25.05.2022

Das Leid lässt niemanden unberührt

Seit 1999 besteht eine Partnerschaft zwischen der Caritas im Norden Deutschlands und der katholischen Kirche in der Westukraine. 60 Besuche in der Ukraine hat der Verantwortliche Mathias Thees hinter sich. Aber bei der jüngsten Reise, vor einer Woche, war alles anders.

Im Gespräch mit Bischof Wasyl Iwasjuk in Kolomyia. | Foto: Caritas

Die Caritasbusse nehmen auf den letzten Kilometern einen kleinen Umweg, über einen Außenring von Lwiw. Sie haben sich informiert. Das scheint die sicherste Route zu sein. Unterwegs in einem Land, in dem Krieg herrscht, das ist eine neue Erfahrung. Aber alles geht gut. Einige Militärkontrollen sind zu passieren, aber die beiden Transporter werden freundlich durchgewunken. Das Caritaskreuz am Wagen ist auch in der westlichen Ukraine ein bekanntes Logo, das sagt: Hier kommt ein Hilfstransport. „Ein junger Mann klopfte mir an der Tankstelle auf die Schulter und bedankte sich spontan für die Hilfe Deutschlands“, berichtet Mathias Thees. „Und dies erlebten wir oft in den Tagen unserer Reise.“

Viele Hilfskonvois sind derzeit in die Ukraine unterwegs. Für Mathias Thees aber ist es der 60. Besuch. Er gehört zu den Verantwortlichen der Ukraine-Partnerschaft der Caritas im Norden. Neben ihm als Beifahrer sitzt Alfons Neumann (74). Er hat als Mecklenburger Caritasdirektor 1999 die Ukrainehilfe angestoßen – mit zwei Suppenküchen für Bedürftige. Seitdem ist Jahr für Jahr ein LKW mit Weihnachtspäckchen in die Städte Burschtyn, Kolomyja, Rohatyn und Iwano-Frankiwsk gefahren. Ohne die Sachkenntnis der deutschen Caritas wäre keine Selbsthilfegruppe für Eltern psychisch kranker Kinder entstanden. Katholische Altenheime in der Region haben (fast) deutschen Standard, Krankenhäuser und Schulen bekommen Geräte, die sie sich allein nicht leisten können.

Die Helfer haben ein Land im Umbruch erlebt. Der Weg von einem Satellitenstaat der Sowjetunion in ein demokratisches Land westeuropäischer Prägung war nie vergleichbar mit der deutschen Wiedervereinigung. Nach wie vor ist die Kluft zwischen Arm und Reich im Land riesig, die Löhne sind gering, die Korruption ist nicht beseitigt. Und: Krieg herrscht in der Ukraine nicht seit zwei Monaten, sondern seit acht Jahren. „Man trifft kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen und Nahestehenden in den Kämpfen verloren hat“, sagt Mathias Thees.

Trotzdem ist jetzt alles anders. Am 24. Februar aber kam der Krieg auch in den Westen. Russische Raketen explodierten im Flughafen Iwano-Frankiwsk. Die Rauchsäulen waren weithin zu sehen. Bald erreichte ein Strom von Menschen die Stadt, aus der 500 Kilometer nördlich gelegenen Region um Kiew, oder aus Mariupol. Die lange umkämpfte Stadt ist fast so weit entfernt wie Schwerin. Der Krieg im eigenen Land prägt das Leben auch dort, wo keine Bomben fallen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Priester einen gefallenen Soldaten beerdigen und Trauernde trösten müssen. Flüchtlinge müssen versorgt werden. Es sind traumatisierte Menschen, die über die Grausamkeiten des russischen Militärs erzählen. „Diese Berichte waren so erschütternd, dass uns mehrmals die Tränen in den Augen standen“, sagt Thees. „Das Leid der Menschen durch die Auswirkungen eines Krieges und dessen schlimmen Erlebnissen ließ keinen von uns unberührt und ist kaum zu verdauen. Aber die Menschen haben die Hoffnung nicht verloren, diesen Krieg zu überstehen, und den Glauben, ihn zu gewinnen.“

Was zu dieser Hoffnung beiträgt, ist die Solidarität der westlichen Nachbarländer, die Hilfsbereitschaft. „Und dass wir persönlich vor Ort waren, war für unsere Partner ein beeindruckendes Zeichen. Auch in dieser schlimmen Zeit gibt es Freunde, die da sind.“

Auf der Rückfahrt hatten die Caritasfahrer eine neue Beifahrerin im Wagen. Ein kleines Püppchen, Geschenk des Caritasdirektors in der Ukraine. Die Puppe hatte ein Kind mit den Eltern im Luftschutzkeller gebastelt, wo die Familie Schutz suchte, während draußen Bomben fielen.

Autor: Andreas Hüser