zahl der Hilfstransporte ist zurückgegangen

Doch längst nicht alle Menschen profitieren und soziale Probleme gibt es natürlich nach wie vor. Das wurde in Folge der Wirtschaftskrise von 2008 besonders deutlich, als noch einmal drei Jahre lang verstärkt Kleidung und Lebensmittel benötigt wurden. „Wir bringen nur Dinge, die entweder neu sind oder die wir selbst noch benutzen würden“, formuliert Jörg Baumann einen wichtigen Maßstab bei der Auswahl der Hilfsgüter. Inzwischen macht sich pro Jahr jedoch meist nur noch ein Hilfstransport von der Elbe aus auf den Weg ins Baltikum. 

Da sind dann auch Dinge des täglichen Bedarfs auf der Ladefläche zu finden, vor allem aber sperrige Hilfsgüter wie etwa eine neue Küche oder Krankenhausbetten, die gespendet wurden. „Wir prüfen bei jedem Transport, ob er wirtschaftlich sinnvoll ist, oder ob die Malteser vor Ort die benötigten Dinge selbst viel besser organisieren können“, so Diözesangeschäftsführer Becker. 

Bei dem Besuch mit zwei Kleintransportern Anfang Dezember sei es nicht nur darum gegangen, Geschenke zu bringen, sondern auch darum, sich über die konkrete Verwendung der Spendengelder zu informieren. „Nur so können wir auch unseren Spendern und Förderern gegenüber Rechenschaft ablegen“, sagt Becker. 

In Litauen gibt es gut 900 ehrenamtliche und 40 angestellte Malteser. 15 Gliederungen in litauischen Städten pflegen die Partnerschaft mit Gliederungen in Deutschland. Waren die litauischen Malteser in den Anfangsjahren vor allem dafür zuständig, die aus Deutschland kommenden Hilfsgüter zu verteilen, haben sie längst eigene Projekte auf den Weg gebracht. „Nach 2004 haben wir angefangen, uns selbst neu  aufzustellen“, sagt Generalsekretär Eitvydas Bingelis. Er gehört mit 26 Jahren zu den jüngsten Generalsekretären in den Werken des Malteserordens, blickt aber bereits auf zehn Jahre Erfahrung in der Hilfsorganisation zurück. Neben den Einrichtungen für Kinder und Jugendliche haben die Malteser in Litauen einen kostenlosen Essen-auf-Rädern-Service zum Laufen gebracht, von dem rund 500 in Armut lebende Senioren profitieren. Außerdem wurde ein Besuchsdienst ins Leben gerufen, bei dem sich einige Hundert Helfer – darunter selbst viele Senioren – engagieren, in dem sie bis zu dreimal pro Woche alte Menschen besuchen, ihnen zur Hand gehen oder einfach ein bisschen gemeinsame Zeit teilen. „Außerdem kümmern wir uns um Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und organisieren Fahrdienste, helfen zu Hause oder organisieren die Teilnahme an internationalen Treffen und Pilgerreisen“, so Eitvydas Bingelis. Beim jüngsten Besuch aus Deutschland wurden außerdem die Möglichkeiten er-örtert, auch an litauischen Schulen einen Schulsanitätsdienst anzubieten.

Aus Kontakten sind Freundschaften geworden

Zwischen den Maltesern Hamburg und den litauischen Maltesern sind viele Freundschaften gewachsen. Man merkt es deutlich an der Herzlichkeit, mit der die Gäste empfangen werden. Man merkt es an Schneewittchen und den sieben Zwergen und an den Bastelarbeiten, die den Hamburgern mit auf den Weg gegeben werden. „Wir sind mit Geschenken nach Litauen gefahren und kommen ebenso reich beschenkt wieder“, so das Fazit des Auslandsbeauftragten Jörg Baumann.

Text und Foto: Marco Heinen