09.12.2015

Fluchtgeschichten der Bibel, Teil 3: Jona verweigert seinen Auftrag

Wer vor Gott flieht, kommt nicht weit

Schrift erzählen von Fluchtsituationen. Wo Menschen am weitesten von der Heimat entfernt sind, begegnet ihnen Gott. 

Pottwal: Darstellung aus der „Gemeinnüzzigen Naturgeschichte des Thierreichs“ 1780

Das biblische Buch Jona hat einen lustigen Anfang. Es beginnt so: „Es erging das Wort Jahwes an Jona, den Sohn des Amittai. Steh auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe dort aus, dass ihre Bosheit zu mir gedrungen ist. Und Jona stand auf und fuhr nach Tarsis.“ Dazu muss man wissen. Ninive liegt in Babylon, also hätte Jona nach Osten gehen müssen. Tarschisch aber ist ein Ort in Spanien. Er bezeichnet den westlichsten Punkt der bekannten Welt. 

Dieser Anfang parodiert die Berufungsgeschichte des Abraham. Der Urvater Israels wird mit den gleichen Worten „Geh!“ aufgefordert, seine Heimat zu verlassen. Und Abraham geht. 

Das ganze Jonabuch hat komische Züge. Es erzählt im Märchenstil und mit Augenzwinkern von den Schwächen eines berufenen Gottesmannes und damit auch von den Schwächen aller anderen Berufenen. Jedes Kind weiß, was aus der Flucht Jonas vor Gott wird. Sein Schiff gerät in einen Sturm, die Seeleute werfen Jona über Bord und er wird von einem Fisch verschluckt. Die Flucht vor Gott ist vielleicht verständlich – in einer babylonischen Großstadt als Bußprediger aufzutreten gehört nicht zu den dankbarsten Aufträgen – aber zwecklos. 

Jona steht nicht allein, im Gegenteil. Die Figur des Berufenen, der sich ziert, begegnet uns in den biblischen Prophetengeschichten und in vielen Heiligenlegenden immer wieder. Der Ruf Gottes führt zu Ausreden wie „meine Lippen sind unrein“ (Jesaia), „ich bin zu jung“ (Jeremia), „ich kann nicht reden“ (Mose). St. Martin versteckt sich in einem Gänsestall, als er Bischof werden soll. Der hl. Gregor (der Große) lässt sich in einem Fass versteckt aus der Stadt Rom schmuggeln, nachdem er gegen seinen Willen zum Papst gewählt worden war. 

Natürlich ist keiner dieser Ausreißer weit gekommen. Was passiert mit Jona? Ihm bleibt nichts übrig, als nach Ninive zu gehen. Die Stadt ist noch größer, als er gedacht hat. Drei Tage braucht er, um sie zu durchwandern. Der Prophet hält seine Strafpredigt, zieht sich zurück und wartet auf ein schönes Feuerwerk, mit dem Gott den Sündenpfuhl vernichtet. Nun passiert das, womit Jona am wenigsten gerechnet hat. Die Niniveer bekehren sich. Nicht einige, sondern alle.

Nun flieht der Prophet zum zweiten Mal. Er setzt sich beleidigt unter einen Rizinusstrauch und schimpft mit Gott. Diese Flucht ist eine innere Flucht, noch schlimmer als die erste. Jona hadert mit Gottes Barmherzigkeit. Er hätte gern gesehen, dass die Menschen von Ninive sterben. 

Die Geschichte nähert sich dem guten Ende. Gott überzeugt Jona, dass seine Güte an erster Stelle steht. Wie Gott wirklich ist, kann er seiner eigenen Geschichte ablesen. Das Jona-Buch zeigt Gott nicht als Rächer, noch nicht einmal als gerechten Richter nach menschlichen Maßstab. Es zeigt einen Gott, der die Menschen behutsam und klug zum Guten führt. Wer sich von ihm abkehrt und vor ihm flieht, wird nicht vernichtet, sondern zurückgeholt. Gottes Reaktion auf die Bosheit der Menschen ist nicht die Härte, sondern die Barmherzigkeit. 

Noch etwas lehrt das Jona-Märchen. Die verruchte Stadt Ninive ist nicht so schlimm, wie es sich die Frommen vorstellen, vielleicht sogar wünschen. Es gibt für die Gläubigen keinen Grund, auf sie herabzusehen. In der „gottlosen“ Welt findet die Stimme Gottes vielleicht mehr Gehör, als wir es glauben. Auch heute.

Text: Andreas Hüser