24.06.2015

In seinem neuesten Buch erzählt Peter Schmidt-Eppendorf die Kirchengeschichte Nordstrands

Von Stürmen und Deichen

Es gibt keine deutsche Insel, deren katholische Kirchengeschichte Stoff für ein Buch hergibt. Außer Nordstrand. Seit 1654 gibt es dort eine katholische Gemeinde. Revolutionen und Glaubenskämpfe fanden hier ihren Niederschlag. Und Sturm war auf Nordstrand fast immer. 

Die drei Kirchen von Nordstrand in einer alten Karte: das katholische Oratorium (1), die altkatholische Theresienkirche (2), evangelische Kirche (3). 

Mit einem Sturm, nämlich der zweiten „Mandrenke“ von 1634, begann die Geschichte der Nordstrander Katholiken. Die Flut forderte 6400 Tote und jede Menge Land – und formte die heutige Küste Nordfrieslands. Mit dem Wiederaufbau beauftragte Herzog Friedrich III. einen Deichgrafen aus Brabant – und gab der Insel Religionsfreiheit; denn die französischen und niederländischen Teilhaber waren katholisch. In einem Vertrag wurde der Orden der Oratorianer mit der Seelsorge beauftragt. Die Ordenspriester zog der Missionseifer, aber auch die Aussicht auf gute Einnahmen  durch den vereinbarten „Zehnten“ in den Norden. 

91 Pfarrer haben seither auf Nordstrand gewirkt. Der letzte von ihnen, Msgr. Peter Schmidt-Eppendorf, hat jetzt die Geschichte seiner Vorgänger in einem Buch beschrieben: „Die katholischen Geistlichen auf Nordstrand 1654–1999“. „Das Material habe ich schon auf Nordstrand gesammelt“, sagt der Geistliche. Und das war nicht leicht. 1806 hatte ein Brand die meisten Dokumente zerstört. „Dreimal war ich in den Ferien in Belgien und habe dort in Archiven geforscht,“ sagt der Autor. Und auch der Zufall half. „Eines Tages klingelte es an der Pfarrhaustür und ein Student aus Belgien stand da.“ Er hatte das Tagebuch eines Oratorianerpaters namens Felix mitgebracht, der 1795 vor der Französischen Revolution nach Nordstrand geflohen war: mit der Kutsche über die zugefrorene Elbe. 

Ruhig war es auf Nordstrand nur in wenigen Phasen der Geschichte. Auseinandersetzungen, die Deutschland sonst wenig berührten, fanden auf der entlegenen Nordseeinsel einen Nebenschauplatz. 1740 spaltete sich die Gemeinde in zwei Lager. Der Ortspfarrer unterstand dem Bischof von Utrecht, der wegen seines Bekenntnisses zum Jansenismus mit päpstlichem Bann belegt war. Jansenismus war eine theologische Schule, die in ihrer Gnadenlehre von der katholischen Position abwich und sich durch moralischen Rigorismus auszeichnete. Während sich die Nordstrander Jansenisten in der Pfarrkirche St. Theresien versammelten, war das Oratorium mit den Patres und einem Teil der Nordstrander – römisch katholisch geblieben. Noch heute gibt es auf Nordstrand eine altkatholische Gemeinde, die sich auf die Utrechter Tradition zurückführt. 

Wenige Jahrzehnte später schlugen die Wirren der Französischen Revolution auf der Insel nieder. Viele verfolgte Priester suchten wie Pater Felix Schutz auf Nordstrand. Zeitweise lebten dort 13 katholische Priester gleichzeitig auf der Insel. 

Weil die Religion immer eine Rolle spielte, gab es auf Nordstrand auch viele katholische Einrichtungen, die in vergleichbaren Gemeinden mit gut 2200 Einwohnern unvorstellbar waren. Es gab das katholische Krankenhaus St. Franziskus, eine katholische Schule (2007 geschlossen) und das katholische Kinderheim St. Franziskus, das aus dem Krankenhaus hervorgegangen ist. Wenn das Kinderheim Ende Juli schließt, wird nur noch die Kirche St. Knud und ihre Gemeinde an die Stürme erinnern, die die Kirchengeschichte der Insel bewegt haben.

Peter Schmidt-Eppendorf stellt sein Buch am Samstag, 27. Juni um 10 Uhr
im Gemeindehaus St. Knud, Herrendeich 2, vor. 

Text: Andreas Hüser